Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Mierauf begann eine Debatte über den Parteifonds. Es wurde eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, die bezwecken, die Sammlungen für den Parteifonds, zu einem besseren Resultat zu bringen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, die es allen Vereinen zur dringendsten Pflicht macht, im kommenden Winter in eine eifrige Tätigkeit für den Parteifonds einzutreten und überall die Sammlung so lange durchzuführen, bis jeder Verein einen seiner Mitgliederzahl entsprechenden Betrag abgeführt habe. Eine weitere Resolution verlangt seitens der Vereine die Pflege der hebräischen Sprache als einer lebenden Sprache. Der Konferenz lag ein ausführliches Referat Prof. Warburgs über Palästinafragen vor, das verlesen und mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Es wurde beschlossen, das Referat als Broschüre in englischer und jüdischer Sprache zu verbreiten. Die Nachmittagssitzung des zweiten Tages beschäftigte sich mit den Fragen des Nationalfonds und der Bank. Es wurde eine Resolution angenommen, wonach jedes Mitglied verpflichtet ist, wenigstens eine Aktie der Kolonialbank zu besitzen. Sehr ausgedehnt war die Debatte über Agitation und Propafanda. Man beschloß, ein Pressebureau einzurichten, das seinen itz in Montreal haben soll. Auch sollen zwei Zeitungen, eine englische und eine jüdische, subventioniert werden, die dafür die Verpflichtung übernehmen, sich der Federation zur Verfügung. zu stellen. Des weitern wurde beschlossen, ein permanentes Propagandakomitee einzusetzen und die von der Kopekenbibliothek herausgegebene Literatur unter den Mitgliedern zu verbreiten, Ein Antrag auf Gründung eines zionistischen B'nai Brith Ordens wurde angenommen. Abends fanden die Wahlen statt. Zum Präsidenten wurde Mr. Clarence de Sola wiedergewählt. Als Vizepräsidenten wurden gewählt die Herren: Alex Cash-Toronto, Holofcener-Ottawa, Levin- Montreal, Abramson-Kingston, Siegel-Toronto, Windman-Winnipeg. Schatzmeister wurde Mr. Bernstein-Montreal, Schriftführer Mr. Leo- Montreal. Nachher fand ein großes Bankett in der Victoria Hall statt Eine Menge zionistischer Ansprachen wurde gehalten." Konferenz der Landeskomiteemitglieder des Schweiz. Zionistenverbandes. Sonntag den 20. September fand in Zürich eine Zusammenkunft der Landeskomiteemitglieder des Schweiz. Zionistenverbandes statt. Die Beratung hatte in erster Linie den Zweck, den Rahmen der Agitation für den kommenden Winter festzustellen. Nach einem Bericht des Mitgliedes des Gr. A. C. Dr. Camille Levy-Biel über die Jahreskonferenz, wurde beschlossen, alle Kräfte anzustrengen, um der Parteileitung die in gegenwärtiger Zeit doppelt notwendige Unterstützung angedeihen zu lassen. Der Shäreklub, über den von Moritz Levy-Liestal Bericht erstattet wurde, hat trotz seines kurzen Bestehens bereits einen monatlichen Einlauf von fast zweihundert Franken zu verzeichnen. Für diese Institution wird weiter intensiv gearbeitet werden. Es wurde beschlossen, gleich nach den Feiertagen in allen Ortsgruppen einen Vortrag über die türkische Umwälzung und das jüdische Volk zu veranstalten. Tolstoi und der Zionismus Das „Neue Wiener Journal" veröffentlicht ein den Zionismus behandelndes Kapitel aus einem demnächst vom Dumaabg. Pergament herauszugebenden Buche „Tolstoi und die Judenfr age". Tolstoi setzt seinen bekannten äntizionistischen Standpunkt auseinander. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Unhaltbarkeit der Tolstoischen Kritik hier nachzuweisen. Es sei nur bemerkt, daß die Auslassungen Tolstois, der gegen eine landwirtschaftliche Siede- Iung von Juden in Palästina eigentlich nichts einzuwenden hat, von Gedanken nicht unbeeinflußt sind, die in den Einwendungen jüdischer Gegner vom Schlage der Redakteure der „Swoboda i Ravenstwo" häufig wiederkehren. Auch der prawoslawische Russe Herr Pergament in der Rolle des Herausgebers Tolstoischer Apercus über die Judenfrage will uns nicht behagen. Das beweist nichts für die neuesten Nationalassimilanten, vielmehr manches gegen den greisen Dichter. NACHRICHTEN Die Wiener Landtagswahlen und die Jüdische Nationalpartei Der' Jüdische Nationalverein hat in einer Vertrauensmännerversammlung zu dem Landtagswahlkampf Stellung genommen. iEs wurde beschlossen, in der Leopoldstadt für die sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmen. Von einer Persönlichkeit, die den leitenden Kreisen des Jüd. Nationalvereins nahesteht, erhielten wir folgende Aufklärungen über die Stellungnahme der Jüdischnationalen: Es muß zunächst festgestellt werden, daß den Wahlen in den niederösterreichischen Landtag nicht