Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-10-02 · 39 (2.10.1908) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316336--51105-3378722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Die „unabhängigen Judena Der Erfolg, wenn auch der lokale, des Herrn Abg. Dr. Groß und seiner Partei, der sogenannten „unabhängigen Juden", beruhte auf der schwankenden Voraussetzung, daß es wenige Leute gibt, die gleichzeitig sein polnisches Blatt und die jüdische Beilage lesen. Denn, wer an einem nicht genug hatte und die Kenntnis beider Sprachen besaß, hätte sich ohne weiteres überzeugen können, daß Abg. Groß ein Doppelspiel treibt. Er ist sehr jüdisch in der jüdischen Beilage und schillert polnisch-vaterländisch in dem polnischen Hauptblatt. Hüben liebäugelt er mit den bildungsfeindlichsten Orthodoxen, drüben ist er so sozialistenfreundlich, daß die Sozialdemokraten ihm keinen Kandidaten gegenüberstellen. Die „Unabhängigen" sind aber nicht nur doppelgängig. Auch ihre Politik ist derart eingerichtet, daß die eine Aktion von der darauffolgenden gänzlich unabhängig ist. Im Reichsrat gebärdet sich Herr Dr. Groß „wild". Er schloß sich im Parlament keiner Partei an. Nun gelangte aber sein Parteigänger, Dr. Ignaz Landau, im Wege des Kompromisses in den galizischen Landtag. Was tat der „unabhängige Jude"? Erschloß sich der polnisch-demokratischen Fraktion des Landtages an. Derselben Fraktion, die im Reichsrat in dem Polenklub sitzt. Also, was sind die Herren Groß-Landau? Unabhängige Juden, demokratische Polen, oder beides gleichzeitig? Die „Unabhängigen" eigneten sich vorläufig nur den einen Grundsatz zeitgenössischen Politisierens an: am besten fährt man, wenn man grundsatzlos ist. Der galizische Landtag und die Juden Feierlich wurde vor einer Woche der galizische Landtag eröffnet. Landmarschall Badeni und der neue Stadthalter Bobrzynski hielten lange Reden, in welchen viel über die Bedürfnisse des Landes, über die Not der Bevölkerung und über die Maßregeln gesprochen wird, welche bald zu ergreifen sind, um die ökonomische und kulturelle Entwicklung Galiziens zu beschleunigen. Nicht mit einem Sterbenswörtchen wurden die Juden erwähnt. Badeni, der Vertreter des autonomen Galiziens und Bobrzynski, der verantwortliche Leiter der Verwaltungspolitik der galizischen Schlachta vor der Zentralregierung, sprachen von zwei Nationen, welche Galizien bewohnen; von den großen Schäden, welche das Gewitter angerichtet hatte; von den Bedürfnissen der Bauernschaft u. dergl., aber keine einzige Phrase wollten sie der Judenfrage, die doch jetzt in Galizien so sehr aktuell ist, widmen. Und doch hat der letzte Landtag erst nicht lange zuvor eine Resolution gefaßt welche auf ein allmählich fortschreitendes Verständnis für die Judenfrage unter der polnisch-herrschenden Klasse hindeuten könnte. Man ist damals durch die Rede Löwensteins über das schreckliche Elend der Juden gerührt worden und man beschloß, sofort die Ursachen dieser Verelendung der jüdischen Bevölkerung zu untersuchen, um eine Hilfsaktion einzuleiten. Ist das Mitleid schon vorüber? Oder hat Löwenstein diese traurige Stimmung nur deshalb hervorgerufen, um auch die jüdischen Wähler bei den bevorstehenden Reichsratswahlen weich zu stimmen? Weder der Landmarschall noch der Statthalter haben in ihren Reden die jüdische Frage in Galizien berührt. Und das, obwohl in Galizien über #00000 Juden leben, welche fast 12o/0 der ganzen Bevölkerungsziffer ausmachen. Man will, im Landtag über die Juden nicht sprechen, trotzdem sie besonders zu der Klasse der steuerzahlenden Bürger, durch welche die Landtagsabgeordneten doch gewählt werden, einen hohen Prozentsatz liefern; trotzdem sie den ganzen Handel, die Industrie und einen beträchtlichen Teil der Landwirtschaft in ihren Händen haben, und, — was uns noch wichtiger scheint, — trotzdem die Juden jetzt eine politisch reife und selbständige Gruppe geworden sind. Die „galizischen* Wahlen" haben erwirkt, daß die Zionisten im Landtage keine Vertreter haben, und die sechs Juden aus der Assimilationspartei, welche im Sejim dank der Gnade des Statthalters einen Sitz „eroberten", zeigen keine Lust, etwas Positives für die jüdische Bevölkerung zu tun. So ist also im neuen Landtage bis auf weiteres die Judenfrage totgeschwiegen worden. Und was in den toten Akten und Landesausschußanträgen über die Juden gedruckt worden ist, läßt sich in den Worten ausdrücken : totschweigen wollen. Das jüdische theologische Seminar — berichtet der Landesausschuß — wird nicht Zustandekommen. Man muß bedenken, daß schon seit 30 Jahren die Frage eines jüdischen Seminars im galizischen Landtage aktuell ist. Und doch ist es ihm leider" nicht „gegönnt", dieses Seminar errichten zu können. Die Enquete über die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung wird — berichtet weiter der Landesausschuß — veranstaltet werden. Die Resolution