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Die Welt · 1908-09-25 · 38 (25.9.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIESg die vor Gewaltstreichen nicht zurückschrecken, um die Opposition zu vernichten (Pfuirufe), beweist in beredter Weise unsere wachsende Macht. Wir tragen aber gerne die Mühseligkeiten des Kampfes, denn es winkt ein hoher Preis, die Eroberung der 180 000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde Wiens! Redner bittet den Präsidenten um wohlwollende Beurteilung der österreichischen Organisation. Herr WoJffsohn (stürmisch begrüßt) dankt zunächst für den freundlichen Empfang. Ich kann im Sinne des Vorredners nicht fortfahren, der den Kampfcharakter des Zionismus sehr betonte. Das mag ja vom lokalen Gesichtspunkt aus seine Berechtigung haben. Ich muß die Dinge von einem höheren Standpunkt beurteilen, von dem des Gesamtjudentums. Schon früher, als Theodor Herzl hier auf Wiener Boden seine Wirksamkeit begonnen, überzeugten wir uns sehr bald, daß wir auf die Reichen und Wohlhabenden nicht rechnen können. Die Geborgenen haben eine unüberwindliche Abneigung gegen den Zionismus, der sie an ihr Judentum erinnert und mahnt. Er wäre für sie vielleicht akzeptabler, wenn er nicht so jüdisch wäre! (Heiterkeit und Beifall.) Sollen wir diese Elemente bekämpfen? Nein! Der Zionismus, sagte einmal Herzl, ist für die Ärmsten der Armen geschaffen, denen er Ruhe und Sicherheit, Brot und eine Heimstätte geben soll. Wir bekämpfen sie nicht, wenn sie für den Zionismus, der in erster Linie ihnen helfen soll, wenig oder nichts leisten. Ebenso sollen wir den Reichen keinen Krieg erklären, denn ich weiß nicht, wer von den beiden ärmer ist, — die ruhelosen Ärmsten der Armen oder der arme Reiche, der vor seinem Judentum die Flucht ergreift (Sehr gut.) Dem wollen wir fürsorglich sein Menschentum, seine Ehre und sein Judentum zurückgeben! (Lebhafter Beifall.) Wir geben von unseren Oberzeugungen nichts auf. Kein Nachgeben, aber auch kein Kampf. Auch die Ungeduldigen sollen nicht bekämpft werden, die vor drei Jahren unsere Organisation verlassen haben. Sie wollten in sieben Jahren von Palästina Besitz ergreifen, und als sie sich getäucht sahen, gingen sie hin, um andere Länder zu suchen. Wir werden auf das Judenland nicht verzichten. (Lebhafter Beifall.) Wir werden den Territorialisten nicht nachgeben, aber sie auch nicht bekämpfen. Freilich wird es oft -schwer, ungerechtfertigte Angriffe in Ruhe anzuhören. Es ist nicht leicht die Geduld zu bewahren, wenn uns Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wenn man sich mit wohlfeilen, billigen Witzen über alles, was uns teuer ist, hinwegsetzt Wir haben jedoch eine große Arbeit und kolossale Verantwortung, dürfen uns von Nichtigkeiten nicht aufhalten lassen. Wir haben Institutionen geschaffen, die bereits Hunderten und Tausenden Juden zum Segen gereichen, wir haben dem jüdischen geistigen Leben zu neuem Glanz verholten, der jüdischen Kunst neuen Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben. Schließlich wollen wir, wie es in unserem Programm schlicht und kernig heißt, dem jüdischen Volke zur Heimstätte verhelfen. (Lebh. Beifall.) Innerhalb unserer Organisation gibt es auch Parteien. Das ist ja natürlich. Wir sind keine Partei, sondern ein ganzes Volk. Die einzelnen Parteien sollen nicht bekämpft werden. Es soll ihnen aber