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Die Welt · 1908-10-02 · 39 (2.10.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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schon jetzt zu einem Territorialismus geworden, mit dem Vorbehalt, „ daß das Territorium nur Palästina sein kann. Zangwill kann uns gratulieren. Wir sind Territorialisten geworden. Unser Territorium heißt: „Erez Israel." Wir stehen nun vor der Frage: Vielleicht müssen wir unser Verhältnis zu den andern Kolonisationsgesellschaften anders gestalten, und vielleicht wird es jetzt möglich sein, mit ihnen zusammen zu arbeiten? Es wird auch an der Zeit stin, zu erwägen, ob angesichts der türkischen Verfassung unsere zionistischen Institute noch jetzt einen englischen Charakter tragen und unter dem Schutz der englischen Regierung stehen können. Es wird uns nicht wundem, wenn irgendein patriotischer Ottomane diese Institute als Anhaltspunkte für eine englische Interventionsmöglichkeit betrachten und darüber staunen wird, daß seine Bundesgenossen, die Juden, diese Institute tolerieren und fördern. Der Ottomane wird vielleichtauch recht haben. Und nach all dem behauptet die offizielle „Welt", man dürfe die Taktik unsrer Arbeit nicht ändern! Die Einberufung eines Kongresses hingegen kommt diesen Herren so klein vor, daß sie über diese Angelegenheit kein Wort verlieren wo'ilen. Oder vielleicht wollen diese Herrn auf eigenes Risiko arbeiten? Nachdem man schon am „Goldenen Horn" angefangen hat, parla-' mentarisch und demokratisch zu arbeiten, wird man es vielleicht auch an den Ufern des Rheins erlernen, wie man arbeiten müsse. Falls wir nicht einen Kongreß einberufen und. wirklich Farbe bekennen würden, so ist es möglich, daß die Türkei an unsrer Arbeit einen üblen Geruch spüren wird, den kein „Kölnisches Wasser" imstande sein wird, zu zerstreuen. Unterzeichnet: Dr. L. P. Pinkus, Mitglied des zionistischen Landeskomitees der Schweiz. Es ist der Mühe wert, die 'blitzende Geißel, die Herr Dr. L. 0. Pinkus über die zionistische Leitung schwingt, sich etwas näher anzusehen. Die zierlichen Wendungen über die „offizielle" „Welt", die „tüchtigen Politiker", „die an den Ufern des Rheins lernen müssen* „und den üblen Geruch mit dem Kölnischen Wasser" könnten vielleicht für unerfahrene' Zionisten den Reiz des Neuen haben. Für erfahrene Parteimänner entbehren sie schon lange der Pikanterie und sinken zu Geschmackslosigkeiten herab, die man niedriger hängen muß. Was sich hier als „demokratisch" gebärdet, ist die Anmaßung und das Wortheldentum, die einen diametralen Gegensatz zur Demokratie darstellen. Es handelt sich aber nicht um die höhnisch-läppische Anrempelung, die sich der gute Herr nicht nur der Leitung, sondern auch der Jahreskonferenz gegenüber leistete; es handelt sich nicht um die gehässigen, von den gröbsten Beleidigungen und Insinuationen strotzenden Angriffen, in denen der Verfasser, dieser Epistel der Leitung und der offiziellen „Welt" — Unkenntnis der Lage, Starrsinn, Politik auf eigenes Risiko und alle sieben Todsünden in so leichtfertiger Weise und in einer solchen Form vorwirft —, es handelt sich um einen Scheinwerfer auf die Begriffsverwirrung, wie sie in manchen Köpfen herrscht. Diese Begriffsverwirrung muß im Interesse des Fortbestandes des Zionismus zerstreut werden. Also der Reihe nach: 1. Herzl hat nicht im Jahre 1903 von der Kongreßtribüne erklärt, der Zionismus könne für längere Zeit usw., sondern in einem heißen Wortgefecht in einem Moment höchster Aufregung auf der Versammlung der „Neinsager" entrangen sich ihm ähnliche Worte, die er nachträglich (in einem Briefe im Jew. Chron. Dezemb. 