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Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
Vom jüdischen Nationalcharakter
Date
1897-07-09
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Nr. 6. zum Begriff einer unsterblichen Seele, und der metaphysische Spiritualismus des Christenihums ist der Mutterreligion zu allen Zeiten gänzlich fremd geblieben. Von einer eigentlichen GeisteSwiffenschaft, von einer systematischen Philosophie, wie bei den Hellenen, war im alten Palästina nicht die Rede. Im Gegensatz zu einer beliebten Geschichtsauffassung möchte ich wagen, den Spieß umzukehren, indem ich den Hellenen viel mehr Spiritualismus, als den Juden zuschreibe. Dann aber, und zum letzten Mal — woher der eine, allmächtige Gott? Die Götter und Religionen eines Volkes find ein Product aus seiner Naturauffassung und seiner Gesellschaftsordnung. Und zwar so, daß die Natur- und Gesellschastsausfaffung sich gegenseitig entsprechen. Ist die sociale Struktur, unter welcher ein Volk lebt, besonders differenzirt, so wi,d es auch die Natur mit differenzirenden Augen anschaueu, indem es alle Einzelheiten der Naturerscheinung individualisirt, jeder Farbe, jeder Nuance ein besonders Leben leiht. Und umgekehrt, wenn es im Volksgeist liegt, nur al fresco in großen, sich mächtig eingrabenden Grundlinien die Naturerscheinung auszufangen, dann darf man annehmen, daß seine Gesellschaftsordnung noch ziemlich ungegliedert ist, daß es sich als eine große einheitliche Masse gibt, die mit der Wucht einer blinden Naturkraft Weltgeschichte macht. So war es bei den Juden der alten Zeit. Sie sahen in der Natur immer die großen Grundzüge. Am Himmel das Gewitter und den Blitz, am Meere den Sturm, in der Wüste den Sand, die Hitze und den Hunger. Wird ein Kriegsroß geschildert, so hören wir, daß es wiehert, die Ohren spitzt beim Trompetenklang und wie ein Pfeil von der Sehne in die feindlichen Reihen schnellt. Das ist eine Auffaffung al fresco, die nichts gemein hat mit der sorgfältigen und liebevollen Schilderung aller Einzelnheiten, in welcher schon der alte Homer excellirt. Und dieser Naturausfassung entsprach in der alten Zeit der Gesellschaftskörper des jüdischen Volkes, welcher nichts anders war, als der Nomadenstamm, die einheitliche Horde eines Hirtenvolkes. Die grobsinnfällige, einheitliche Masse gab de» Ausschlag und von den abstracten Ordnungen einer höheren Cultur konnte damals noch nicht die Rede sein: Der Beobachter ging noch nicht vom einzelnen Individuum oder einer kleineren Gesellschaftsgruppe aus, während es chm eine große Kraft der Abstraction gekostet hätte, sich über diese Einzelerscheinung zum allgemeinen Gesetz zu erheben. Sondern umgekehrt, in diesem Nomadenstamm konnte er sich den Einzelnen, losgelöst von der Masse, überhaupt nicht denken. Die Masse, der Stamm, die Horde war ihm das einzig Reale, und der Leiter und Führer dieser Masse, der Patriarch, war abhängiger von seinen Untergebenen, als in seßhaften, festgegründeten Staatswesen der angestammte Monarch. So drängte und wies alles immer wieder auf die Masse zurück. Die ideale Wiederspiegelung dieses Massenvolkes, das gestaltenlose Geschlecht der Elohim, mußte sich nochwendig immer mehr zn einer großen Einheit verdichten, zum Jehovah werden, der den Blitz schleuderte, durch die Lüfte flog und alle Erscheinungen der »1 fresco- Natur in sich verkörperte. Das war Monotheismus, aber noch kein allgemeingiltiger, sondern ein nationaler, oder vielmehr ein Horden-Monotheismus. Dann aber kam die Zeit, wo die Horde zum Ackerbauvolk wurde und in Bedingungen des Lebens hinein gerieth, welche jenem alten Monotheismus in keiner Weise mehr entsprachen. Oder, wie es in dem prachtvollen Lied im fünften Buch Mose heißt, als die Kinder Israel von der Fülle ihrer Wein- und Oelberge fett geworden waren, da vergaßen sie ihren Gott und opferten den Feldteufeln, jenen neuen Göttern, die sie nicht kannten, die zuvor nicht gewesen waren und denen die Väter keine Ehre spendeten. Nun hätte man erwarten sollen, daß die neuen Bedingungen eines nationalen Lebens, welche doch mehr als ein Jahrhundert fortwährten, die Grundlagen des Hordenmonotheismus allmälig erschütterten. Aber die Nomaden hatten schon eine ausgeprägte, reich gestaltete Cultur hervorgebracht, welche sich unter den neuen Bedingungen transformiren, aber so bald nicht verschwinden konnte. Und das umsoweniger, weil die neue, seßhafte Ordnung der Dinge auch die klaffenden, socialen Schäden