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Die Welt · 1908-09-25 · 38 (25.9.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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„Man wird sich erinnern, daß vor nicht allzu langer Zeit die Alliance Israelite Universelle eine Kommission zur Erforschung der Sitten und Gebräuche der Falaschas entsandte. Die Falaschas in Abessinien sind bekanntlich eines der interessantesten Überbleibsel des alten jüdischen Volkes; es ist überaus merkwürdig, daß die Falaschas sich bis auf unsere Tage ihre jüdische Religion bewahrt haben, ohne daß auch nur die geringste Verbindung zwischen ihnen und den übrigen Juden der ganzen Welt .besteht Es sollte deshalb auch eine Hauptaufgabe der oben erwähnten Kommission sein, festzustellen, welche Mittel zu ergreifen notwendig seien, um die Falaschas wieder in Verbindung mit ihren jüdischen Brüdern zu bringen. Die Kommission, welche von Herrn Haim Nahum, dem küzlich gewählten Oberrabbiner der Türkei, geführt wurde, ist dieser Tage nach Paris zurückgekehrt, und die Alliance Israelite Universelle hat bereits ein Communique veröffentlicht, welches die Resultate der entsandten Kommission und die betreffenden Entschließungen enthält. Die Alliance Israelite Universelle hat demnach beschlossen, in der Angelegenheit der Falaschas nichts zu tun, und zwar wird dieser Beschluß mit Folgendem motiviert: Es sei feststehend, daß die Anzahl der Falaschas nicht mehr als 700 Familien betrage, denen es verhältnismäßig gut gehe und die in keiner Weise den Wunsch hegten, von ihren jüdischen Brüdern in irgendeiner Weise unterstützt oder mit denselben in Beziehungen gebracht zu werden. Wir wollen die Richtigkeit dieser Tatsachen dahingestellt sein lassen, es mag wahr oder nicht wahr sein; jedenfalls~steht fest, daß andere Leute, welche mehr Zeit unter den Falaschas zugebracht haben, als Herr Nahum und seine Begleitung, auch eine andere Ansicht haben in bezug auf die Anzahl der Falaschas und das, was ihnen nottut. Aber selbst wenn die jüdische Bevölkerung Abessiniens tatsächlich nur einige tausend Seelen umfassen sollte, ist dieses ein Grund, der den Entschluß der Alliance rechtfertigt, und müßte man nicht im Gegenteil erst recht versuchen, diese Juden wieder in Verbindung mit der Judenheit der Welt zu bringen? Beginnen und enden denn unsere Pflichten gegen die Juden mit der Erforschung ihrer Zahl und der Untersuchung ihrer leiblichen Bedürfnisse? In dieser Hinsicht ist es interessant, einige Worte des Herrn Nahum zu zitieren, welche derselbe gleich nach seiner Ankunft in Paris einem Herrn, welcher ihn über die Falaschas „interviewte", gegenüber aussprach. Als das Gespräch auf die Anzahl der Falaschas kam, sagte HerrJMahum: „Alle, welche ich fragte, bestätigten mir, daß die Falaschas früher sehr zahlreich waren und daß ihr beständiges Zurückgehen hauptsächlich durch Krankheit, Hungersnot und Übertritte zu erklären sei." Diese Bemerkungen des Herrn Nahum sind nun ein wirklich schlagender Beweis für die Richtigkeit des Vorgehens respektive Nichtvorgehens der Alliance; anstatt zu untersuchen, auf welche Weise man am. wirksamsten diesen drei Ursachen des Niedergangs der Falaschas begegnen könne, um wenigstens die übriggebliebenen paar tausend Falaschas vor dem Untergang zu retten, beschließt man, — nichts zu tun. Ohne Zweifel ist der Hauptgrund des Rückgangs der Falaschas wohl in den Übertritten zu suchen, und man sollte meinen, daß für ein Institut wie die Alliance Israelite Universelle hier ein Feld zur Arbeit gegeben sei, wie sie es sich besser gar nicht wünschen könne, und das wert sei, daß mit der größten Anstrengung darauf gearbeitet werde. Aber man hat beschlossen, nichts zu tun! Der Grund für diese Entscheidung mag allerdings aucfrnoch in einer anderen Ursache zu suchen sein; denn fast gleichzeitig, mit der Expedition der Alliance ist eine zweite Expedition > nach dem Lande der Falaschas aufgebrocßen, welche genau? dieselbe Aufgabe hat, wie die seinerzeit von der Alliance entsandte Expedition. Unsere Leser werden sich erinnern, daGP Streitigkeiten zwischen der Alliance und dem bekannten Abessinier- Reisenden und Forscher Dr. Jacques Faitlowitsch entstanden waren, und daß infolgedessen die Welt das merkwürdige Schauspiel erlebte, daß von jüdischer Seite zwei Expeditionen zu den Falaschas entsandt wurden, welche gänzlich unabhängig von einander zu gleicher Zeit dort arbeiteten. Ein internationales Falascha-Komitee wurde damals