Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rechnungsführer der Staatskasse im neuen Regime nicht mehr aus ihrer Ruhe stören als im alten. Die erlangte Freiheit benutzend, glaubte die Bevölkerung sich nunmehr auch von der Zahlung der Steuern befreien zu können, so daß die Regierung sich veranlaßt sah, in den Provinzen mit Hilfe von Gendarmen die ihr zukommenden Gebühren einzukassieren. Sie veranlaßte auch die kaiserlichen "Prinzen, 40 bis 50 Tausend Grundstücke des Wakuf, die denselben widerrechtlich zugewiesen wurden, dem Ministerium der toten Hand zurückzuerstatten. Auch die großen Ersparnisse, infolge der Reorganisation der Ministerien sind dazu geeignet, das Haben im Staatsbudget zu vergrößern, all diese Maßnahmen genügen aber bei weitem nicht, selbst den dringendsten Anforderungen zu genügen. In den ersten Tagen der Verfassung hatten wohl die Banque Ottomane und die Dette Publique bereitwilligst einen Vorschuß gewährt, der wenig gedeckte Kredit war aber bald erschöpft. Und jetzt wo die Bedürfnisse immer mehr in die Höhe steigen, wo die Beamten in immer lauterer Weise ihre Saläre und Rückstände fordern, wo Kiamil Pascha nicht einen Buchstaben seines von der öffentlichen Meinung sanktionierten Programms ohne den nervus rerum ausführen kann, spricht schon die Staatsbank eine andere Sprache, sie stellt zu harte Bedingungen — sagt der Großwesir. Aber wenn die europäischen Konsortien die Lage als unsicher betrachten und noch weniger Entgegenkommen'zeigen, mußte Herr Generaldirektor Deffes als Sieger hervorgehen. Die osmanische Regierung hat heute eine Anleihe von 3 Millionen 400000 türkische Pfund aufgenommen, die Banque Ottomane steckt nicht nur einen ungeheuren Profit ein, sondern auch die Ehre, aus der Privatschatulle des Sultans die Sicherheit für ihr „bereitwilliges Entgegenkommen" erhalten zu können. Eine große Anzahl von kaiserlichen Domänen, darunter auch Besitztümer in Jerusalem, die eine jährliche Rente von 440000 türkische Pfund einbringen, werden verpfändet werden, um die notwendigen Geldmittel aufzubringen. Die Regierung hätte vielleicht auf dieses kaiserliche Geschenk verzichten und einen ^Vorschuß von einer englischen KapitalistengruppeJ! unter Führung Herbert Nicholsons gegen Erteilung von Petrölenmminenkonzessionen in Bagdad und Mossoul erhalten können, aber vorläufig scheint die Regierung eine heilige Scheu vor derartigen Operationen zu haben, oder hat sie sich diesen Coup für später aufbewahrt? Mit der Ankündigung, daß die große Anleihe zum Kurse von" 85 perfekt geworden ist, meldet auch der „Sabah" von weitern bevorstehenden Finanzoperationen. . Diejenigen Spekulationen, die früher auf der ewigen finanziellen Klemme der türkischen Regierung aufgebaut waren und deren wucherische Interessen nur mit Hülfe des alles erkaufenden Backschich errungen werden konnten, haben heute sicherlich keine ernsten Aussichten auf Erfolg. Mit dem Erscheinen der Konstitution hat sich aber die finanzielle Lage nicht geändert; im Gegenteil, neue Forderungen sind an die Regierung herangetreten, und Finanziers, die ihre Vorteile in einer wirtschaftlichen Erstarkung des osmanischen Reiches suchen, werden sicherlich ein wohlwollendes Entgegenkommen bei der Regierung, wie beim Volke finden. Nicht nur an das ausländische Kapital ergeht der Ruf, sich in der Türkei zu betätigen, sondern auch an die finanziellen und technischen Kräfte Europas. Zur Reformierung der Finanzen besteht die