Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-10-02 · 39 (2.10.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316336--51102-3378719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

neuen Lebensfrühlings bedeute, eines Lebens voll Wahrheit, Sonne und ewigen Lichts. Und schon dreißig Jahre, dreißig wie die Jahrhunderte lange Jahre hat er das Licht nicht mehr gesehen, denn er war kaum fünfundzwanzig Jahre alt, als es der immer gerechte Himmel gewollt hat, daß er des Augenlichtes beraubt, in ewiges Grabesdunkel für das ganze Leben versenkt werde. Während dieser langen Zeit sehnte sich seine Seele nach dem Licht mit demselben brennenden Verlangen, mit dem sein Vaterherz nach dem Anblick seines jüngsten Sohnes schmachtete, den ihm der liebe Gott vor zwanzig Jahren zum Trost auf die alten Jahre gegeben hat. Und während er jetzt mit dem Tode rang, dessen eisigen Hauch er schon in und um sich spürte, dachte er darüber nach, ob er des Jenseitslebens teilhaftig werden könne, ob er es durch sein irdisches Leben verdient hätte, ob es ihm das Licht oder noch grausigere Abgründe der Finsternis bringen werde. Vor einem Augenblick waren sie alle insgesamt hier: seine Kinder und die Enkel, und er küßte die ihm unsichtbaren Gesichter und er segnete sie, und sein Herz sagte ihm, daß er zum letztenmal ihre heiße Tränen auf seinen abgemagerten, dürren Händen fühle, daß es sein letzter „Erew Jom-Kippur" sei. Jom-Kippur. . . Auch die kleinsten Kinder und die schwächsten Greise eilen an diesem allerheiligsten der heiligen Tage nach der Synagoge, um den Schöpfer des^Weltalls und den Richter aller Wesen um Vergebung für die eigenen Sünden, für die Sünden der Nächsten und des ganzen Volkes Israel anzuflehen. Er ist aber schon so elend, so jämmerlich elend, daß nicht nur er selbst nicht mehr imstande ist, sich nach der alten, kaum dreißig Schritte entfernten Synagoge hinzuschleppen, sondern er hat auch seinen jüngsten und geliebtesten Sohn hier an sich gekettet. Seine schmerzerfüllte Seele weint und seufzt, sein Herz blutet und sein ganzes Wesen zerfließt in einem Jammerschluchzen, daß er nicht mehr wie ehemals, wie stets, sich dort am „Omud" befinden kann, in der Mitte des Chors, in der heiligen Schul, Gott zu ehren und zu preisen und um Erbarmen für das auserkorene, unglückliche, leidende Volk Israel anzuflehen. In diesem Chor sahen die Frommen den blinden Löbel und horchten seiner schönen Baßstimme beinahe fünfzig Jahre lang; denn kaum sieben Jahre war er alt, als tihn seine Eltern der Obhut des alten Chasen Mosche als „kleinen. Singer" anvertraut hatten, und so waren ^die Synagogehallen — die süßen Auen seiner Kindheit Seit jener Zeit kreiste des Schnitters Sichel schonungslos; schon war der dritte Chasen tot, und Löbel stand noch immer am „Omud", und seine mächtige, klangvolle Stimme schwang sich an jedem Sabbat und Feiertag in heißempfundenen Gebeten bis an den Thron des Königs der Königs und umspannte mit einem großen, heiligen Schauer die Himmelsengel und die Menschenseelen. Schattensacht glitt Abenddunkel nieder, aber Löbel merkte davon nichts, er fühlte bloß eine schneidende, dürre Kälte, die bis in das innere Mark der Knochen und in die Tiefe des müden, schmerzgepeitschten und von Todesahnungen erbebenden Herzens drang. Das Licht aus der Synagoge, das aus einem gegenüberliegenden Fenster hervorquoll, blitzte durch eine Scheibe dieser kleiner Wohnstube wie eine Feuerlilie; sie strahlte purpurn in "das Innere dieser Stube hinein und verdunkelte das Licht der Wachskerze und ihrer kleineren Stearin- und Talggefährtinnen. Ein leises Geräusch, ein sehnendes Geflüster flog aus der alten Synagoge heran, ein trauter Hauch wehmütiger Ehrfurcht schwebte und umwehte die Krankenstube, und bald wuchs das Murmeln zu einem gewaltigen, wogenden, und tosenden Gebet Hunderter von Menschen . heraus, das von heißer, lechzender Glaubeswonne glühte und von weinendem Sturmeswehen durchflutet war. Da — wurde es plötzlich still, und der Chasen stimmte in Begleitung seines Chors das „Kol-Nidre"- Gebet an, — anfangs still, aber im wachsenden Brausen immer lauter und machtvoller aufjauchzend. Löbel fühlte, daß nicht nur der Chor, nicht nur ein Teil der Juden dieser Stadt, nicht nur das jüdische Volk, sondern daß auch alle Völker der Erde, die ganze Natur, Tiere und Pflanzen, sogar Steine, das ganze Weltall, — alles, alles mit dem Chor den heiligen, großen bis in die Unendlichkeit flutenden Gesang mitsingt. Und es schien ihm, als ob die ganze sonnenreiche Vergangenheit, die ganze Mühsal der düstern Gegenwart und die rätselhaft verklärte Zukunft mit ihren holden Wundern in diesem Gesänge zitterten. Löbel fuhr plötzlich auf, und ein fürchterlicher Schrei entrang sich seiner Brust, daß es schien, als ob der sterbende Greis den ganzen Rest seiner Kräfte jetzt ausgeschrien hätte. Er setzte sich auf im Bette, bedeckte das hohlwangige Leichengesicht mit den skelettdürren Fingern, und als sein Sohn in unsäglicher Angst stumm erbebend an ihn herantrat, rief er ihm mit kraftvoller Stimme zu: Sing mit mir! Er stimmte seinen letzten „Kol-Nidre" an, und er sang ihn so wundersam schön, so entzückend, daß es schien, als ob mit dem letzten Ton dieses Gesanges alles, das ganze Weltall zusammenstürzen und in nichts zerfallen müßte. Denn er goß in diesen Gesang all seine erstickten Tränen, all die Galle aus dem Schmerzenskelche, den er bis auf die Hefe geleert, das dreißigjährige bange Sehnen nach Licht, das endlose tausendjährige Leid des " unglücklichen Volkes, das furchtbare Himmelsgericht •i^si^^g * .^.s ^.r\n ii^k&i*i&fUi^M&i£ä-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.