nicht nachgegeben werden. Weder denjenigen, die dem Zionismus ihre religiösen Anschauungen aufdrücken wollen, noch denen, die die Gläubigen aus der Bewegung verdrängen wollen; "weder der antikapitalistischen Strömung, noch denen, die aus dem Zionismus ein rein kapitalistisches Unternehmen machen wollen. Besonders im gegenwärtigen Augenblick verträgt der Zionismus keinen inneren Kampf. Ich will hoffen, daß die freiheitliche Bewegung in der Türkei fortdauern wird. Wir werden davon zumindest dieselben Vorteile ziehen wie die andern Völker der Türkei. Die früheren Verhältnisse erschwerten natürlich die Arbeit Baron Hirsch hätte auf Palästina nicht verzichtet, wenn er die Freiheit der Türkei erlebt hätte. Er ist seinerzeit zurückgewichen. Rothschild wurde ebenfalls müde. Ich hoffe, er wird jetzt die Arbeit mit Jugendfrische wieder aufnehmen. (Lebhafter Beifall.) Es ist uns gleich, wer die Arbeit verrichtet, Alliance, Ica oder Hilfsverein, wenn sie nur in unserm Sinne ist. (Zustimmung.) Wer zur Hebung Palästinas und des Judentums in Palästina beiträgt, wie z. B. der, Hilfsverein durch seine Schulaktion, leistet zionistische Arbeit. (Lebh. Beifall.) Mögen die Absichten noch so verschieden sein. Wunder müßten geschehen, wenn die Arbeit in Palästina nicht fortschreiten sollte! (Sehr richtig.) Die Unterhandlungen mit einer Volksregierung sind bedeutend leichter. Die Arbeit wird angenehm, um so mehr als wir dasselbe wollen, was die freie Türkei will. Das Reich braucht Intelligenzen, Kapitalien und Arbeitskräfte. Und wir wollen Palästina eine arbeitstüchtige Bevölkerung zuführen. Natürlich wird das Aktionskomitee bestürmt, mit neuen Projekten überschüttet, die wir gewissenhaft sichten. Im Ezoth-Geben waren wir immer stark. (Heiterkeit.) Ja, wenns an's Ausführen kommt! Allen, die uns Ratschläge erteilen, kann ich nur sagen: wir müssen £ELT No. 38 jetzt noch vorsichtiger sein. Wir können nur mit offenen Augen zuschauen und abwarten. Sehen Sie, wie die Mächte, die jahrelang in der Türkei ihre Interessen, die natürlich auch die der Menschlichkeit und Humanität sind (Lachen), vertraten, jetzt Gewehr bei Fuß stehen. Auch wir müssen ebenso tun. Aber wir müssen zugleich die großen Massen des jüdischen Volkes hinter uns haben. Gehen Sie hier in Österreich an diese große Werbearbeit, und sie wird Ihnen gelingen. (Lang anhaltender Beifall.) Es folgten eine Reihe von Begrüßungsansprachen. Herr Böhm betont die Notwendigkeit, das Kolonisationswerk rüstig fortzusetzen. Eine ansehnliche jüdische Bevölkerung in Palästina ist die Voraussetzung des Gelingens der Unterhandlungen auch unter dem neuen Regime. Das wichtigste Problem ist das der Agrarkolonisation. Redner bedauert, daß die Landentwicklungsgesellschaft nicht genügend gewürdigt wird. Auf die Ausführungen des Präsidenten zurückkommend, hebt Redner hervor, daß die Wiener Zionisten nicht Personen, sondern das System bekämpfen (Lebhafter Beifall). Prof. Kellner (beifällig begrüßt) freut sich, so viel Jugend zu sehen, die die Alten noch nicht ganz vergessen zu haben scheint. Also wir leben noch! (Heiterkeit.) Ich habe in die Schlacht- und Kampfrufe, die ich stets aus Wien hörte, nie einstimmen können. Ich war immer ein Freund des Bibelwortes, Gott sei nicht in Sturm und Donner, sondern in der Sanftmut Nicht bekämpfen soll man, sondern in Liebe bekehren. Für Redner ist auch