Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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verschiedensten Richtungen und Ideenkreise saßen und denen irgendwelche Sonderinteressen fern lagen. Der größte Teil der Arbeit ist noch zu tun, aber viel ist bereits geleistet worden. Vor allem von Herrn Dr. Nossig, der unermüdlich tätig gewesen ist, um die Tagung zu ermöglichen. Aber auch von Seite der Vor-, stände der großen deutschen Organisationen und von Zionisten ist das Werk eifrig gefördert worden; die Frage ist nun, was jetzt zu tun ist. Die Konferenz hat eine aus Vertretern aller Richtungen bestehende Kommission eingesetzt, die weitere Verhandlungen pflegen soll. Das Resultat wird wesentlich davon abhängen, wer die Leitung übernimmt. Hoffen wir, daß es gelingen möge, eine Persönlichkeit zu gewinnen, die mit gut jüdischem Empfinden, Einfluß, Stellung und Objektivität verbindet. Sie wird der warmen Unterstützung aller sicher sein. Aber damit hat die Kommission ihre Aufgabe nicht gelöst. Das klare Substrat aus der Stimmung und den Reden der Teilnehmer an der Besprechung vom 20. September ist die Organisation der Arbeit. Einer Arbeit für die bedrängten und gehetzten Massen unseres unglücklichen wandernden Volkes. Ob es gelingt, die Großen zu einen oder nicht: den Kleinen muß geholfen werden. Die ziel- und planlose Auswanderung muß geleitet und geregelt, den Heimatlosen eine Heimat geschaffen werden. Dieser brennenden Aufgabe muß sich heute ein "jeder - widmen, der es gut mit seinem Volke meint. Und auf diesem Boden neutraler Tätigkeit können sich Zionisten und Antizionisten, Politiker und Philanthropen vereinigen. Den Mitgliedern der vorbereitenden Kommission schien dieses gemeinsame Arbeitsfeld in der neu zu begründenden Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation gegeben, die auf internationaler breitester Grundlage begründet werden sollte. Eine „humanitäre, nicht auf Gewinn abzielende Vereinigung" sollte gegründet werden, „welche die dauernde geschlossene Ansiedlung geeigneter Gruppen der jüdischen Bevölkerung im Orient nach modernen kolonialpolitischen Prinzipien erstrebt". Die Gesellschaft sollte für „Organisation, Förderung und... Schutz der selbständigen Niederlassung sorgen, den Verkehr mit den Behörden erleichtern, Informationen erteilen, Experten durchführen, Konzessionen erlangen, jüdisches Kapital ermuntern, Kredit beschaffen und durch alle geeigneten Mittel das Aufblühen des Verkehrs und der Kultur im Kolonisationsgebiet unterstützen." Die Versammlung stand der geplanten Gründung freundlich gegenüber, meinte aber, mit der Konstituierung warten zu sollen, bis sich das Resultat der weitern Verhandlungen mit den Organisationen zeige. Richtig ist, daß die A. J. K. O. ihren Zweck in weitestem Umfang hur dann erfüllen kann, wenn sie ein von allen Seiten getragenes Unternehmen darstellt. Sie würde dann berufen sein, wahrhaft Großes zu leisten. Aber wir meinen, daß auch im Falle des Scheiterns der Unterhandlungen nicht auf die Begründung verzichtet werden sollte. Ein großer internationaler Kolonisationsverein mit den oben wiedergegebenen Aufgaben ist schon als neutraler Boden eine Notwendigkeit. Es fehlt heute an einer Organisation, in der die vielen sich vereinigen können, die den politisch-zionistischen Zielen ablehnend ■gegenüberstehen und die aus Gründen der Zugehörigkeit zu ihren Aufenthaltsländern vor den Landesgrenzen Halt machen. Für ein solches Unternehmen herrscht viel Stimmung, und wir hoffen und wünschen, daß es in jedem Falle ins Leben tritt. Wie man auch die Ergebnisse der Konferenz vom 20. September beurteilen möge, eins hat sie bewiesen: der geistige Entwicklungsgang, der zuerst in Herzls großer Tat Ausdruck fand, ist auch in den Kreisen der abseits Stehenden unaufhaltsam geworden. Und wenn sie es auch nicht zugestehen werden und wir das Eingeständnis nicht verlangen: Es ist Geist von unserm Geiste, der heute das Judentum durchdringt. Und das gibt uns neue Kraft und neuen Mut, auf dem betretenen Pfade fortzuwandern, auch wenn er uns manchmal mühsam "und dornig erscheint. Dr. Friedemann Gedenkworte Am neunzehnten Elul war es, da die Sonne eben zur Neige sich wandte, daß wir ihn hinausbegleiteten auf den stillen Friedensort. Eine kleine Tragik wollte es, daß er noch vor kurzem diesen Berg zur Erholungsstätte gewählt hatte. Noch ist es kein Jahr her, seit der große Maler der jüdischen Volksseele ins Land seiner Väter kam, geworben zur Mitarbeit für ein neues, sonnigeres Leben. Und er kam, vielleicht den Keim des frühen Todes in sich tragend, vielleicht körperlich nicht gerüstet, die noch nicht gesundete Luft des altneuen Landes zu ertragen. Und er kam aus dem Golus, um auf dem Ölberg sein Grab zu finden, wie einer von den Tausenden und Zehntausenden vieler Jahrhunderte, deren ärmliche Steine herwinken von den sanften, ja freundlichen Hängen des Kidrontals. Eigenartig ist diese Stätte der Toten, nicht einmal eine Mauer hat sie, als gehörte wirklich ihnen dieses Stück der Erde. Ungewollt steigen zwei Gräberzeichnungen Hirschenbergs in der Erinnerung auf: jene, wo der „Ewige Jude", gehetzt und gepeinigt von gespenstigen Kreuzen und furchtbaren Schatten, über Märtyrerleichen dahinjagt, und der „Jüdische Friedhof" mit den jammernden, händeringenden Frauen in schneeiger Winternacht. Und ganz anders als beide ist doch dieser Platz. Heute ward er um einen großen Sendling des Golus reicher, um einen, der die leidende und sehnsüchtige Seele des Golus geschaut, fast mit körperlichen Augen geschaut und der es in seinenkonzentrierten Augenblicken und in denbeseeltesten Individuen noch einmal im Bilde gestaltet. Sein erstes Meisterwerk schon, die „Jeschibah", erzählt uns von diesem Leben in Harm und Traum, in Halbdunkel und schwärmerischer Lichtvision. Vielleicht könnte sein Leben eine ähnliche Geschichte erzählen, von dem Lodzer jüdischen Gäßchen über München und Paris bis zum Ölberg in Jerusalem. Vielleicht lag etwas Verwandtes auch in seinen Zügen, um den Mund noch eine Spur von Gram und Bitterkeit und in dem runden träumenden Auge ein reines, ein wunderbar reines Schauen: die Einfalt des Kindes verbindend mit der versöhnenden Milde des frühen Greises. Er hat auch idyllische Landschaften und symbolische Gestalten gemalt fernden dunklen Kämpfen, unmittelbar aus sich leuchtend. Auch einen schönen Christuskopf hat er gezeichnet, er, der jetzt an den Abhängen des Ölbergs ruht. Denn auch Hirschenberg war einer von denen, die mit dem Judenproblem das große Menschenproblem bewegte: das Ringen von Finsternis und Licht.