und die unvermeidlichen Schattenseiten einer auf den Besitz gegründeten Cultur offenbarte. Von diesem düsteren Hintergrund hob sich das Zeltleben der Patriarchenzeit leuchtend ab und verlieh der schöpferischen Sehnsucht immer neue Impulse. Das war der vornehmste Grund, weshalb Jehovah vor den Feldteufeln und den Baalgötzen nicht zurückwich, sondern sich nach hartem mörderischem Kampf siegreich behauptete. Ebenso wirkte das Bedürfniß nach Centralisation, welches die aufstrebende Königsmacht empfand, zu dieser Entwicklung kräftig mit. Auch politisch war es besser, wenn die Heiligthümer der Haine zerstört wurden und allein der Tempel in der Hauptstadt als Wohnstätte des Allmächtigen anerkannt wurde. Das verstanden David und Salomo, die darum, diese argen Sünder, von den Frommen und Priestern heilig gesprochen wurden. Die Könige von Juda, die zu Jerusalem residirten, blieben seither meistens fromm, während die von Israel aus eben so politischen Gründen mehr als einmal arge Baalsdiener waren. In jenen Tagen wurde der Keim zu dem Widerspruch oder Dualismus, wie man es nennen will, in die jüdische Volksseele niedergelegt, der seither durch die ganze jüdische Geschichte zieht. Das Schlimmste war eben, daß sich keine der beiden Gestaltungen fest consolidiren konnte. Das centralistische Königthum der David und Salomo, welches noch am ehesten befähigt war, die aus dem Nomadenthum herausgewachsene, abstracte Gottesidee mit den Anforderungen eines nationalen Staatswesens zu versöhnen, wurde durch die Trennung der zehn Stämme in seinen innersten Wurzeln untergrabend Und das Nordreich, welches in all seinem Baalcultus und Götzendienst wenigstens vom nationalen Boden ausging und eine gewisse entwicklungsfähige Ursprünglichkeit aufwies, erlag frühzeitig dem Andrang mächtigerer Völker. So kam es, daß keine der beiden Seiten des jüdischen Volkslebens, weder die monotheistische, noch die im Feldboden und in schrankenloser Sinnlichkeit wurzelnde polytheistische Richtung die nöthige historische Grundlage behielt, von welcher aus eine stille, langsame und gleichsam naive Ausgestaltung möglich war. In dieser Weise, wenn ich so sagen darf, hingen Baal und Jchovah gleichsam in der Luft, und die Unsicherheit des jeweiligen Besitzes veranlaßte die Anhänger nur, sich um so stärker an ihren Gott zu klammern, um so erbitterter dem Gegner die Zähne zu weisen. Eine Geistesverfassung, wie diese, konnte die dialectische Ausgestaltung des Glaubens, die feinere, zierliche Filigranarbeit des Geistes nicht begünstigen. Die Sprache einer ungeheuer angespannten Empfindung rang nach einem elementaren Ausdruck, und jene religiöse Gluth, das zürnende Pathos, welches das eigentliche Merkmal eines religiösen Priestervolkes ist, wurde dadurch in einer Weise verewigt, daß dieser Seelencharakter für immer dem Jndenthum verblieb und noch heute in den Werken seiner Denker und Dichter einen volltönenden Ausklang findet. Aber, noch einmal muß es betont werden, dieses Pathos konnte sich eben so gut im Sinnlichen, etwa in der Geschlechtsliebe, gluthvoll und tönend äußern, wie im drangvollen Ringen um die erhabenste Gottesidee. Warum auch nicht? Das jüdische Volk ist ja so zäh und irdisch. Es will nicht untergehen und hält sich an der Welt mit klammernden Organen. Darum muß sein gluthvolles Pathos sich auch oft in irdischen Dingen äußern, und es ist geradezu ein Widerspruch, daß diese hochgestimmte und krampfhaft angespannte Feierlichkeit in einem so lebensdurstigen Volke immer wieder zum Durchbruch kommt. Doch die Verhältnisse vieler Jahrhunderte haben diesen Widerspruch geschaffen und, als logische Folge, einen zweiten größeren hinzugefügt, den Grübelfinn, den Peffimismus. Dieser ist das ganz nothwendige Product eines hochgestimmten Pathos, welches sich mit den kleinen und kleinlichen Dingen dieser Welt in ewigem Widerspruch befindet. Das Buch Hiob zeigt zur Genüge, daß schon die altjüdische Volksseele voll von diesen düsteren Melodien war, und daß die Schreckenszeit des Mittelalters diese Note noch intensiver gestaltet, keineswegs sie erst geschaffen hat. Nun bricht aber die innerste jüdische Natur, welche, wie der willensfeindliche Philosoph Schoppenhauer richtig erkannte, ein unersättlicher Wille zum Leben ist, immer wieder hervor; und wir haben die merkwürdige Erscheinung vor unS, daß ein grüblerisches und pathetisches Volk an unverwüstlicher Lebenslust und Lebenskraft

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