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Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
Vom jüdischen Nationalcharakter
Date
1897-07-09
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 6. Seite 5. die heitersten und geselligsten Naturen und Nationen weit hinter fich läßt. Mit Recht spricht Mathias Acher (Dr. N. Mrnbaum) in seiner „Jüdischen Moderne" von dem mehr düsteren, als heiteren Optimismus unserer Vorfahren, der dann auch auf ihre Enkel überging. Oft genug prallen diese Widersprüche schrill an einander, und wenn sie das jüdische Volksthum auch reichhaltig und interessant gestalten, so darf man sich doch nicht verhehlen, daß eine solche Unausgeglichenheit schwere ästhetische und moralische Nachtheile im Gefolge hat. Die Schreckenszeit des Mittelalters ist von jüdischen Geschichtsschreibern schon oft geschildert worden. Mt erhebendem und tief schmerzlichem Gefühl schlagen wir diese Märtyrergeschichte auf, und mit staunender Verblüfftheit folgen wir den Schlangenwindungen des vielseitigen jüdischen Geistes, der die arabische Cultur dem Abendland vermittelte, den Talmud, den Maimonides und die Kabbala hervorbrachte. Wer wir dürfen nicht an dieser schillernden Oberfläche haften bleiben, sondern müssen nach dem Endresultat dieser ganzen Entwicklung fragen, um zu erfahren, was das Mttelalter für die Juden bedeutete, was sie in dieser furchtbar grausamen Schule eigentlich gelernt haben. Und da müssen wir schon zugeben, daß sie jener grausigen Zeit gar manches zu verdanken haben, daß sie damals nachholten, was sie in den Tagen ihrer nationalen Seßhaftigkeit leider versäumten. Vorher hatten sie keine substanzirte Unterlage voller Erdgeruch für ihre religiösen Stimmungen, die im alten Palästina nach der salomonische» Glanzzeit mehr oder minder in der Luft hingen. Im Mittelalter aber entstand eine Fülle ritueller Vorschriften und Gesetze, die tief in das Familienleben eingriffen und das Leben der Menschen von der Wiege bis zum Grabe regelten. Dieses Zeremvnialgesetz war in jenen Tagen der Ersatz für den Heimatboden, für die alten Volksfitten am Jordan, für die Winzer- und Erntelieder, die durch die Weinberge Palästinas hallten. Alle diese Gaben wußte das leidenschaftliche Volk nicht zu schätzen, oder es verlor sie zu früh, um auf dieser Grundlage zu einer gediegenen, rein nationalen Entwicklung zu gelangen. Erst in der Fremde erwachte das rechte Berständniß für diese verlorenen Güter, und im instinctiven Drang suchte sich der jüdische Geist ein Surrogat dafür zu schaffen. Natürlich nur ein Surrogat innerhalb der Gemeinde und der vier Wände, welches statt des naturfrischen epischen Grundzuges, der im alten Testament so entzückt, einen tief idyllischen Charakter trug. Das starke Pietätsgefühl der Juden, ihre innige Anhänglichkeit an die Stätten der Heimat und die Gräber ihrer Todten ist oft im Mittelalter als kostbarer seelischer Hausschatz hiezu erworben worden. Diese Himmelsstürmer oder sinnlichen Titanen, die bisher nur im unendlich Großen schwelgten, lernten nun auch die unwägbaren, innigen Freuden des unendlich Kleinen. Gleichzeitig lernten diese Phantasten, die dem religiösen Gegner ihre Gründe, Gefühle und Verwünschungen wie Granitblöcke an den Kopf schleuderten, in der Schule des Talmud die sorgsame Dialektik des für und wider, die feinere Ausarbeitung aller logischen Möglichkeiten. Diese beiden Errungenschaften waren gewiß von großer Wichtigkeit und mußten um so tiefer wirken, als sie sich gegenseitig befruchteten. Die Neigung zur Idylle erhielt durch die scharfe Dialectik eine Anleitung, sich in immer neuen Gebräuchen auszuleben und bis in die feinsten Adern zu verzweigen. Und der Talmudist empfand das Ceremonial-Gesetz als den Mutterboden, als die Volkssitte, welche seine Abstraktion vor zu großer Dürre bewahrte und zur befruchtenden Erde stets wieder zurückführte. Nur konnte dieses ideale Verhältuiß von keiner Ewigkeit sein, weil die Grundlage, nämlich das Ceremonial-Gesetz, nicht weit genug war, um ein Auseinandergehen dieser beiden Seeleneigcnschaften auf die Dauer zu verhüten. Das Ceremonial- Gesetz fiel zum großen Theil der Kabbala in die Hände, die aus seinen Gebräuchen Zauberformeln machte und einen Götzendienst damit trieb, der mit dem Cultus des Baal und der Feldteufel in mancher Beziehung große Aehnlichkeit hat. Der Talmudismus wieder erweckte in seiner immer feineren Ausstattung einen großen Ueberschuß dialektischer Kraft, der fich nicht mehr binden ließ und zu seinem Ergötzen die tollsten Tänze und Sprünge eines zügellosen Witzes zum Besten gab. Dadurch kam etwas