Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316335--51073-3378538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \g/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG Zentralorgan der zionistischen Bewegung XII. JAHRO. KÖLN, 25. September 1908 p-Virfc E&nn'«* bhü D*3 DIE FEIERTAGE . Das bevorstehende Neujahrsfest wurde in der Heiligen Schrift als „Tag des Schalls" oder „Tag des Andenkens"- bezeichnet; die altehrwürdige Tradition stempelte es zu einem Jahresbeginn, zum ersten jener zehn Bußtage, während deren der Allerhöchste Richter alle Sterblichen richtet, ihre Geschicke für das beginnende Jahr streng', aber barmherzig von vornherein bestimmend. Dem hohen Ernst dieses herrlichen Himmelsgerichts, das auf unserm Glauben und unserm Empfinden beruht, entspricht auch die äußere Naturstimmung der Jahreszeit, mit dem angehenden Herbst im Hintergrunde, während die Natur, nachdem sie das Füllhorn ihrer Gaben geleert und die blendende Pracht ihrer üppigen Kräfte bis zur höchsten Entfaltung gebracht hat, wie von einer Müdigkeit überwältigt — ohnmächtig, erschlafft und die Menschenseele mit einer dunklen Ahnung eines großen, großen .Sterbens erfüllt. Aus dem Daseinsjammer schwingt sich die unsterbliche Seele des gläubigen jüdischen Volkes über all die Leiden und Nöte des Lebens, über den Wirbel des Vergänglichen und Wechselvollen in einem mächtigen Flug nach jenen Höhen, wo sie sich in der Nähe ihres großen Gottes fühlt, vor dem sie sich reuevoll und zerknirscht beugt, um aus dem unversiegbaren Born der Allgüte und der Ewigkeit neue stärkende Säfte zu schöpfen. Tier „Schall" hat sich in seiner ursprünglichen Form in den Schofartönen erhalten; das „Andenken" wurde zu einem Weltgericht ausgebaut. *Rosch-ha- Schanah" und „Jom-Kippur" haben nicht nur ihre Heiligkeit behalten, sie sind, — nicht vom Goluth unbeeinflußten der religiösen Vorstellung grauenerregende Tage („Jamim NoraTm") geworden, wie sie es im Altertum kaum waren. Sie spielen im Gemütsleben unseres Volkes eine bedeutende erziehliche Rolle. Sie sind stimmungsvoll, majestätisch, von einem Ewigkeitshauch wunderschöner Gebete umweht, von wundersamen Tönen und Melodien weinender Jahrtausende, nach Erlösung schmachtender Generationen umflossen. Sie sind insofern national, da sie eine gleichartige Stimmung unter den Juden des ganzen Erdballs erzeugen; sie haben die seltene Kraft, die „Zerstreuten und Verstoßenen" um sich zu scharen, ihnen die gleichen trostreichen Sprüche in ihrer Ursprache zuzuflüstern, sie nicht nur im Gebet, aber auch zu einem Gemeindezusammenschluß zu vereinigen, und nicht nur die jetzigen Juden miteinander, sondern auch die heutige Generation mit den frühern zu vereinigen. Die Grenzmarken verschwinden, die Sprachunterschiede, der Lokalpatriotismus, alle Scheidewände, die die Vergänglichkeit der Zeiten unter den Juden aufgebaut hat, alles Trennende wird von dem national-religiösen Ritus weggeweht. Die Männer der Großen Synode erstehen in ihrer großen gebieterischen Autorität, unser Hebräisch beherrscht die Synagogen, — nicht nur das Hebräisch der Psalmen, sondern auch das der gottbegnadeten Dichter, die am Guadalquivir, am Rhein und an der Garonne die goldene Zionsharfe bewahrten und ihr Heimatstöne zu entlocken nicht aufgehört haben. In dieser geweihten Gestalt sind die Tage des „Andenkens" und der „Versöhnung" große, treibende Kräfte, nicht nur für das religiöse, sondern auch für das nationale Leben. Sie haben sich bei der großen Mehrheit unseres Volkes in dieser Form erhalten. Daß ihre Strahlen unsere Herzen erwärmen und unsere Wege beleuchten! 1*