Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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in diesem Wahlbezirke die Ruthenen nicht 60 "/©, sondern nur 1-1 "/© zählen, was selbstverständlich die ganze politische Situation in einem andern Lichte, als ihr Wiener Korrespondent es darstellt, erscheinen läßt. In dem entflammten polnisch-ruthenischen Kampfe wollte das Zionistische Zentralkomitee nicht den Juden eine so große Verantwortlichkeit den Polen gegenüber aufbürden, daß .sie das bis jetzt polnische Lemberg einem Ruthenen übergeben haben. Insbesondere aber, als dieser Ruthene sich noch mit aller Kraft dagegen sträubte, das Grundprinzip der zionistischen Politik, die Anerkennung der jüdischen Nationalität, zu akzeptieren. Die Sozialdemokraten waren sich ihrer Sache so sicher, daß sie sogar vor den Wahlen mit den Zionisten nicht in Verhandlungen treten wollten. Es schien, daß sie die zionistische Partei als ihr stetes Anhängsel betrachten, das sie immer treu und ehrlich unterstützen muß,'weil sie doch angeblich die Vertreter des „Fortschritts" im Lande sind. Die Wahlenthaltung der Zionisten hat sie eines bessern gelernt. Mit Recht hat jetzt das Zionistische Zentralkomitee die Gelegenheit ausgenützt, um die vollständige Selbständigkeit der zionistischen Partei auch nach links zu dokumentieren. Der Staub aber, den die Sozialisten jetzt aufwirbeln, wird niemanden das wahre Licht rauben. Die Sozialdemokraten haben kein Recht, von den Zionisten besondere Begünstigungen zu verlangen. Haben sie doch während den ersten Reichsratswahlen in Stanislau gegen Dr. Braude, und in Brody gegen Stand gestimmt, trotzdem mit ihnen ein Kompromiß geschlossen wurde, auf Grund dessen Diamand durch die Unterstützung der Zionisten in Lemberg gegen Horowiz gewählt wurde. Dieses-Kompromiß haben die Sozialisten in so schändlicher Weise verraten, daß sie in Brody sogar mit dem Kandidaten des Polenkiubs, hinter dem Rücken deir Zionisten, eine zweite Abmachung getroffen haben. Während der Landtagswahlen in Brody haben die Sozialisten den einzigen oppositionellen Kandidaten in diesem Wahlbezirke, Dr. Braude, nicht unterstützen wollen. Im Parlament schmiedet Diamand, der mit zionistischen Stimmen gewählte Sozialistenführer, Intriguen gegen den „Jüdischen Klub", erschwert ihm seine Arbeit, verleumdet ihn vor andern Parteien und tritt sogar gegen die Lebensinteressen der jüdischen Massen auf, indem er die Verschärfung der Sonntagsruhe verlangte. Alle diese Gründe veranlaßten das Zionistische Zentralkomitee, den sozialistischen Kandidaten nicht zu unterstützen. Amerika Die jüdische Liga Eine neue jüdische Organisation von besonderer Bedeutung ist die jüdische Liga. Diese Organisation, die vor einigen Monaten gegründet wurde, hat sich jetzt der Federation of Americain Zionist angeschlossen und war auch schon in Atlantic City auf der Jahreskonferenz vertreten. Der Zweck der Liga ist die Vertretung jüdischer Interessen und die Verbreitung des Zionismus. Vorsitzender ist Charles Zunser. Die nächste Aufgabe der Liga wird sein, in der Eastside eine energische zionistische Propaganda zu betreiben. Zionismus in Kalifornien Zu Ehren Herzl's fanden in San Francisco imposante Herzltrauerfeiern statt. Die Zionisten in Los Angelos haben sich ein besonderes Publikationsorgan geschaffen, indem sie mit dem Herausgeber der Zeitung des Ordens Bnai Brith ein Abkommen trafen, wonach ihnen ein bestimmter Raum der Zeitung zur Verfügung steht, E^gAc_™cHTEN güT^ Galizien (Von unserm Berichterstatter) Antisemitismus im Lemberger Gemeinderat Eine kleine Affäre im Lemberger Gemeinderate, die sich vor einigen Tagen ereignete, wirft helles Licht auf die antisemitische Gesinnung der Majorität der Gemeinderäte und — dies ist die komische Seite dieser Affäre — auf ihre jetzige Furcht vor den jüdischen Wählern. Der Gemeinderat Barton * welcher der „Bürgerpartei" angehört, die bis nun die mächtigste im Lemberger Gemeinderäte ist, hat eine Offerte eines Polen, welcher die eines Juden gegenüberstand, damit befürwortet daß, trotzdem die jüdische Offerte der Stadt einen um jährlich 2000 Kronen höhern Preis proponiert, man doch die christliche annehmen möge, weil die Stadt die Pflicht habe, eher dem Christen (Polen) als dem Juden die Verwaltung ihrer-Meierei (denn .um eine solche handelte es sich eben) zu über-, lassen. Im. Lemberger Gemeinderate sitzen 20 Juden," und keiner von ihnen hatte -den^Mut, gegen diese antisemitischen-Ausführungen