Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316335--51074-3378539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 DIE^ELT No. 33 AUF BEIDEN EXTREMEN. i Die Neugestaltung der türkischen RegierungsVerhältnisse haben unter uns ganz eigenartige seelische und geistige Erscheinungen an den Tag gefördert. Erfreulicherweise hat man — bis in die untersten Schichten und bis in die entlegensten Schlupfwinkel unseres weltumfassenden Parteilagers — ganz energisch wieder zu denken, zu kritisieren und Pläne zu entwerfen angefangen. In tollen Sprüngen rasen nun die mannigfaltigsten Gedanken, raketenähnlich lodern und flackern die verschiedensten Einfälle, bald zuckt eine übermütige, unternehmerische Laune, gen Himmel keck aufstrebend, Nbald senkt sich ein pessimistisches Grübeln nach den Tiefen. Wer vermag all die schon jetzt wirbelnden Projekte zu zählen und die neuen Programme auch nur zu klassifizieren? Das wäre übrigens kaum des Schweißes der Edlen wert, zumal da die Flut noch lange nicht vorüber ist. Der Denk- und Kritisierungsprozeß an sich ist freilich im ganzen genommen als ein Geisteslebenszeichen zu begrüßen. Er mag manchen gesunden Kern zurücklassen, und hat er nur den Gleichmut und die Fahrlässigkeit verscheucht und stachelt er nur den Tatendrang zu frischer Kühnheit, so kann man schon seine Verdienste kaum hoch genug einschätzen. Nur wäre eine ernstere, tiefere und vielseitige Behandlung dieser Frage zu empfehlen. In diesen analytischen Prozeß schleicht sich' auch ein quasi rivalisierendes Element ein. Dieses Element kennzeichnet sich durch ein ganz eigentümliches Zerren am zionistischen Programm anläßlich der — ottomanischen Freiheiten. Es sei hier ein Passus aus der letzten Nummer der „Jewish World* zitiert, — um orientierungshalber unserem lesenden Publikum auch diese bezeichnende Art vorzuführen: „Man behauptete bisher allgemein, der Sieg der Jungtürken habe die zionistischen Aussichten gebessert, und dadurch sei die Möglichkeit für Palästina, ein Judenland zu werden, größer und wahrscheinlicher geworden. Jetzt haben die Zionisten einen kalten Wasserstrahl auf ihre erhitzten Köpfe bekommen (gemeint ist hier ein Interview. A. d. E.). Es ist (von einem interviewten Journalisten. A. d. R.) gesagt worden: die Konstitution bedeute das Totengeläute für den Zionismus. Dieser Ausspruch ist ganz richtig, wenn wir den Zionismus als ein redliches Bemühen betrachten: „eine öffentlich rechtlich jresicherte Heimat für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen". Die heutige Losung des türkischen Volkes ist: eine geeinte ottomanische Sation, und das widerspricht der Entstehung eines autonomen Judenstaates in Palästina. Die Gleichberechtigung der verschiedensten Religionssekten soll das hervorstechendste Merkmal der inneren Neuordnung des türkischen Reiches werden, die Juden haben also gar keine Aussicht, sieh irgendwie absondern zu können. Die Zionisten knüpften all. ihre Hoffnungen an die Wahrscheinlichkeit eines Zusammensturzes des tibkisehen Reiches; das kann aus zahllosen Reden und Aufsätzen nachgewiesen werden. Nun. hat die Türkei ihren Willen erklärt, ein geeintes Reich zu bleiben. Die Großmächte haben diesen Willen anerkannt, und die Juden, die in der Türkei leben wollen, müssen ottomanische Untertanen werden. Was wird aus ^dem Ideal eines autonomen Judenstaates im Heiligen Lande? Und wie können die zionistischen Führer ihren Anhängern fernerhin noch die Hoffnung beibringen, daß ein solcher Staat begründet werden könne? Es ist klar, daß, falls eine Autonomie erforderlich ist, das jüdische Volk gezwungen sein wird, nach einer anderen Seite seine Blicke. zu l-iehten, und wir hoffen zuversichtlich, daß