Leichtes, Moussirendes in den Voltscharakter hinein, eine schillernde Oberfläche, welche doch das eigentliche Wesen nicht ersticken konnte. Immerhin formte dieser Witz einzelne Seiten des Bolksthums, die bisher schwerfällig in der Tiefe lagen, einigermaßen um. Die Lebenslust, die glühende, erotische Sinnlichkeit lernte nun auch kecke Feinheit, künstlerisch graziöse Frivolität und einen behenden, etwas zweideutigen Humor. Darum ist der Jude von oberflächlichen Beobachtern schon mehr als einmal mit dem Franzosen verglichen worden. Sehr mit Unrecht. Denn das fianzö fische Wesen hat nichts an sich von dem Grüblerisch-Pessimistischen, welches wir gleichfalls als Merkmal des Judenthums erkannt haben, nnd das französische Pathos ist eine prunkvolle, wohlgefällige Rhetorik, die sich mit dem Gluthschrei der Propheten oder auch nur Heinrich Heine's nicht vergleichen läßt. Aber allerdings fand der mousfirende Witz, den die Juden in ihrer Talmudschule großzogen, auch im Salon der Franzosen eine günstige Pflanzstätte. Doch was bei den Franzosen innerstes Volksthum ist, das erscheint im jüdischen Wesen nur als eine einzelne Seite, die mit den anderen Eigenschaften dieser Nation noch keineswegs organisch verwachsen ist. Und so sammeln fich die grundverschiedensten Widersprüche in diesem Nationalcharakter an. Ein todestrauriges, gluthvolles Pathos schlägt plötzlich in eine ftöhliche, cynische Lache um. Ein stiller idyllischer Familienbrauch sieht sich ganz unerwartet in die Schulstube versetzt, in die Mitte von disputirenden Gelehrten, die mit haarscharfer Dialectik über die Ursache und und Entstehung dieses Brauches disputiren. Und endlich das realistische, ganz irdische, vollblütige Behagen wird zur Sentimentalität, zur Schwermuth, zur grüblerischen Verbissenheit. Alle diese Züge prallen und schlagen schrill zusammen, in grellen Tönen, ohne Uebergang und Nuancen, in einer bunten Mannigfaltigkeit, die ungeheuer interessant ist, ungeheuer anregend, aber zugleich die vollendetste Stillosigkeit offenbart. Wir modernen Juden lieben über alles Heinrich Heine, welcher unser nationalster, weil europäischster Dichter ist. Wenn wir ihn lesen, dann steigt eine betäubende Fülle von Gedanken vor uns auf, von glänzenden, hochgenialen bau mots, von intensiven Farbengluthen, prachtvollen Bildern und überschwänglichen Gefühlen. Aber keine, gar keine Gestalten, wie sie eine ewige Dichterphantasie in still gesammelter Ruhe vor uns hinzustellen pflegt. Unsterbliche Menschen, die uns durch das Leben geleiten, hat das desorganifirte Genie Heinrich Heine's nicht zu schaffen vermocht. Denn Heine war als echter Dichter auch ein echter Sohn seines Volkes, der wie in einer Reinkultur alle glänzenden Eigenschaften und unseligen Widersprüche des Nationalcharakters offenbarte. Wie ich schon erwähnte, gab das Ceremonial-Gesetz im Mittelalter gleichsam den Ersatz für den Heimatboden ab. Jedenfalls bewahrte es damals den Volkskörper vor Zerstörung und und verlieh ihm etwas Zähes und Solides, welches sich gleichfalls bis in die Denk- und Gefühlsweise des Judenthums hineinverzweigte. Viele Juden, die längst ihre Verbindung mit der Orthodoxie und dem Gesetz gelöst haben, bewahren doch immer in ihrem geistigen Habitus ein Streben nach solider Festigkeit, nach handfester Begriffsunterlage und systematisch ausgesponnenen logischen Gedankenfäden. Dieser hartnäckige Dogmatismus des jüdischen Geistes ist eine Eigenschaft, die sich mitunter mit dem Pathos und der gewaltigen Einseitigkeit des Propheten und Fanatikers ganz gut verträgt, aber doch im allgemeinen mit der grüblerischen Gefühlstiefe und Phantasiethätigkeit, sowie mit dem spielerischen Witz in einem schreienden Widerspruch steht. Manche unserer besten Männer, wie Spinoza und Karl Marx, haben diesen jüdischen Dogmatismus in seinen Tugenden und Schattenseiten deutlich geoffenbart. Und die Thatsache, daß Juden in den Zeiten politischer Umwälzung mit Vorliebe als die Systematiker und Metaphysiker der Parteiprogramme auftretcn, ist eben auch nur zu erklären, wenn man bedenkt, daß das Ceremonialgesetz und das Mittelalter dem beweglichen jüdischen Gehirn mit eisernen Schlägen das Bedürfniß nach einer harten logischen Substanz eingehämmert haben. Damit war der letzte Schritt geschehen, welchen die mittelalterliche Erziehung noch zu vollenden hatte, um den Juden mit allen Gaben auszustatten, die er fich in der alten Heimat nicht erwerben konnte. Er halte dort keine ewig feste, historische Unterlage — das Ceremonial- Gesetz gab sie ihm. Ein mächtiges Pathos spannte und dehnte

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