Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wortklaubereien. Es hat auch gar keinen Sinn, wenn Herr Dr. P. die Anklage erhebt, daß man nicht „die Funken anfacht", daß man nicht „mit den anderen Organisationen zusammengeht*. Erhebe doch ein jeder diese Anklage gegen sich selbst! Spiele man doch nicht mit dem leichten Schimpfen auf „die hohe Obrigkeit". Man erklimmt den Gipfel des Widersinnes durch dieses imaginäre Ausmalen einer angeblichen „Regierung", die die öffentliche Meinung knebelt, oder eines offiziellen Organs, das eine Diplomatensprache führe, — wogegen man volkstümlich, je ruppiger desto populärer, „Opposition* machen müsse. So mußte man ehemals „Wien*, jetzt „Köln" und muß späterhin irgendeinen anderen Ortsnamen als ^Zentrum der Regierung" bewitzeln undbelächeln. Du großer Gott! Wären wir doch wirklich so weit, daß wir etwas hätten! Aber wir haben ja nicht viel mehr, als diesen ... Sarkasmus. „Obrigkeit", „Köln" — aber um des Himmelswillen, gebe doch Herr Dr. P. oder irgendein anderer Zipnist einen gesunden Gedanken und — die Mittel ihn auszuführen! Und erfinde man doch eine demokratischere Form, als durch eine Jahreskonferenz von Delegierten über jeden Vorschlag abstimmen zu lassen! Streift das nicht an das Gebiet der Komik, wenn Herr Dr. P. der Jahreskonferenz den Vorwurf macht, daß sie an Konst. als Kongreßort nicht gedacht habe? Vielleicht hat sie doch daran gedacht, aber sie nahm die Sache nicht so gemütlich, wie er es tut? Oder, daß unsere bisweilen englischen Finanzinstitute bei einer wirklichen Entfaltung türkischer Verfassungsgarantien ottomanisch werden könnten — glaubt denn Herr Dr. P., daß dieser einfache Gedanke nicht einem jeden vorschweben kann, — daß aber, wenn man Verantwortungsgefühl hat, man auch die Bedenken tragen müß, ähnlich komplizierte Fragen blitzschnell und überstürzt zu lösen? Ist an all dem wirklich die „Obrigkeit" schuld? Der jüdische „Widuj" hat einen schönen Zug: er ist ganz in erster Person geschrieben. Man solle nicht nur den andern Sünden vorhalten, sondern auch sich selbst. Wir arbeiten zu wenig, die Funken anzufachen, wir allf insgesamt! Und wie überschätzt Herr Dr. S. die Leichtigkeit, mit andern Organisationen zusammen zu ' arbeiten! Die Gegenüberstellung dieser verschiedenartigen Angriffe ist sehr belehrend. Sie zeigt einerseits eine eitle Polemik, wie sie alles verneint, anderseits — die Kurzatmigkeit der Momentstimmungen, wie sie im Nu die Erlösung erwartet und alles über den Haufen werfen möchte. Wir fragen: wo ist die Doppelzüngigkeit und das Versteckspiel, — bei uns oder auf diesen Extremen? Klar und deutlich haben wir unsere Stellung präzisiert: Der politische Zionismus ist nicht tot; er ist lebendiger denn je. Sein Programm ist unerschütterlich, seine Ziele sehweben uns vor, — eine andere Taktik ergibt 'sich, die Bedingung wegen der fremden Mächte kann ausgeschaltet werden. Die Aussichten sind besser, doch dräuen noch aadere Klüfte und starren noch andere Steine des Anstoßes. Wir müssen unter den Parteien politisch, wir müssen im Lande praktisch arbeiten. Genauer und richtiger kann man kein Programm erläutern. Nicht neue Formeln fehlen uns jetzt, uns fehlen die begeisterten Massen. Und da ist die Diagnose des Herrn Dr. P. etwas fadenscheinig... Das hegt weniger an der Leitung als an den Massen selber, an dem Mangel der Ausdauer, des Ernstes, der tatkräftigen