die politische Bedeutung beizumessen ist wie den Reichsratswahlen. Die nationale Frage, die noch in den Landtagen Böhmens oder Galiziens eine ausschlaggebende Rolle spielt, ist hierzulande vollständig ausgeschaltet. Der niederösterreichische Landtag ist vor allem ein Verwaltungskörper, nationale Forderungen können an ihn nicht gerichtet werden. Die jüdische Minderheit Niederösterreichs kann im niederösterreichischen Landtag nicht zur Geltung kommen. Der Jüd. Nationalpartei kommt es nicht auf die Eroberung eines Mandats an. Es konnte sich bei diesen Wahlen einzig und allein darum handeln, den Wählern die Grundsätze der Partei zugänglich zu machen, Aufklärungs¬ und Erziehungsarbeit zu leisten. Weder Sozialisten noch Liberale entsprechen unseren Anforderungen. Beide nehmen in der Judenfrage einen rückschrittlichen, assimilatorischen Standpunkt ein. Trotzdem mußten wir uns für eine dieser Parteien entscheiden,. -denn es gilt die Anstrengungen der Christlichsozialen, diesen Wahlkreis zu erobern, abzuwehren. Die Wählerschaft erwartet nicht nur Kritik, sondern eine richtunggebende Wahlparole. Da heißt es, denjenigen Gegner der Antisemiten zu unterstützen, der ihnen am kräftigsten entgegentreten und am unangenehmsten werden kann. Es braucht doch nicht gesagt zu werden, daß die Ofner-Hocksche Partei kein Machtfaktor ist. Ihr zum Siege zu verhelfen, liegt um so weniger Grund und Anlaß vor, da die Erfolge dieser Gruppe nur die schädlichen Illusionen von einer Wiederaufrichtung des Liberalismus nähren können. Die Sozialdemokraten, auch wenn sie gewählt werden sollten, werden vom jüdischen Bürgertum der Leopoldstadt nicht als seine Vertreter im Landtag angesehen werden. Begreifen aber die Juden der Leopoldstadt, daß die Sozialdemokrat. Landtagsabgeordneten sie sozial nicht vertreten können, so wird es bei den nächsten Wahlen nicht schwer fallen, sie zu überzeugen, daß die deutschen Sozialdemokraten die Wiener Judenheit auch, national zu vertreten nicht vermögen. Der Jüd. Nationalverein wird Wahlversammlungen, wie die am Dienstag den 22. Sept. stattgefundene, einberufen und seinen Standpunkt den Wählern gegenüber vertreten. Er wird an beiden Parteien, die um die Gunst der jüdischen Wählerschaft werben, Kritik üben und stets betonen, daß nur taktische Erwägungen den Entschluß bedingten, für die Sozialdemokraten einzutreten. Sternbach und das theologische Institut in Lemberg Professor Sternbach wurde wiederum zum israelitischen Mitglied des galizischen Landesschulrates ernannt. Der Herr Professor gehört zu den wütendsten Zionistenfressern und glühendsten Polenpatrioten. Seine Neuernennung soll ihn offenbar über das Mißgeschick seines Werkes — des Israelitischen theologischen Landesseminars — trösten. Denn das Unternehmen, das seit der erregten Debatte beim Bundestag in Wien vielleicht noch in Erinnerung unserer Leser ist, ist als gescheitert zu betrachten. Die Rabbinerakademie sollte nach den Plänen Prof. Sternbachs, des in Aussicht genommenen Direktors, dem Übel dör zionistischen Verseuchung des Rabbinernachwuchses abhelfen.- Es sollte eine israelitisch-schlachzizische Pfaffendrillanstalt geschaffen' werden, in der Lehrer und Schüler nicht nur im Geiste der Treue zum Polentum wirken. Schriftlich sollten sie sich zur polnischen Nationalität und zum allpolnischen, in den Meßanstalten der Nationaldemokraten geaichten Patriotismus bekennen. Es war zu arg. Die Polonisierungsabsichten waren zu deutlich. Die Jüdischnationalen und Zionisten entfesselten eine Gegenpropaganda. Die Orthodoxen schlössen sich ihnen an. So kam es, daß von 300 jüdischen Gemeinden Galiziens nur eine verschwindend kleine Anzahl die Subventionierung des Seminars versprach. Dem Institut kamen nur etwa 56.000 Kronen einmalige Spenden zu. Die versprochenen Jahresbeiträge aller galizischen Kultusgemeinden betragen insgesamt 8000 Kronen jährlich. Also ein jämmerliches Resultat, das beweist, daß die öffentliche Meinung sich auch diesmal den zionistischen „Hetzern" angeschlossen hat. Die Herren, die in Lemberg für das neue Institut schwärmten, weil die Wiener Lehranstalt germanisiere, scheuten sich freilich nicht, die „hakatistische" Wiener Baron-Hirsch-Stiftung anzuschnorren. Diesmal wurden sie abgeblitzt. Kurz, Niederlagen auf der ganzen Linie. Und die Sternbachsche Gründung ist in Frage gestellt. Nun, wer weint aber der Lemberger Rabbinerschule bittere Tränen nach? Die jüdische Bevölkerung? Die Rabbiner? Nein! Ganz und gar nicht. Aber das . . „Slowo Polskie", das Organ der Allpolen seufzt gebrochen: „szkoda" (Schade)! Daß die Allpolen sich für jüdische Theologie erwärmen. .. . Man weiß, was dahinter steckt.