Taussig, der seine Kinder am Jom-Kippur den ganzen Tag im Tempel zu -bleiben zwingt, kein verlorener Jude. Er würde ihn nicht bekämpfen (Beifall und Zischen). Dr. Weisengrün tritt den Ausführungen Prof. Kellners entgegen. Volksverräter, wie Taussig, werden wir nicht in Liebe bekehren, sondern bis ans Messer bekämpfen! (Großer Beifall.) Da gibt es keine Versöhnung, keinen Frieden. Redner bespricht dann in ausführlicher Weise die Notwendigkeit der innerpolitischen Betätigung, die nicht unterschätzt werden soll, und verweist auf die Teilnahme der Mitglieder des Jüd. Klubs an der interparlamentarischen Konferenz in Berlin (Lebhafter Beifall). Herr Kaplansky: Die Person des Präsidenten steht über den Parteien. Wir sind daher herbeigeeilt, um ihn zu begrüßen. Die sozialistische Linke der zionistischen Bewegung kann sich mit vielem nicht identifizieren, was geschieht oder nicht geschieht. Der Präsident des A.-C. will eine mittlere Linie vertreten. Die Arbeiterschaft ist in der Minderheit im jüdischen Volke und in der zionistischen Organisation. Aber keine ohnmächtige Minorität. Wir rechnen mit der eisernen Tatsache, daß der Zionismus ohne die Besitzlosen nicht realisiert werden kann (Zustimmung). Daher kann gegen das Proletariat im Zionismus nicht „regiert" werden. Der Kongreß darf keine einseitige Kolonisationspolitik zugunsten der besitzenden Einwanderer treiben. Ich bin mit dem Wahlspruch des Herrn Präsidenten — kein Nachgeben — einverstanden. Auch wir sind gegen jede Politik der Verzichtleistung, der Bedürfnislosigkeit. Das kann nur zur Kulturlosigkeit führen. Redner hebt die loyale Haltung des Präsidenten in der Föderationsfrage hervor und hofft, daß er auch weiterhin den Scharfmachern kein Ohr leihen wird. Herr Cohino spricht als Spaniole über die sephardischen Juden in der Türkei. Die zionistische Organisation sollte den Wandlungen m türkischen Judentum nicht tatlos gegenüberstehen. Die 300000 Sepharden können ein wichtiger Faktor für den Zionismus werden. Redner erinnert an die Gastlichkeit und Duldsamkeit der Osmanen und erklärt, daß die Assimilation keinen Einfluß auf die spaniolischen. Juden ausüben kann. Leider sind sie aber führerlos. Da sollte die zionistische Organisation eingreifen und den Zionismus als einen integralen Teil des ottomanischen Reformwerkes propagieren. (Stürmischer Beifall.) Herr Schall inger (Jvria) begrüßte den Präsidenten nim Namen der Studentenschaft in herzlicher Weise. Herr Torczyner hielt eine humorvolle hebräische Ansprache. Dr. Schallt betont, daß die Charteridee nicht als gescheitert zu betrachten ist. Man wird immer wieder zum Charterismus zurückkommen müssen. Redner gibt seiner Genugtuung Ausdruck, daß der Präsident des A-C nunmehr als Gast der Organisation in Wien weilt. Zum Schluß richtete Präsident Wolffsohn einige Dankesworte an die Redner. In vorgerückter Stunde war der Abend zu Ende.. Mährisch -schlesischer Studententag in Prossnitz Sonntag den 6. d. M., nachmittags wurde im jüdischen Vereinshaus in Prossnitz der Studententag der mährisch-schlesischen Vereinigungen und Ferialverbindungen eröffnet. Es erschienen 150 Teilnehmer von allen jüdischen Korporationen Mährens und Schlesiens und die Vertreter der Wiener Verbindungen Jvria, Kadimah, Makkabäa und Unitas. Hervorzuheben ist, daß der- „Klub tschechischer

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