Absicht, Charles Laurent zu 'berufen. Der berühmte englische Ingenieur Wilkox, der die Bewässerungsarbeiten in Ägypten ausgeführt hat, soll auch dem Boden Mesopotamiens seine alte Fruchtbarkeit wiedergeben; die ganze Hoffnung des wiedererwachten Volkes stützt sich auf die natürlichen Schätze des Reiches, sie allein sollen das Land groß und reich machen. Wo sind aber die Männer, die in der selbstlosen Art des gemeinschaftlichen Interesses' die neuen Unternehmungen ins Werk setzen sollen? Schon werden Stimmen laut, <lie die ausländischen Kräfte aus politisch weniger bedeutenden Staaten rekrutieren wollen, von da bis zu, den mit dem osmanischen Reiche in ein politisches Ganzes zu verschmelzenden Juden ist nur ein Schritt. Ein Rothschild, der in Palästina noch zu einer Zeit, wo jede Kapitalsanlage im ottomanischen Reiche weniger gesichert war, Millionen hineingesteckt hat, wird wohl jetzt viel eher dazu bereit sein, dem Lande neuen Kredit zuzuführen. Fast wollen wir glauben, daß die Kolonisation Palästinas durch die Juden nicht weniger im Interesse der türkischen Regierung als in dem der Juden selbst liege. Der einzige Weg zur finanziellen Gesundung des Staates kann-nur in der größeren inneren Ertragsfähigkeit des Landes gesucht werden. Wie aber einst die Protestanten, aus dem katholischen Frankreich vertrieben, in ihrer neuen Heimat neue. Industrien' und Erwerbszweige einführten, werden auch die aus ihren jetzigen Wohnländern hinausgeekelten Juden den Mitbürgern ihrer alt-neuen Heimat neue Reichtümer erschließen. An den ökonomischen Errungenschaften der Juden wird das ganze ottomanische Volk Anteil nehmen; die moralische Erleichterung wird den Juden selbst zugute kommen, aber auch die Türken werden ein glorreiches Blatt ihrer Geschichte geschrieben haben. Sprachfragen Der Türke spricht Spaniolisch, der Spaniole Türkisch. Die ausgedehnte Sprachenkenntnis ist ja im allgemeinen eine Spezialität des Orients, und wenn sie auch nur so weit reicht, um den Fremden eine Barke, eine Ware oder im Restaurant eine Speise anzubieten, so muß man doch erstaunen, wie der Orientale mit morgenländischer Märchenhaftigkeit ein Herr des Fremden ist. Daß aber auch die Beherrschung des von einigen Hunderttausend Juden gesprochenen spaniolischen Idioms in den orientalischen Sprachschatz hineingehört, hat Dr. Riza Tewfik Bei in Saloniki bewiesen. Dieser vielbegabte jungtürkische Führer hat als Kind während 7 bis 8 Jahren die Allianceschule „Zion" in Dag Chamam besucht, wo er Französisch, Hebräisch und Spaniolisch lernte. Schon vor einigen Jahren hatte einer unserer zionistischen Freunde Gelegenheit, sich mit Riza Tewfik im Hebräischen über den Zionismus und die Juden zu unterhalten, wobei er eine ziemliche Kenntnis des Zionismus zeigte. In Saloniki, an der Wiege der neuen ottomanischen Freiheit, wo die Juden alle andern Völkerschaften an Zahl und Einfluß überragen, nahm er Gelegenheit, vor einer tausendköpfigen Menge eine spaniolische Rede zu halten. Er sprach von dem lärmenden Empfang, der ihm in« der Synagoge von Galata erwiesen wurde, von den persönlichen Reibereien .unter den Juden und forderte sie zur Einigkeit und Organisation auf, damit sie in ersprießlicher Weise an der Wiedergeburt des Reiches mitarbeiten können. Er sparte auch nicht mit Liebenswürdigkeiten dem jüdischen Volke gegenüber, aber sicherlich bedurfte er nicht dessen, um sich die Sympathien der Juden zu erwerben. Obwohl Türke von Geburt, ist