Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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18 DIE3^ nachdem es Schienther und die dramatisierenden Franzosen und die Wiener, die sich so was gefallen lassen, abgekanzelt hat, einen Judenpunkt heraus. Man höre nur: „Herr Schienther ist übrigens nicht einseitig. Gerade die russische Literatur gibt ihm Gelegenheit, nicht nur die Bielohlaweks, sondern auch die polnischen Juden in der Literaturpflege zu berücksichtigen. Soeben geht die Nachricht durch die Blätter, daß auch die Dramatisierung des Dostajewskischen Romanes „Raskolnikow" im Burgtheaters angenommen sei. Und als Verfasser wird ein aus Russisch-Polen eingewanderter Jude bezeichnet, der noch vor ein paar Jahren kein Wort Deutsch konnte. Wenn das die Juden Wiens nicht rührt! Herrn Schlenther und dem von ihm verwalteten Burgtheater genügt aber offenbar das Deutsch, das sich der interessante Fremdling inzwischen angeeignet hat." Die jüdischen Redakteure der Arbeiterzeitung ärgern sich also über die Judenfreundlichkeit des Direktors Schlenther. Sie hätten ein Werk, das einen russisch-polnischen Juden zum Verfasser hat, von vornherein abgelehnt Nun, was das Deutsch anbetrifft, so könnten wir der „Arbeiterzeitung" so manchen russischen, polnischen, ungarischen Juden nennen, der es mit den Redakteuren der Arbeiterzeitung (ihr Deutsch in allen Ehren!) aufnehmen kann. Das Köstlichste an dem Wutausbruch der Arbeiterzeitung ist, daß der glückliche Jude aus Russisch-Polen, dessen „Raskolnikow" die erste deutsche Bühne sich eroberte, Herr G-, ein . . Parteigenosse der Herren von der Arbeiterzeitung ist. Die Ahnungslosen! - Wenn sie es gewußt hätten! Jüdische Schriftsteller in Österreich Die verschiedenen Organisationen in Galizien nützen die Anwesenheit hervorragender jüdischer Schriftsteller anläßlich der Czernowitzer Sprachkonferenz zur Veranstaltung zahlreicher Literaturabende reichlich aus. So wurde Rosenfeld in Krakau, Stanislau, Lemberg gefeiert. Auch Perez, Reisen, Asch, Nomberg und Dr. Schitlowsky gedenken Künstlertouren durch Galizien zu unternehmen, hauptsächlich um dem von der Sprachkonferenz eingesetzten Bureau Mittel zuzuführen. Die Judehheit Galiziens freut sich wirklich herzlich, in ihrer Mitte eine so erlesene Schar jüdischer Dichter begrüßen zu können. In Wien hielt sich diese Woche Herr Clement Marmor auf. Nach zehnmonatlichem Aufenthalt in Palästina, wo er auch den Freiheitsjubel miterlebt hat, reiste Herr Marmor nach London, um für die Gründung eines Arbeiterblattes" in Jerusalem, das von den Poale-Zion angeregt wurde, Propaganda zu machen. Herr Marmor sprach in zwei Wiener Versammlungen über seine Eindrücke in Palästina und Konstantinopel. Er bezeichnete die Gründung einer Agrarbank und Schaffung von Einrichtungen zur Förderung der Einwanderung von jüdischen Arbeitern als die dringendste Aufgabe der Kolonisation Palästinas. Rußland (Von unserem Korrespondenten) Die letzte Woche feierte ganz Rußland das Jubiläum von Leo Tolstoi. Dieses Jubiläum war nicht nur eine Huldigung für den großen Schriftsteller, Künstler und Apostel, sondern es bildete ein wichtiges Moment im sozialen Leben Rußlands wie auch eine vorzügliche Revue der fortschrittlichGn und reaktionären Kräfte. Während alles, was eine mehr oder weniger fortschrittliche Nuance hat, dem Meister mit "Ausdrücken der Sympathie und Huldigung entgegentritt, haben sich die ultrareaktionären Elemente mit der heiligen Synode an der Spitze nicht gescheut, alle diejenigen, welche an den Jubiläumfestlichkeiten zu Ehren eines großen Menschen teilgenommen haben, in den Bann zu tun. Die Größe dieses ungewöhnlichen Menschen, der eigentlich so wenig in Rußland verstanden worden ist, ergriff sogar solche, die im Namen ihrer Überzeugungen gegen den Apostel der „Nichtbekämpfung des Bösen" einen so ergrimmten Kampf führten. Es ist schwierig, das Verhältnis von Tolstoi zu Juden und Judenfrage zu definieren. Während Solowjew, russischer Philosoph und Denker, seine Sympathien für Juden, als ein Volk, immer sehr deutlich aussprach, vermied es Tolstoi, seine Gefühle für Juden, als ein Volk, zu manifestieren. Auf den Höhen der evangelischen Brüderlichkeit existiert die Judenfrage nicht. Die allgemeine Gleichheit und die Nächstenliebe bildeten für Tolstoi ein unerschütterliches Dogma, und als man ihn über sein Verhältnis zu den Juden befragte, kritisierte er den Fragenden indem er darauf hinwies, daß diese Frage ebenso unlogisch ist als