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Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
Vom jüdischen Nationalcharakter
Date
1897-07-09
Page
6 (sequence 4)
Language
German
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Seite 6. JfttfWC Nr. 6. ihn, bis seine Brust erfüllt war von ungeheuerem Weh — nun lernte er talmudische Dialectik und kecken, geflügelten Witz. Er bewegte sich immer in weiten Horizonten und sah die Natur nur mit »1 krssoo-Augen an — nun lernte er die Idylle kennen, die Freude des unendlich Kleinen. Sein Geist irrte trotz alles Pathos unruhig hin und her und überschlug sich in jähen Extremen — nun lernte er die Logik und schrittfichere dogmatische Entwicklung eines Gegenstandes. Das Alles erwarb er sich im finsteren, blutigen Mittelalter und es fehlte ihm nur noch eine Kleinigkeit, um für alle diese kostbaren Theile auch das geistige Band zu finden — das eigene Land, die festgewurzelte Heimaterde. Es wäre ja sehr leichte Arbeit, wenn man versuchen wollte, das Elend der Juden auf materielle Ursachen zurückzusühren. Aber ich behaupte, daß auch nach Streichung aller geschriebenen und ungeschriebenen Paragraphen» welche gegen die Juden in Kraft bestehen, das tiefere Goluselend dieses Stammes noch nicht beendigt wäre. Die psychischen Leiden beginnen erst fühlbar zu werden, wenn die schreiendste physische Noth einigermaßen behoben ist. Jeder jüdische Geistesarbeiter wird verstehen, was ich meine. Ihm dürste es freilich nicht schwer fallen, eine einzelne jüdische Eigenschaft zum Ausgangspunkt zu nehmen und sie in höchster Vollendung zu entwickeln. Man kann ein starr systematischer, imposanter Dogmatiker wie Karl Marx oder Spinoza werden. Man kann den jüdischen Witz zum Virtuosenthum emporsteigern, kann ein Schilderer des unendlich Kleinen werden oder ein Grübler oder ein Schwärmer und Pathetiker. Wenn es aber nun gilt, alle diese Eigenschaften machtvoll zusammenzufassen, dann ergibt sich jene schrille, bunt schillernde Mannigfaltigkeit, die ungeheuer viele Keime wirst und sehr, sehr spärliche Blüthen wie durch einen Zufall zur Reife bringt. An Heine erinnerte ich schon und will hier nur noch einen erbitterten jüdischen Gegner dieses Dichters vorführen, der stch in der deutschen Belletristik gleichfalls einen ehrenvollen Platz erwarb. Berthold Auerbach strebte mit aller Kraft nach der Dorfgeschichte hin, nach schlichter Naivetät und höchster epischer Gestaltung einfacher Verhältnisse. Er besaß eben in hohem Grade den Zug zur Idylle. Aber daneben lebte in ihm der Grübelsinn und die mächtige religiös-pädagogische Phantasie des Judenthums, die zu den Gestalten seiner schwäbischen Bauern einfach nicht paßte und doch, wie jedes Ursprüngliche im Wesen eines Menschen, elementar nach Ausdruck rang. So konnte Berthold Auerbach, der gerade die Dissonanz im Wesen Heine's verabscheute, nicht vermeiden, daß er in eine ganz ähnliche Dissonanz verfiel, daß er kein dauerndes Kunstwerk schuf und in nicht zu ferner Zeit gänzlich vergessen sein wird. Dieser Dichter ahnte dunkel, was ihm fehlte, und strebte darum mit aller Kraft nach Assimilirung an das deutsche Volksthum. Das war freilich ein verkehrtes Streben und er hätte umgekehrt nach einem Zustand streben müssen, welcher chm erlaubte, statt schwäbischer jüdische Bauern zu schildern. Denn ein festes Bauernvolk jüdischer Nationalität würde nach Jahrhunderte langem Sitzen auf der Scholle die mitgebrachten nationalen Geistesanlagen mit den Bedürfnissen des Berufes in das richtige Gleichgewicht gebracht haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der jüdische Bauer den Grübelsinn, den Witz und das Pathos seiner Vorfahren weiter in sich großzieht. Aber das Alles würde mit dem Erdboden und der täglichen Arbeit zu einem geschlossenen naiven Ganzen zusammenwachsen. Ein Berthold Auerbach der Zukunft brauch;e seine Natur nicht zu unterdrücken und könnte demnach durch getreue Wiederspiegelung ein vollendetes Kunstwerk he> Vorbringen. Und wie die Künste so auch das Leben. In den europäischen Staat der Gegenwart bringt der jüdische Staatsmann oder Gesellschaftsmensch immerhin ein fremdartiges Element hinein, welches sich mit dem innersten Wesen dieser Jnstitulionen nicht deckt und als eine störende Dissonanz empjunden wird. Der einzige große Smatsmann jüdiicher Herkunft, Lord Beaconsfield, ist bezeichnender Weise bei den durch puritanrsche