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Die Welt · 1908-10-02 · 39 (2.10.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \©/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIL JAHRG. KÖLN, 2. Oktober 1908 irmrc c"nn'?* -n~n "' AUF BEIDEN EXTREMEN. II Nicht nur von außen, auch in unsern eigenen Reihen kommen Stimmungen zum Ausdruck, die wahrlieh dem Ernst der Lage nicht entsprechen. Das hebräische Tageblatt „Heed ha-Sman" brachte an der Spitze einer seiner letzten Nummern einen „Offenen Brief an die zionistische Leitung in Köln von Herrn Dr. L. O. Pinkus, Mitglied des zionistischen Landeskomitees der Schweiz/ der als .eine bezeichnende Probe von Scharfmachern unserer Öffentlichkeit nicht vorenthalten sein möge. Er lautet in fast wortgetreuer Übersetzung: An die Zionistische Leitung in Köln. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Umwälzung in .der Türkei den Zionismus und mit ihm das jüdische Volk vor ein neues Problem gestellt hat. Hatte Herzl im Jahre 1903 von der Kongreßtribüne in Basel erklärt, der Zionismus könne für längere Zeit keine befriedigende Resultate erwarten, so muß sich doch jetzt jeder vernünftige Mensch die Frage stellen: ob diese Zeit nicht bereits vorüber sei und ob die zionistische Bewegung jetzt nicht befriedigende Resultate zu erwarten berechtigt sei? Die Widerstände und die Hindernisse, die Herzl im Jahre 1903 vorschwebten, entsprachen der damaligen Lage des türkischen Reiches, das sich von auswärtigen Feinden umgeben sah, die von allen Seiten seine Existenz bedrohten und das selbstverständlich unter diesen Umständen es nicht zulassen konnte, daß sich ein neues fremdes Volk in den Grenzen seines Reiches niederlasse. Diese Sachlage hat sich nun total verändert. Die Türkei, innerlich gestärkt, kann sich jetzt dem Zionismus gegenüber ganz anders stellen als bis jetzt Es ist nicht zu leugnen, — und kein Leitartikel der offiziellen Zeitung „Die Welt" wird das dementieren können, — daß die alte Politik des Zionismus zusammen mit dem Baseler Programm auf der Vorstellung von dem Herrscher als von dem „Kranken Mann" beruhte. Welchen Sinn haben denn die einleitenden Worte des Baseler Programms: „öffentlich rechtlich", wenn sie nicht das internationale Recht, d. h. die Garantie der Mächte bedeuten? Hatte nicht dieselbe zionistische Leitung, die jetzt in den Spalten der „Welt" den Juden empfiehlt, türkische Untertanen zu werden, von der Kongreß-, tribüne mit besonderm Nachdruck davor gewarnt und den Mangel rechtlicher Garantien für die Juden speziell betont? Wie entblödet man sich jetzt nicht in Köln, uns zu versichern, daß trotz der Ereignisse in der Türkei kein Bedürfnis vorliege, das System der politischen Zionisten abzuändern? Den Begriff „öffentlich rechtlich" hatte man offiziellerseits nie anders gedeutet als „international". Aber will man denn nach der jetzigen Türkei, die eine Konstitution eingeführt hat und zu der das Verhältnis Europas ein ganz anderes als früher geworden ist, so daß die fremden Regierungen ihre Interventionsgelüste selbst eindampfen und aus Mazedonien ihre Reformgendarmen ausrücken lassen, will man denn nach dieser Türkei mit dem alten Charterprogramm aus Herzl'scher Zeit kommen? Wir können weder der Kölner Leitung noch den Mitgliedern der letzten Jahreskonferenz eine solche politische Kurzsichtigkeit zumuten. Aber die Wahrheit muß ihnen offen gesagt werden: sie interessieren sich zu wenig für die neuen Verhältnisse, unter denen wir jetzt arbeiten müssen. Die schwache Resolution der Jahreskonferenz bringt ganz und gar nicht das richtige Verhältnis zu der Neuordnung in der Türkei zum Ausdruck. Wir haben beinahe den Eindruck, eine gewisse Unaufrichtigkeit in dieser Resolution zu spüren. Aber vielleicht wird man uns sagen, man sei vom demokratischen Standpunkte aus nicht imstande gewesen, das Verhältnis zur Neuordnung festzusetzen und - zu proklamieren, weil man vor allem die öffentliche Meinung, wie sie sich im Zionistischen Kongreß verkörpert, anhören müsse. Aber warum habt Ihr tüchtigen Politiker nicht sofort einen Kongreß einberufen? Ist nicht die Erteilung einer Konstitution an die Völker des Gesamtreiches, dessen Teil wir für unsere Heimat halten, der Anfang einer neuen Ära in unserer Bewegung? Und Ihr beschwert euch noch über den Indifferentismus, der in unserer Mitte, herrscht und über den Stumpfsinn der jüdischen Masse, der gleichgültig den zionistischen Ereignissen zusieht! Aber was ist denn das für eine Leitung, die ein so riesiges Ereignis wie das Erwachen des Orients zu neuem Leben nicht für ihre Ziele auszubeuten vermag? Warum benutzt man nicht diese günstige Zeit, um Funken von Begeisterung in den breiten Schichten der jüdischen Masse anzufachen? Auf der Jahreskonferenz diskutierte man über die Frage der Ortswahl für den nächsten Kongreß. Und warum hat kein einziges Mitglied die Residenz jenes Landes genannt, dessen integraler Teil wir in der Zukunft zu werden hoffen? Wir können wirklich sagen, daß der große Moment ein Zwergengeschlecht gefunden hat. Jetzt und nur jetzt war es notwendig, imYildizkiosk einen Besuch abzustatten. Unter den Völkerprozessionen, die das Haupt der ottomanischen Regierung wegen der neuen Verfassung begrüßten, durfte auch die Zionistische Organisation als Vertretung der zukünftigen Bürger und Bundesgenossen der neuen Türkei nicht fehlen. Eine zionistische Organisation, die wirklich von einem nationalen Geiste beseelt wäre, müßte unverzüglich in klarer Weise kundgeben, daß wir Zionisten uns als wahre Bundesgenossen des ottomanischen Reiches betrachten. Wenn Ihr Euch nicht für ermächtigt hieltet, ähnliches zu erklären, warum habt Ihr nicht einen Kongreß einberufen? Hunderte von Fragen stehen auf der Tagesordnung und harren ihrer Lösung. Man möge sagen, was man wolle: der politische Zionismus frühem Datums ist tot Die Erlangung Palästinas ist nicht mehr von politischen Mitteln abhängig. Die Umwälzung in der Türkei hat unsre Frage zu einer wirtschaftlichen Frage gemacht, die man in folgende Formel fassen kann: „Man muß das notwendige Kapital finden, um Palästina vorzubereiten, eine große jüdische Einwanderung aufnehmen zu können." Wenn Ihr wollt, — so ist der Zionismus ^tttrS^C

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