diejenigen unter" den Zionisten, die nicht einem Phantom nachjagen, sondern etwas Erreichbares anstreben, es als ihre Pflicht erachten werden, sieh einer Organisation anzuschließen, die nicht an Palästina gebunden ist. Aber es liegt Ironie darin, und es ist für die Blindheit der zionistischen Führer bezeichnend, daß kurz nachdem das türkische Volk jede Hoffnung der Juden auf Autonomie endgültig zerstört hat, die Jüdische - Kolonialbank ihre Statuten" dahin geändert hat; die Bank dürfe nirgends außerhalb Palästinas und seiner Nachbarländer kolonisieren." So sprechen „die lachenden Erben* , nicht zum ersten-, sondern schon zum zweitenmal. Zum erstenmal, als sie wie das Faltervolk das Grab Herzls umschwärmten und heißsehnend nach dem Patrimonium schmachteten. Auch damals war der Zionismus „tot". Sonderbarerweise regte er sich ganz gewaltig nach diesem „Tode*, — nun soll er wieder jetzt zum zweitenmal totgesprochen werden. Da müssen die Jungtürken,herhalten. Sie werden die Antiochus Epiphanes sein, die eine nationaljüdische Sonderexistenz nicht zulassen werden. Der Nostradamus der „Jewish World", der auf den Tafeln der Zukunft die Zeichen liest, sieht schon die homogene ottomanische Nation mit dem wulstigen Nationalismus, der das flatternde Gespinst zionistischer Hoffnungen rücksichtslos zerreißt. Er sieht schon — ein Zerrbild! — den zentcalistischen Moloch, dem man die schwachen Kinder der Selbstverwaltungsbestrebungen kleinerer Völkerschaften in den allverzehrenden und allverschlingenden Schoß schleudern muß! Nicht in zagenden Umrissen, nein, in ganz bestimmten Linien scharf umrandet, sieht' er ein assimilierendes Türkentum,' wie er es für seinen augenblicklichen polemischen Zweck nötig hat und wie es eine jüdische Soriderart nicht aufkommen läßt . . . Um den Gegensatz noch greller zu beleuchten, potenziert er das zionistische Programm und'trägt die Farben sehr stark auf, indem er den „Staat* auseinandertrommelt. Der streng-logisch sein wollende, aber im Grunde kleinliche und Arglist brütende Zionistenfresser möchte uns einreden, daß, wenn wir es redlich meinen, wir. einen förmlichen Staat mit allen Hoheitsattributen und Machtmitteln verlangen müssen, und das müssen die Jungtürken, die doch alle anderen Nationalitäten in ihrer Mitte vernichten dürften, — streng zurückweisen. Aber all diese Voraussetzungen sind willkürlich. „Staat"? Man .muß sich erst über den Begriff klar verständigen. Was wir unter „Staat* verständen, das war eben eine Selbstverwaltung, und das neue Regime in der Türkei will nicht eine homogene Nationalität, sondern ein geeintes Gesamtreich sichern, ein Gesamtreich, in das wir mit unsern nationalen Bestrebungen besser hineinpassen, als irgendeine andere der verschiedenen nichttürkischen Nationalitäten. Wie komisch klingt schließlich der Sirenenruf, mit dem der gestrenge Kritiker die Zionisten nach jenen Wolkenländern lockt, wo die Autonomien blühen! Wozu das Versteckspiel'? Seid ihr national-jüdisch oder seid ihr es nicht'? Wie lange kann das Täuschungssystem anhalten? Die Auioritäf, die der Interviewer anführt, hat sich bereits mehreremal in unumwundener Weise gegen eine jüdisch nationale Bewegung erklärt. Existiert aber keine jüdische Nationalität, so ist eine nationale Autonomie ein Unding. Das ist ein Abgrund, den man leider, trotz aller Vereinigungsversuche bestgemeinter Art, nicht überbrücken kann. Darin ist der ganze Gegensatz der Anschauung verdichtet. Nun steigt mit einemmal in hellen Flammen ein so radikales und heftiges Begehren nach einerjüdischen nationaleoAutonomie auf, daß die Freiheit, die die Ansiedler in Palästina für ihre nationale Betätigung genossen und die doch infolge