1903) richtiggestellt hat. 2. Diese Reminiszenz hat keinerlei Bedeutung für die jetzige Frage, und sollte sie den Zweck haben, Herzls Autorität als die eines weitausschauenden Politikers herabzusetzen, so w.äre dies eine naive Absieht. Nicht nur im Jahre 1903, auch im Jahre 1907 — einen Tag vor der Umwälzung — ahnte kein Staatsmann und kein Politiker der Welt, was kommen wird. Und wenn der Verfasser dieser Epistel jetzt alles wissen will, was noch kommen .mag, so ist das, gelinde gesagt, eine bedauernswerte Großmannssucht. 3. Herr Dr. P. sagt, daß die Türkei sich jetzt dem Zionismus gegenüber anders stellen kann als bis jetzt. Das ist eine ganz banale Phrase, wie auch die Motivierung der „Widerstände und Hindernisse" einseitig und; oberflächlich ist. 4. Es ist eine nebelhafte Verallgemeinerung, als ob „die alte Politik des Zionismus zusammen mit dem Baseler Programm auf der Vorstellung von dem Herrscher als von dem kranken Mann" - beruhte. Weder „das ganze Programm" noch „die ganze Politik" des Zionismus beruhten auf dieser Vorstellung. Nur ein Punkt, eine Bedingung beruhte auf dieser Vorstellung: die Notwendigkeit einer Genehmigung der Mächte. Das war damals notwendig und logisch ■ und kann jetzt überflüssig werden. Das ist in der ,Welt" gesagt worden, und das ist haarscharf richtig.' 5. Daß man jetzt in den Spalten der „Welt" den Juden empfiehlt, türkische Untertanen zu werden, und daß man von der Kongreßtribüne davor gewarnt, — ist eine aufgeblasene Zusammenstellung. Man hat nie von der Kongreßtribüne „gewarnt*, — und es ist' natürlich, daß, nachdem die Türkei ein Rechts- und Kulturstaat geworden ist, die Naturalisation geboten sei. Die Tatsachen sind entstellt, die daran geknüpften Bemerkungen und daraus gezogenen Schlußfolgerungen sind falsch. 6. Herr Dr. P. ist felsenfest überzeugt, daß weder die Leitung, noch die Jahreskonferenz den türkischen Ereignissen das gebührende Interesse entgegenbrächte. Wäre Herr Dr. P. etwas ruhiger und würde er Kritik nicht nur an fremden, sondern auch an eigenen Auffassungen und Projekten üben, so würde er sich sagen: Ja, viel-, leicht interessierten sich die Jahreskonferenz und die Leitung doch nicht weniger als ich für die Ereignisse, nur gelangten sie nicht zu denselben praktischen Schlüssen. 7. Es müßte nach Herrn Dr. P. ein sofortiger Kongreß einberufen werden. Das ist der einzige greifbare Gedanke in diesem Brimborium. Der andere Gedanke: das Defilieren der zionistischen Organisation vor dem „Haupte der Regierung" in derJProzessipn der Völkerschaften ist zwar bildlich schön, leidet hingegen an der Unzulänglichkeit, daß Herr Dr. P. nicht so viel Kontrolle über seine Gedanken übt, um sich die Frage zu stellen, ob das gestattet und zulässig wäre, ob der andere Kontrahent nicht auch etwas zu sagen hätte, ob es nicht eine Riesenblamage wäre, etwas ähnliches zu verlangen und — zurückgewiesen zu werden? Ob wir wirklich nur dazu da sind, Tantam zu sehlagen und Spektakel zu machen, die obendrein nicht erlaubtWorden wären? Und begreift es Herr Dr. Pnicht, daß man fortwährend sondieren muß, bevor man etwas unternimmt, und daß man mehr nicht tun konnte, als man tat? Ein außerordentlicher Kongreß wäre wohl möglich, aber wäre es wirklich nützlich, jetzt einen so mühsamen und kostspieligen Apparat in Bewegung zu setzen, und was könnte man jetzt damit erreichen? Nichtssagend und gedankenlos ist die Redensart: „Eine zionistische Organisation, die wirklich von einem nationalen Geist beseelt wäre usw." Was hat hier der" nationale Geist zu schaffen und was verspricht sich Herr Dr. P. von einer Erklärung — in schärferer Tonart, — daß wir „Bundesgenossen" seien? Die Jahreskonferenz hat die Worte der Erklärung genau abgewogen; Herr Dr. P. möchte eine andere abgeben. Das sind doch wirklich

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