Bartons zu protestieren.' So geschah es, daß der Antrag,'welcher die höhere Offerte .des Juden zurückweist auch angenommen wurde. Erst nach der Sitzung erinnerten sich die jüdischen Gemeinderäte ihrer Pflicht Als man aus der Fresse erfahren hatte, in welcher Weise der Lemberger Gemeinderat gegen die jüdische Bevölkerung auftritt, machte sich unter den jüdischen "Bürgern Lembergs eine Protestbewegung bemerkbar- Die Situation war um so günstiger, als die Reichsrats wähl im ersten Wahlbezirke eben bevorstand und die Sozialdemokraten diese Affäre für ihre Wahlzwecke gleich auszunützen'trachteten. Es herrschte daher auch irr der „ Bürgerpartei" allgemeine Konsternation. Man fürchtete die 900 jüdischen Wähler und ließ bald vom antisemitischen Tone ab. Bar ton mußte durch Plakate seine Worte zurückziehen und. sich entschuldigen. Die Gemeinderatsparteien gaben in der nächsten Sitzung öffentliche Erklärungen ab, daß sie in keiner Weise an den gleichen Rechten der.Juden rütteln wollen, und sogar die jüdischen Gemeinderäte ließen sich zu einer Erklärung bewegen, in welcher sie gegen die Ausführungen Bartons Stellung nahmen. Der Beschluß blieb aber aufrecht Die Meierei wird der Pole Sobolewski erhalten, trotzdem der Jude Wahl einen viel höhern Preis bezahlen will. Das Verlangen, daß dieser Beschluß, der die Interessen der Stadt materiell schädigt, reasurniert werden soll, wurde zurückgewiesen. Der Pole ist dem Lemberger Gemeinderate mehr wert als der Jude, der einen bessern Preis bezahlen will. Das aber nennen sie nicht Antisemitismus. Morris Rosenfeld in Galizien Seit einigen Wochen weilt in Galizien der Dichter der „Lieder des Ghetto". Aus Karlsbad, wohin er aus Amerika käm, um seine durch fortwährende Leiden erschüttete Gesundheit zu bessern, wurde er nach Galizien eingeladen, wo er jetzt eine Vortragstournee in allen größern Städten veranstaltet Schon besuchte R|osenfeld Krakau, Stanislau, Rzeszow, Tarnopol, Suczawa, Lemberg und noch soll er in mehreren Städten auftreten. Das jüdische Publikum nimmt auch überall den Dichter mit der größten Sympathie auf, und Tausende Juden, selbst aus den entferntesten Städtchen kommen, um ihren Rosenfeld zu sehen. Selbstverständlich sind es überall die Zionisten, welche die Abende veranstalten und die Leitung der ganzen Tournee Rosenfelds übernehmen. Sogar die polnische Presse, welche sich sehr wenig um jüdische Fragen kümmert, widmete diesmal mehr Aufmerksamkeit dem jüdischen „Jargons- Dichter, und auch unsere Assimilantenkreise zeigten ein gewisses Interesse für Rpsenfeld. Zu den gelungensten Rosenfeld-Abenden gehörte die feierlic*ae Veranstaltung in Lemberg. Ein Komitee aus Poalezionisteo und zionistischen Studenten bestehend, unter der Fühnwr,- des Gg. Samuel Kretz, bereitete in unermüdlicher Arbeit ö'en°Abend in vorzüglicher Weise vor. Die Feier fand in dem Großen Philharmoniesaale statt Es waren über 3000 Person^ anwesend. Die Eröffnungsrede über die Jüdische Literatur und Jüdische Dichter^ hielt Dr. Birnbaum. Er schilderte die Bedeutur,g der jüdischen Sprache für das jüdische Volk und seine Zukunf befaßte sich mit dem Verhältnis der hebräischen Sprache zur jüd;.scnen und besprach zuletzt die jetzige Lage der jüdischen Literatr^ Eingehend befaßte er sich mit den Dichtungen Rosenfelds und forderte schließlich das Publikum auf, ein größeres Interesse und Verständnis für die Jüdische Literatur und ihre Dichter jzu zeigen. Sodann las Rosenfeld, welcher-durch stürmischen, minutenlar.gen BeiFall begrüßt wurde von seinen Gedichten vor. Die prächtige Deklamation des Dichters, sowie seine ganze Erscheinung, dachten den besten Eindruck. Es folgten noch Klavierspiel (FrL P.oth), Violinkonzert (Prof. Mayer) und Orgelspiel (Prof. Ehrlich), Wonach Rosenfeld noch einmal Gedichte vortrug. Erst um 11 Uhr abends nahm dieser Abend, welcher einen so eindrucksvol'.en Verlauf hatte, ein Ende. Einweihung de,r Synagoge in Belgrad Belgrad, 21. Sept. Heute nachmittag fand die feierliche Einweihung der neuen stilvollen Synagoge statt, welche von der aufstrebenden jüdischen Gemeinde errichtet wurde. Zur Festlichkeit erschien auch KönigPeter, sämtliche Minister und ein zahlreiches, auserlesenes Publikum. Die Renaissance Mesopotamiens Konstantinopel, 21. Sept Die Pforte engagierte den berühmten Bewässerungsfachmann Sir William Willcox vorläufig für die Dauer von fünf Jahren, um die von der Türkei geplanten Bewässerungsanlagen in Mesopotamien und im Wilajet Adana zu