Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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solle mit den andern Organisationen zusammengehen, — ja, zum wievieltenmal entdeckt man dieses Amerika? Haben aber doch die andern Organisationen auch dabei ein Wörtchen mitzusprechen! Man soll das große jüdische Kapital nach Palästina lenken? Kennt vielleicht Herr Dr. P. die Beschwörungsformel, das große Zauberwort, das auch Herzl nicht gefunden hat? So möge er mit der Schweiz anfangen. — vielleicht sind auch dort einige jüdische Kapitalisten, und die Landesorganisationen sind ja dazu da, in ihren Ländern zu wirken. Es tut weh. feststellen zu müssen, daß sich diese Kritik bei näherer Betrachtung als ein Gaukelspiel plumper Einfalle entpuppt. Die Derbheit täuscht, die demagogischheroische Aliürc gegen die „Obrigkeit" kitzelt die Sensationslust. Es scheint „ein. freies Worta zu sein! Nicht wie unsereins, ein „Regierungsmann", in der „offiziellen Weit* alles vertuscht. Die naive Sensationslust findet daran Gefallen. Bewahre ihr ein gütiges Geschick für längere Zeit diese Einfalt des Revoltierens gegen unsere — nebbich! — „Regierung* und gegen unseren „Offizialismus*. Schade, jammerschade daß ein gesunder Gedanke durch die groteske Verzerrung und die gehässig tendenziöse Zuspitzung parodiert wird. Denn der Gedanke ist im Grunde richtig, und auch wir haben auf ihn hinge7 wiesen: der Zionismus durchlebt jetzt eine Zeit, die für ihn eine schaffensreiche Werdeperiode sein kann. Wir wollen Herrn Dr. P. nicht mit derselben Münze des Argwohns und der Verhöhnung zahlen. Wir glauben an seine Aufrichtigkeit: wir glauben, daß er nicht auf eigene Faust Politik machen will, wir glauben, daß er die Ereignisse verfolgt, — also das Gegenteil von all den Sünden, die er auf unsere Häupter wälzt. Daß jetzt zu wenig geschieht — empfinden wir viel schmerzlicher als unser strenger Kritiker. Aber damit mehr als jetzt geschehe, — dazu genügt leider nicht diese oder jene Fassung einer Resolution, diese oder jene Leitung, auch nicht das Blasen in das Horn: man möge Kapital sammeln, oder sofort einen Kongreß einberufen. All diese Worte sind billig wie die Brombeeren. Taten sind notwendig, — fruchtbringende Anregungen, fördernde Impulse, tatkräftige Arbeit — auf der ganzen Linie. Gebe man sich doch nicht dem holden Wahne hin, die Leitung bestände aus Zauberern und Alchimisten! Jeder muß in seinem Wirkungskreise arbeiten, dann wird sich der Erfolg ergeben. Der Ernst der Lage soll nicht durch maßlose Herausforderungen einer „Leitung* getrübt, sondern durch eine tüchtige Mitarbeiterschaft angespornt werden. Es ist lächerlich, von einem Absolutismus zu sprechen. Jede Meinung kann sich bei uns auf dem entsprechenden Wege und in der entsprechenden Form hören lassen, ja, wenn sie die Kraft der sich betätigenden zionistischen öffentlichen Meinung besitzt, Geltung verschaffen. Was nützen die sensationellen Angriffe von außen — zum ausschließlichen Vorteil der „tertii gaudentes"? Das sind Feuerwerke, die schnell abgebrannt werden, — und alles bleibt beim alten.- Innerhalb der Organisation, durch eine richtige Gruppierung der Kräfte und durch eine rationelle Arbeitsteilung können und müssen die Ideenkämpfe ausgefochten werden. N. S. Organisation der Organisationen In Berlin hat eine merkwürdige Versammlung getagt. Es .waren „Notable4", wie sie das Programm der Konferenz nannte, und sie protestierten dagegen, es zu sein. Sie verkörperten intellektuell und finanziell eine respektable Macht, und sie erklärten einhellig, daß sie diesen Einfluß nicht zum Kampf, sondern für den Frieden verwenden wollten. Niemand polemisierte und niemand erstrebte Sonderinteressen. Alle trug unbewußt oder mit klarer Erkenntnis der Gedanke, daß die Zeiten der Zersplitterung und der Vereinzelung, der Sonderinteressen und Eigenbrödelei abgetan sein müßten, daß die bittere Not des Jetzt die Zurückstellung alles Trennenden und die Forderung des Einigenden bedinge. Und einer der aus weiter Ferne Herbeigeeilten faßte unter lautem Beifall das Sehnen, das nun auch diese Kreise durchdringt, zusammen in der Forderung „nach einem Areopag des Judentums, der mindestens zweimal im Jahre zur Besprechung aller ernsten jüdischen Fragen zusammentrete. Neben den Volksorganisationen mit ihren Sonderansichten solle ein „Jüdischer Bundesrat" bestehen, auf dessen Boden alle Parteiirrungen verschwinden würden." Und einstimmig beschloß die Versammlung an Jca und Alliance die dringende Mahnung zu richten, nicht länger abseits zu stehen, sondern die Hand zu gemeinsamer Arbeit zu bieten. So wandelt die große Mahnerin Zeit die Herzen der Menschen! Ich saß still und dachte 20 Jahre zurück. Welch großen Schritt sind wir doch in dieser Zeit vorwärts gekommen! Man kann es ruhig ausprechen: wer damals gewagt hätte, von einer obersten Körperschaft zur Beratung aller jüdischen Dinge zu sprechen, den hätte man in ein Narrenhaus gebracht. Wer noch vor 10 Jahren ein Zusammengehen aller großen Organisationen für möglich erklärt hätte, der wäre für einen unheilbaren Utopisten erklärt worden. Und heute verlangen das Männer aus allen. Ländern, Männer, deren Namen die angesehensten ihrer Heimat sind und die zum Teil hunderte von Marken werfen, um ihre Überzeugung zu betätigen. Die Versammlung hat nach den Anträgen beschlossen und ein Komitee eingesetzt, das weitere Schritte zur Erreichung des Endziels unternehmen soll. An dem baldigen Erfolg kann man einige Zweifel haben. Noch immer lebt unter den Alten, die in Paris regieren, viel von dem Geiste der .Willkür und Selbstgerechtigkeit, der jedem Einigungsversuch im Wege steht. Noch lebt auch die Abneigung gegen die große internationale Volksbewegung, die man so gern außerhalb des „Ringes* stellen möchte. Aber die Dinge sind auf die Dauer stärker als die Menschen. In Zeiten, in denen die Türkei und Persien Verfassungen erhalten, kann man nicht in Paris absolut regieren und die Stimmen der Öffentlichkeit dauernd überhören. Und diese Öffentr lichkeit verlangt heute mit Nachdruck, daß die großen Vermögensverwaltungen der Millionen, die nicht einzelnen, sondern dem jüdischen Volke geschenkt wurden, auch den Willen dieses Volkes respektieren. Daß sie zum mindesten ausgestrekte Hände nicht zurückweisen, sondern mit wohlwollenden, unabhängigen und einflußreichen Männern gemeinsam beraten. Das verlangte diesmal nicht ein Kongreß von Zionisten oder Hoisten, das forderten nicht deutsche, russische oder englische Juden, nein, eine Konferenz, in deren Mitte Männer der