er doch mit Juden aufgewachsen, und als er, von der notwendigen Solidarität unter den Juden sprechend, in ausgesprochenem Konstantinopeler spaniolischem Akzent die Devise der Alliance „kol Israel arewim se bose" zitierte, konnten seine türkischen Gesichtszüge den letzten Zweifel über sein gutes und aufrichtiges Judentum nicht mehr aufrecht erhalten. Es ist schwer zu sagen, ob gerade das Spaniolische Riza Tewfiks die folgenden Redner herausforderte, zu der versammelten Juden- . menge türkisch zu sprechen. Der an der Versammlung teilnehmende Rabbi Jacob MeTr hat wohl kaum nach dieser Richtung eine Pression ausgeübt Für einen jüdischen Parlamentskandidaten oder einen, der es werden möchte, kann es vielleicht nur natürlich sein, wenn er ein öffentliches Examen im Türkischen ablegt; glaubt er denn aber auch, die Stimmen der jüdischen Wähler durch ein rein türkisch-kulturelles Programm zu erhalten? „Die Fusion ^der ottomanischen Völkerschaften", meinte der Spaniole Russo in türkischer Sprache, „muß neben der allgemeinen Wehrpflicht durch die Verbreitung der türkischen Sprache erfolgen." In noch drastischerer Form plädierte im „Jeni Asr" ein Herr Cohen für die Adoption der türkischen Sprache als Umgangssprache der Spaniolen; die Juden müßten das Spaniolische, das sie an die Inquisition, an die Austreibung erinnere, von sich werfen und die Sprache der gastlichen Türkei sich zu eigen machen. Der aussichtslose jüdische Parlamentskandidat in-Könstantinopel, der Advokat Kjemal Efendi, sendet sogar an den spaniolischen „Tiempo" eine Rechtfertigung seiner undelikaten Besserungsmethode für die jüdische Nation in türkischer Sprache. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der sentimentale Zug der Einigkeit besonders bei den stützlosen Juden die assimilatorische Form der Pseudoeinheit hervorgerufen hat Die Spaniolen in der europäischen Türkei werden aus rein praktischen Gründen die türkische Sprache, wenn auch infolge des Mangels an Schulen sehr langsam, schließlich annehmen, auch ohne patriotische Gefühlsduselei. Solange durch die Verfassung die türkische Sprache als Staatssprache anerkannt ist, wird auch jeder Ottomane zum Verkehr besonders mit den zentralen Staatsorganen diese Sprache gebrauchen müssen; hieraus aber die Pflicht einer Fusion mit den Türken ableiten, hieße auf Rechte verzichten, die die Türken selbst den andern Nationalitäten zuerkennen. Durch die konstitutionelle Proklamation der Staatssprache haben die Türken absolut nicht gewünscht, die Juden mögen die Gesänge Jehuda Halevis, die Griechen ihren Homer gegen Kiamils Vatan eintauschen. Die besten Freunde der Türken werden, wir sein, wenn wir ihnen das bieten, was dem Lande fehlt: gute Ärzte, Ingenieure, Kaufleute und Arbeiter, nicht aber nur türkisch schwatzende Menschen; oder glauben die Herren Cohen, Kiemal und Genossen, daß es gerade die türkische Sprache sei, was den Türken am meisten fehle? Indessen erteilt der „Pharos tis Salonikis" den Juden griechische Lektionen. Im Verein mit dem jungtürkischen Komitee hatte Rabbi Jacob MeTr die Juden aufgefordert, die bulgarischen Ausflügler freundlich zu empfangen. Dies konnten die Erzfeinde der Bulgaren, die. Griechen, den Juden nicht verzeihen, — den Jungtürken verzeiht man leichter so etwas, und in den schönsten Tonarten des Drumontschen und Luegerschen Antisemitismus wußte dieses saubere Lokalblättchen über die Juden' herzufallen. Es fanden Zusammenstöße zwischen Juden und