nationalen Überzeugung. Es würde zu weit führen, eine gründliche Diagnose und eine entsprechend gründliche Heilmethode vorzuschreiben. Die effektmachenden ironischen Herausforderungen und die Nadelstiche unter der Adresse dieser oder jener „Leitung" werden über dieses Elend nicht hinweghelfen. Es muß überall gearbeitet werden, damit man das Recht habe, die Leitung dafür zur Verantwortung zu .ziehen, daß sie mit den Mitteln, die man ihr liefert, nichts unternimmt. Wir dürfen uns nicht der Selbsttäuschung hingeben, wir dürfen uns nicht durch ein eingebildetes Kraftmeiertum den klaren Anblick der Dinge rauben lassen. Schon jetzt treten Erscheinungen auf, die zur Vorsicht, zu einem ruhigen und überlegten Vorgehen mahnen . . . Wir können nur aus sachlichen Gesichtspunkten Stellung nehmen, und darum weder momentane Gefühlspolitik treiben, noch taktische Erwägungen außer acht lassen, die es gebieterisch heischen, die Empfindlichkeit der einen oder der anderen zu respektieren. Wir tun was wir tun können, um den Nachweis zu erbringen, daß wir nur in friedlichem Wettbewerb mit kulturellen Waffen ein harmonisches Zusammenwirken mit den fortschrittlichen Parteien suchen. Ebensowenig wie wir dem' alten Regime, gegenüber servil waren, sondern die Berührungspunkte der gegenseitigen Vorteile suchten, wollen wir Schleppenträger irgendeiner anderen Partei werden. Von hier aus erstreckt sich ein Gebiet für eine wirkliche Kritik für die Leitung und die Partei, die nicht als zwei verschiedene Begriffe, sondern als ein efnheitlicher Begriff aufgefaßt werden müssen. Denn die Leitung vertritt nur die zusammengefaßten Kräfte der Partei. Hier ist viel Selbstkritik zu üben, aber — von einer ganz anderen Art. . Wir, die „Welt"-Offiziellen, — ein zerschmetterndes. Prädikat! — wir die „Diplomaten" und ^Politiker", — mit diesem Kainszeichen gestempelt, können wir das Haupt kaum noch aufrichten! — begnügen uns dennoch nicht mit den kautschukartigen Worten, in denen nicht zur Reife gediehene Gedankenansätze der angeblich freien Kritiker zum Ausdruck kommen. Wir haben'den Mut, das Mysterium zu zerfetzen und mit schlichter Offenherzigkeit mit den einfachsten Worten der Welt die Frage klar und deutlich zu stellen: Wozu die Faxen? Was soll geschehen? Was ist es, das ein Riesengeschlecht jetzt machen könnte? Heraus mit der Sprache! An die jetzt herrsehenden Kreise in der Türkei herantreten? Aber ist es weise, daß eine Leitung so etwas mit Pauken und Trompeten ankünde? Kann so etwas im Handumdrehen geschehen? Und wäre dieLeitung nichtaus Zwergen, sondern aus Titanen zusammengesetzt, könnte sie des Erfolges so sicher sein? Hängt das denn nur von ihr ab? Und wenn die herrschenden Kreise der Türkei noch darüber nicht einig sind und wenn sie noch dringlichere, für sich jetzt viel dringlichere Fragen zu lösen haben? Und wenn sie fragen: Habt ihr das Volk hinter euch, habt ihr die Mittel? Und wenn sie, wenn einige von ihnen sich unserm nationalen Bestreben entgegenstemmen, — dann ist es abgetan mit dem maulheldischen Momentoptimismus? Dann sollen wir feige Konzessionen machen und mit den Gegnern techtelmechteln? Istdas nationale Politik? Ist eine solche nervösimpulsive Art eines besonnenen, alten Volkes würdig? — Man solle die Wahlen beeinflussen? Auch eine ungeheure Vertrauensseligkeit; etwas kann und wird man schon tun, aber Großes darf man nicht erwarten. Man