B.belerziehung den Juden angeähnlichien Engländern emporgekommen. Trotz seiner hervorragenden Thaten erfteute er sich bei einem sehr großen Theil des englischen Volkes der ausgesprochensten Antipaihie, die keineswegs nur seiner konservativen Parteistellung entsprungen ist. Aber die gluthvolle, heiße Phantasie dieses Mannes stand mit dem kühlen englischen Wesen in einem zu schreienden Contrast, um nicht zum mindesten als störend empfunden zu werden. Benjamin Disraeli fühlte besser, als Berthold Auerbach, was ihm fehlte, und träumte in seiner Jugend von einem Königreich Judäa. Für ein solches wäre er der richtige Staatsmann gewesen, der nicht bis zum hohen Alter hätte warten müssen, um auf sehr fragwürdigem Wege die Machtstellung zu erlangen, welche er zur Entfaltung seiner hohen staatsmännischen Gaben durchaus brauchte. Das Alles hat schon Herr Professor Leon Kellner in seinem an dieser Stelle veröffentlichten Aufsatz über Lord Beaconsfield genügend nachgewiesen. In Einem nur dürste er entschieden irren. Auch wenn Disraeli niemals durch frühe Taufe die Fähigkeit erlangt hätte, englischer Premierminister zu werden, so wäre er doch niemals der Mann gewesen, den neuen jüdischen Staat vorzubereiten oder gar aus dem Nichts zu begründen. Freilich steckte in Disraeli wie in Auerbach ein Stück jener glühenden, agitatorischey Beredtsamkeit, welche neue Gedanken und Ideen in die Masse wirft. Aber im Kern ihres Wesens waren Beide auf praktische Thätigkeit angewiesen, Auerbach auf die poetische Production und Disraeli auf schöpferische Regierungskunst. Dieser Trieb drängte gebieterisch nach Betätigung, und da diese Männer ein ihnen kongeniales Material nicht vorfanden, so mußten sie sich mit Ersatzmitteln behelfen: Auerbach mit seinen schwäbischen Bauern und Disraeli mit dem Adel von England. Ebenso, um die Sache weiter zu spinnen, griff Heinrich Heine zum Volkslied, welches am Rhein gesungen wurde, da es zu jener Zeit kein Bauernvolk am Jordan gab, welches seiner glühenden Erotik, seiner Melancholie und jauchzenden Lebenslust in naiven, strömenden Gesängen Ausdruck lieh. Ich bin zu Ende und muß nun mit dürren Worten das Facit ziehen. Es gibt keinen jüdischen Nationalcharakter, sofern man unter Charakter eine einheitliche Geschlossenheit, das geistige Band für die auseinander strebenden Theilstimmungen eines Wesens zu verstehen hat. Dieses Band ist dem Juden versagt geblieben und dieser Mangel hat die Hauptschuld zu tragen, daß die vielen glänzenden Eigenschaften, welche wir als jüdische Merkmale angaben, oft genug zu einem bedenklichen Virtuosenthum entarteten. Und wenn daS einmal nicht geschah, indem sich eine einzelne hervorstechende Begabung siegreich emporrang, dann blieb diesem siegreichen Talent die legitime Entwicklung zum Letzten und Höchsten doch immer versagt. Es ist ein glänzendes Zeugniß für die ursprüngliche Kraft des jüdischen Genies, daß es dem ftemden, spröden Stoff noch Manches abgewann. Das ändert aber nichts an der Thatsache, daß es sich dennoch im Stoff vergriff und um seine höchsten Wirkungen betrogen wurde — siehe Heine, Auerbach, Disraeli. Aber immerhin sind die einzelnen Eigenschaften des jüdischen Nationalcharakters, wie wir sie eben schilderten, einfach glänzend und dürsten sich, wenn erst das einigende Band gefunden ist, zu einer sehr hohen Cultur- und Menschenblüthe entfalten. Und dieses geistige Band wäre nichts anderes, als ein sehr leibliches, greifbares Heimatland, der jüdische Staat, die souveräne Ackerscholle. Uem-Uorker Brief. Von Michael Singer. In meinem letzten „Briefe" glaube ich angedeutet zu haben, daß jener Thcil der New-Aorker Rabbiner, welcher sich zu einem „Board" constituirt hat, vorige Woche ebenfalls eine Versammlung hatte, deren einziger Zweck die Durchpeilschung einer von Dr. K. Köhler, dem Präsidenten des erwähnten Board, eingebrachten Resolution war. Jener Conferenz wurden auch einige Privatleute zugezogen und nun heißt es in den Blättern volltönig, daß die Rabbiner und „repräsentativen" Juden der New-Porker Communität gegen die zionistische Bewegung Stellung genommen haben. Allerdings spricht man nirgends davon, wen die Herren „repräsentiren" und auch davon verlautet nichis, daß die Herren Rabbiner von ihren respectiven Gemeinden autorisirt worden wären, gegen unseren Zionismus Stellung zu nehmen. Die

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