in Italien gebildet. An seiner Spitze stand der Oberrabbiner von Florenz, Dr. Margulies. Dieses Komitee beabsichtigte vor allen Dingen in der italienischen Kolonie Erytrea, an der Grenze von Abessinien, eine Schule für die Falashas zu errichten, ein Plan, welcher, nebenbei bemerkt, sehr leicht zu verwirklichen wäre. Nun besteht die Tatsache, daß, während die Expedition des Doktor Faitlowitsch sich noch mitten in der Arbeit befindet, die Alliance Israelite sich beeilt; öffentlich zu erklären, daß die Falaschas keine Hilfe von irgendeiner Seite verlangen, und daß ihnen auch nicht zu helfen ist. Selbst wenn diese Erklärungen Anspruch auf unbestreitbare Richtigkeit hätten, würde es zum wenigsten höflicher gewesen sein, mit der Veröffentlichung derselben zu warten, bis die zweite Kommission ihre Untersuchungen beendet hat. Aber Herrn Nahums eigene Außerrungen beweisen, daß die von ihm kundgegebene Meinung über die Falaschas außerordentlich strittig ist, und wir kommen notgedrungen zu der Überzeugung, daß die Ursache dieser etwas allzu frühen Veröffentlichungen gerade nicht in einer durchaus abgeschlossenen und gewissenhaften Untersuchung der Frage zu suchen ist Für diejenigen, welche verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen, ist es klar, daß zwischen den beiden Missionen eine durch nichts zu begründende Eifersucht Platz gegriffen hat, und es ist für die Judenheit beschämend, an diesem Beispiel wieder einmal zur Evidenz zu sehen, wie unzulänglich die Beziehungen sind, welche zwischen den jüdischen Institutionen herrschen, die sich die Not der Juden zu lindern zum Ziel gesetzt haben. Gerade wenn die Alliance sich selbst nicht berufen fühlt, irgend etwas für die Falaschas zu tun, so ist dieses doch noch lange kein Grund, die eventuellen- Ergebnisse der Faitlowitschschen Expedition im voraus auf ein gewisses Niveau herunterzudrücken. Wir haben natürlich nicht die Absicht, ein besonders hartes Urteil zu fällen über eine Institution, welche dem Judentum so großartige Dienste geleistet hat wie die Alliance; aber wir müssen doch sagen, daß sie sich bei dieser Gelegenheit nicht auf der Höhe der Anschauungen gezeigt hat, die man von ihr erwartet hat. Wir hoffen, daß die Alliance auf diesem Wege nicht fortfährt und daß sie insbesondere nicht Unternehmungen zu hemmen sucht, die auszuführen eigentlich ihre eigene Sache wäre. Durch ein solches Vorgehen würde sie sich nur bei der ganzen jüdischen Welt in-Mißkredit bringen." ZIONISTISCHES A-B-C-BUCH*) Die freisinnige Volkspartei in Deutschland besitzt in dem Eugen Richterschen A-B-C-Buch ein für sie sehr wertvolles Handbuch, in dem der Parteigänger sowohl wie der Außenstehende sich über diese Partei, ihr Wesen und ihre Geschichte, ihre Beziehungen und ihre Stellungnahme zu den Zeitereignissen orientieren kann und das Tatsachenmaterial und die Ideengänge, die den in der Partei herrschenden Anschauungen zugrunde liegen und zu ihnen führen, findet. Ein solches Buch auch für den Zionismus zu erhalten, war ein alter, oft zum Ausdruck gebrachter Wunsch der deutschen Zionisten, die jenes Buch kannten. Es war keine leichte Aufgabe, diesen Wunsch zu erfüllen, und man muß der Leitung der deutschen Zionisten dafür danken, daß sie sich ihr unterzog. Das Buch ist nun schon einige- *) Zionistisches A-B-C-Buch. Herausgegeben mit Unterstützung zahlreicher sachverständiger Mitarbeiter von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Bcrlin-Charlottenburg. Verlag Zionistisches Zentralbureau, 1908. Vni u. *93 Seiten. Preis M. 3.75, geb. J& 3.50. Zeit heraus, und wir können mit Befriedigung konstatieren: Es hat im allgemeinen „eine gute Presse" gehabt Der Zionist der das Buch kritisieren soll, wird allerdings manches daran aussetzen müssen. Die literarische Kommission, die die Vorarbeiten zu diesem Buche leitete, schrieb ja auch selbst in einem Vorbericht: „Dem Buch werden in seiner ersten Ausgabe wohl noch Mängel anhaften, die aber in späteren Bearbeitungen nicht allzu schwer zu korrigieren sein durften, falls das Unternehmen Anklang findet" Und die Kritik will nichts weiter (es sei das vorweg betont), als den Herausgebern sagen: Bitte, macht dies oder jenes in der nächsten Auflage besser. Und die nächste Auflage wird hoffentlich nicht sehr lange auf sich warten lassen. Wenn das Thema „Türkei" dann eine vollständige Umarbeitung, wie wir hoffen, aus sachlichen Gründen wird erfahren müssen, so wird

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