Löwensteins, welche bereits vor 1' - Jahren angenommen wurde, lautete, daß man diese Enquete sogleich einberufen soll. Der Landesausschuß will aber nicht ■ zu eilig handeln. Vor den Landtagswahlen, versicherte zwar Löwenstein seinen jüdischen Wählern, daß diese Enquete schon in den nächsten Tagen stattfinden wird. Wahrscheinlich will man aber mit der Einberufung bis zu den nächsten Reichsratswahlen warten. Die Enquete soll nämlich als Lockmittel des Polenklubs dienen. Werden die Juden artig und recht gehorsam sein, dann wird man die „beglückende" Enquete einberufen. Sonst nicht. Auch im Budget werden die Juden totgeschwiegen. Ärmliche paar tausend Kronen für eine jüdische Schule, für Unterstützung von zwei oder drei jüdischen Vereine (darunter die rühmlich tätige Goldmanöwka) und nichts mehr. Dafür sind aber mit großen Summen christliche Vereine unterstützt worden, welche sich der „Mission" widmen und jüdische Kinder entführen und wegtaufen. Für jesuitische Schulen und Anstalten sind Unsummen da, trotzdem das Land ein Defizit von 11 Millionen in diesem Jahre aufweist. Sie ist wirklich herrlich schön, die galizische Autonomie. Insbesondere aber können die Juden viel von Badeni,Bobrzynski und ihrem jüdischen Gehilfen Löwenstein erwarten. Vom Hilfsverein Am 21. September fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Es wurde u. a. über das Projekt beraten, einen Zusammenschluß der großen jüdischen Vereinigungen für bestimmte Fälle zu organisieren. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der bereits anläßlich der ersten Kischinewer Pogrome eine solche Gesamtorganisation in Vorschlag gebracht hatte, und der nach den Pogromen im Jahre 1905 die Anregung zu dem Zusammenwirken der großen Organisationen gegeben hatte, wodurch alsdann auch eine schnelle und rationelle Hilfeleistung ermöglicht wurde, hat seine volle Sympathie für die Idee ausgesprochen, in geeigneten Fällen das Hilfswerk durch Kooperation der berufenen jüdischen Vereinigungen zu zentralisieren, und er hat sich prinzipiell bereiterklärt, einer praktischen, zweckentsprechenden Gesamtorganisation beizutreten. Wie diese Gesamtorganisation herzustellen und wer ihr angehören soll, darüber werden weitere Verhandlungen geführt werden, vor allem auch in Rücksicht auf die Bestrebungen des Komitees, das unter Vorsitz des Herrn Justizrats Horwitz, Berlin; dem gleichen Ziel zustrebt. Es wurde alsdann in der Sitzung eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen, u. a. für Erziehungsanstalten und Schulen im Orient und für Institute in Deutschland, die sich im Dienste des Hilfswerks für die osteuropäischen, vor allem die russischen Juden, betätigen. Bei dem Umschwung der Verhältnisse in der Türkei ist die Vermehrung und Verbesserung der Bildungsgelegenheiten daselbst von besonderer Bedeutung. Es wurden dementsprechend Mittel zur Entsendung deutscher Lehrkräfte für Schulen in Konstantinopel bewilligt, deren Reorganisation und Ausbau der Hilfsverein übernommen hat Geeignete Persönlichkeiten sind bereits gewonnen, und sie treten zum Oktober ihre Stellungen daselbst an. Auch nach Bulgarien sind zwei neue deutsche Lehrer; an Stelle abgehender entsandt. Zur Begründungeines Kindergartens — diesem für den Orient so eminent wichtigen und segensreichen Institut — in Saloniki wird der Hilfsverein seine Unterstützung durch Hergabe der erforderlichen Mittel verleihen. Ferner wurde die Begründung einer Wanderbibliothekin Aussicht genommen, die insbesondere einer Reihe kleinerer Ortschaften in Palästina zugute kommen soll. Herr James Simon machte eine besondere Zuwendung in Höhe von 3000 Mark zur Herausgabe und Verbreitung von Schriften für die Jugend im Orient, Schriften unterhaltenden und belehrenden Inhalts, Lieder usw. Literatur für die jüdischen Kinder im Orient, die nach der Entwicklung der dortigen Verhältnisse in der Hauptsache hebräisch geschrieben sein müßte, fehlt noch fast völlig resp. es ist noch nicht an eine passende Zusammenstellung für den gedachten Zweck gegangen. Der Segen der durch geeignete Lektüre für Phantasie, Gemütsleben und die Weltkenntnis der Jugend in ihrem empfänglichsten, bildungsfähigsten Alter gestiftet werden kann, ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Die versammelten Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses gaben zu der schönen Anregung des Herrn James Simon und seiner hochherzigen Zuwendung ihren lebhaften Beifall kund. Für den Israelitischen Untersiützungsverein für Obdachlose in Hamburg, der die osteuropäischen Durchwanderer beherbergt und der ein neues Heim für sein ebenso notwendiges wie segensreiches Werk errichten muß, wurde eine Beisteuer gewährt. Auch der Hilfsverein für kranke russische Israeliten an der Ostgrenze, in Königsberg i. Pr., an den gleichfalls hohe Anforderungen gestellt werden, erhielt einen Zuschuß. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.