Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wie bei dem großen Niederländer, ist dies auch der Grundton der meisten seiner Schöpfungen und am ausgeprägtesten im „Uriel Acosta und Spinoza", wo diefinster suchende, von tiefem Wahrheitsdrängen beseelte Gestalt Acostas in der Zukunft deslichtumflossenen Knaben Hoffnung und Lösung entdeckt. Tragisch ist es wohl auch, daß, als Hirschenberg nach Palästina kam, sein Auge hier noch so wenig Lichtnahrung finden konnte. Zu dem Volk, dem er doch die ergreifendsten Gestalten und dessen eigene Tragik ablauschte, scheinter wenig unmittelbar-persönliche Fühlung gehabt zu haben. Und hier lebte er in bescheidenvornehmer Zurückgezogenheit, fast nur von wenigen Schülern geschätzt und verehrt. Jerusalem kannte ihn überhaupt nicht. Und auch er fand hier keine strahlenden Kuppeln, keine Sonne über reinen Heiligtümern, keine jesaianische Friedensvision. Vielleicht war es seine Schranke, daß er die Zukunft nicht gestalten konnte, an die Vergangenheit gefesselt war, — mochte auch seine Fessel Liebe heißen. Oder er hatte nur noch nicht den Übergang gefunden zu dem leuchtenderen Himmel, zu den zarteren Farbentönen der Landschaft und zu dem Traum vom Zukunftsjuden. Und er suchte in Jerusalem nurErinnerungsgestalten, den veredeltesten Golusjuden, verzauberte Könige in Kaftan und Schmachtlocken, grandios-düstere Sauls und Absaloms. Wohl scheint Hirschenberg Jerusalem in seiner Weise geliebt zu haben. Er wünschte seine zum Teil noch geplanten Palästinabilder in einer besonderen Ausstellung der Welt zu zeigen, und zu seinen Lieblingsplänen gehörte es, in Palästina ein Zentrum jüdischer Künstler und im Bezalel Arbeitsateliers für freie Künstler überhaupt einzurichten. Nicht groß war die Zahl derer, die ihn hinausbegleiteten auf dem langen Wege um die alte Stadtmauer und durch das Kidrontal: Zwischen Steinen und Gräbern mußte man beim Scheine einiger Laternen klettern, und fast schwierig war es, den Körper des Toten an seine Stätte zu bringen. Die rohen Gewerbsleute des Todes wußten wohl nicht, wen sie da trugen. Sie ahnten auch nicht, daß da eine Seele, die zu sehen verstand, durch ein verborgenes Band selbst mit ihnen noch verknüpft war. Dunkle Nacht war es schon. Und nur die Ewigkeiten woben ihren goldenen Kranz um sein Grab wie um die Stätten, wo so oft Menschen Propheten und Völker, Symbole von Tod und Leben, miteinander verknüpft hatten. Ernst Müller Samuel Hirschenberg Am 15. September 1908 starb in Jerusalem der Maler Samuel Hirschenberg. Er war im Oktober 1907 nach Jerusalem gekommen, um dort als Lehrer an der Kunstgewerbeschule Bezalel tätig zu sein. Nun hat der tückische Tod seinem Wirken in Palästina ein jähes Ende gesetzt. Samuel Hirschenberg als Künstler zu schildern ist unnötig, denn wie kaum ein anderer ist er unter den Juden bekannt. Aber dem Menschen Hirschenberg sollen einige Worte gewidmet sein. Einer armen, frommen jüdischen Familie in Polen entstammend, hat Hirschenberg von Kindheit an die Not des Lebens gekostet. Unter großen Entbehrungen gelang es ihm, sein malerisches Talent auszubilden. Stets blieb er in innigem Kontakte mit dem jüdischen Volke, und seine besten Bilder sind dem jüdischen Milieu entnommen. Mit großer Freude nahm er den Ruf an den Bezalel an, der ihm die Bekanntschaft Palästinas vermitteln und seine Palästina-Sehnsucht befriedigen sollte. Meine Bekanntschaft mit dem Künstler datiert erst aus dem Frühjahr dieses Jahres, aber ich habe in dieser kurzen Zeit bemerken können, wie die Liebe zu Palästina und die Hoffnung auf die Renaissance des jüdischen Volkes in Palästina sich bei ihm von Tag zu Tag verdichtete. Als er im Mai dieses Jahres mehrere Tage mein Gast war, sprach er mit Begeisterung davon, wieviel Neues ihm Palästina für seine Kunst gegeben habe, wie außerordentlich der Himmel und die Farben Palästinas sein künstlerisches Schaffen befruchtet hätten. Gleich vornehm als Mensch und Künstler, war er streng gegen sich selbst, liebenswürdig im Verkehr, bescheiden und jeder Reklame abhold. Wenn er in der ruhigen, feinsinnigen Weise, die^ alle an ihm kannten und schätzten, von seinen Bildern sprach, da sah man, daß er ganz und gar in seiner Kunst aufging, daß jedes seiner Bilder ein Stück von ihm selbst war. Seit vielen Jahren plagte ihn ein Magenleiden und der plötzliche Wechsel des Klimas und der Mangel vieler Erleichterungen, die in Europa einem Kranken zu Gebote _ stehen, machten ihm gesundheitlich viel zu schaffen. Aber die Freude am Lande und die Freude an der Arbeit ließen ihn alles mit Leichtigkeit überwinden, und es schien, als ob er jetzt nach langen Jahren der Not und Unrast zur ruhigen, freudigen Arbeit gelangen werde. Er fühlte sich auf der Höhe seines Schaffens, und es ist ein tragisches Geschick, daß der einzige bedeutende jüdische Maler, der bisher nach Palästina ging und das jüdische Leben in Palästina mit so feinem Verständnis beobachtete, die vielartigen Typen mit so scharfer Charakterisierung zeichnete, schon im Beginn seines Schaffens jäh dahingerafft worden ist. Nun schläft er in Jerusalem auf dem Ölberge, wo schon so viele .sehnsuchtsvolle jüdische Herzen die letzte Ruhe gefunden haben, den ewigen Schlaf. Das jüdische Volk aber wird den Maler nicht vergessen, der zuerst unter den großen jüdischen Künstlern den Weg nach Palästina gefunden hat. Jaffa A. Ruppin Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Die türkischen Finanzoperationen Die Gegner des jetzigen Ministeriums werfen Kiamil Pascha vor, er schreite so langsam vorwärts, daß er eigentlich fast nichts Positives geschaffen habe. Man vergißt daß die schnellebigen Tage des Enthusiasmus, an denen alles im Nu auf den Kopf gestellt wurde, vorüber sind und — mit den Worten des Großwesirs gesprochen — das Niederreißen einer mächtigen Ruine wie der Wiederaufbau des Staatsgebäudes viel Zeit in Anspruch nehmen muß. In nicht geringerem Maße ist aber auch der Bedarf an Geldmitteln zu veranschlagen, die das Tempo der Staatsgeschäfte am wesentlichsten beeinflussen. Während der Schweigensperiode der Presse hatte das große Publikum wenig von den Nöten des Palais erfahren, jetzt aber, wo das Volk sich an der Regierungsgewalt beteiligen will, bekommt es auch von ihren Sorgen zu spüren. Der großen Masse der landwirtschaftlichen Bevölkerung neue Steuern auferlegen, hieße eine Last vergrößern, unter welcher diese Steuerklasse ohnehin zusammenzubrechen droht.' Die Nachrichten über die Steuereingänge, die von dieser Seite kommen, werden die