hätte man ihn über sein Verhältnis zu den Russen befragt Diese rein abstrakte Behandlung des Unterschieds zwischen Juden und Nichtjuden, so 'verständlich in früherer Zeit berührte die Juden in den Jahren der schrecklichen Pogrptntragödien, wo '^W^^^^^^^^^W IE LT ' No- Vf dieser „kleine Unterschied" auf dem Altar des Rassenhasses so viele :Opfer brachte, aufs peinlichste. Wie es auch war, hat sich Tolstoi im Kampfe mit der Korruption der Welt im Namen der evangelischen Wahrheit durch seinen höchst humanitären Einfluß große Verdienste für die Judenfrage erworben. Die geschichtliche Tragödie der Juden hat die Aufmerksamkeit des begeisterten Moralisten nicht gefesselt welcher sich in die ethischen Probleme und Unsterblichkeitsgedanken so vertiefte, daß er über ihrer Größe viele Ungerechtigkeiten unseres diesseitigen Lebens übersah. Verschiedene Nachrichten Der' Führer der zionistischen Partei in Theodosia, Ing. Stilawer, wandte sich telegraphisch an Stolypin mit der Bitte um Erlaubnis zur Bildung der zionistischen Organisation in Theodosia, welche vom Gouverneur geschlossen wurde. In seinem Gesuch berief sich Ing. Stilawer auf das dem Präsidenten Wolffsohn gegebene Versprechen. Infoige der Bemühungen des „Verbandes des russischen Volkes" hat man aus dem Städtchen Kissanow, Gouv. Tambow, 40 jüdische Familien, von denen viele seit 20 Jahren in diesem Städtchen lebten, ausgewiesen. Auf der bevorstehenden Konferenz der Oktobristen wird man die Frage behandeln, ob Juden in der städtischen Selbstverwaltung das Stimmrecht bekommen sollen oder nicht. Der Deputierte Nisselowitz sandte an alle Zeitungen einen Bericht über seine Tätigkeit in der Duma, in welchem er seine Meinung über das Verhältnis der Duma zur Judenfxage ausspricht Der Deputierte behält hier seinen gewohnten Optimismus und hofft, daß die dritte Duma den Juden viel Gutes erweisen wird. England (Von unserem Korrespondenten) Das jüdische Theater Jacob Adler, der gefeierte Schauspieler, ist nach Absolvierung eines vierzehntägigen Gastspieles nach Amerika abgereist. Er hatte ursprünglich die Absicht, die jüdischen Theater auf dem Festlande zu besuchen, um sich eine neue Truppe zusammenzustellen; aber da seine Frau in seiner Abwesenheit wiederum ein Theater gepachtet hat ist er zur Stätte seiner früheren Triumphe zurückgekehrt und wird wieder einige Monate spielen. Kurz vor seiner Abreise konnte ich ihn noch sprechen und ihn über seine Ansichten über die gegenwärtige Lage des jüdischen Theaters in Europa befragen. Er gab mir unumwunden seine Meinung kund, die verhindert gewesen zu sein, in Gzernowitz vorzutragen, er lebhaft bedauerte. „Die böse Wahrheit ist die," sagte er, „daß das, jüdische Theater jetzt die letzte Epoche seiner Existenz erlebt und hernach nur mehr im Gedächtnis der Pioniere leben wird, die versucht haben, den guten Ruf der jüdischen dramatischen Kunst zu erhalten. Die Schauspieler in Amerika verhindern durch ihre Verbandsprinzipien das Hervorkommen neuer Talente. Ich habe viel Kraft darauf gewendet und ich fühle heute, daß ich auf einem vergifteten Felde gewirkt habe. Neulich sind neue Gesellschaften gegründet worden, aber nur eine oder zwei sind würdig, vor der Öffentlichkeit aufzutreten, der Rest sind gemeine Trupps. Sie betrachten das Theater nicht als einen Tempel der Kunst, sondern nur als ein Vergnügungsmuß. Und was haben jüdische Schauspieler in Europa während der letzten zwanzig Jahre getan? Sie haben jedes Stück aus Amerika geraubt für das die dortigen Theaterdirektoren Tausende von Dollars haben bezahlen müssen. Sie haben alle meine Stücke gestohlen, für die ich den Autoren große Summen bezahlt habe und die mein Eigentum sind. Sie haben ebenso die Stücke der Madame Liptyn gestohlen, die Sardou jeden Dollar bezahlen mußte, den sie einnahm, und das gleiche gilt für die Stücke Direktor Kentens. Das schlimmste aber ist daß die Stücke von unfähigen und ungebildeten Menschen verstümmelt wurden, die die Charaktere genau entgegen der Absicht des Verfassers darstellen ließen usw. usw. Um die gegenwärtige Lage zu bessern, hatte ich die Absicht nach dem Festland zu gehen und dort neue Talente zu finden. Aber unglücklicherweise muß ich jetzt nach New York zurück und muß meine Reise nach dem Kontinent auf das nächste Jahr verschieben." Eine ehemalige Kapelle als Synagoge '"' Am verflossenen Sonntag wurde in der Philpot Straße im Herzen des Eastend eine neue Synagoge eingeweiht Das Gebäude war .i^-y^i-^-i^-i-Ji'- feto^Wteri^ft