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Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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■■ DJE2 weisen und damit ein Recht hätten auf wahre kulturelle Bedeutung? — Kaum dem Knabenalter entwachsen, wurde Sam. Hirschenberg in die Kunstschule nach Krakau geschickt. Die altern Kameraden machten sich lustig über den kleinen Judenjungen. Er Warnach Maurycy Gottlieb der erste, den die langverhaltene geistige Energie der polnischen Juden an das Ufer der künstlerischen Tätigkeit herauswarf. Nach einigen Jahren nach München übergesiedelt und noch als Schüler Wagners, malte Sam. Hirschenberg sein erstes bedeutendes Bild „Jeschibot". Damals begegnete ich ihm, und die gleichen Bestrebungen, die gleichen Hoffnungen und Ideale knüpften ein enges Band zwischen mir, dem kaum beginnenden und dem ältern Kameraden. Der Kampf war schwer und bitter, den er zu kämpfen hatte, in jener Zeit. Mit dem materiellen Elend in fortwährendem Kampfe, in Hunger und Not entstanden die Meisterwerke, die er um schäbiges Geld verkaufen mußte, um Brot, Leinwand und Farben zu weiterer Arbeit zu haben. Damals malte er „Uriel Akosta und Spinoza", „Jüdischer Friedhof" und das obenerwähnte „Jeschibot". Im Jahre 1888 nach Lodz zurückgekehrt, malte er dort Porträts und kleinere Genrebilder, um Mittel zu sammeln, nach Paris zu gehen und die modernen Bestrebungen in der Kunst kennen zu lernen. In Paris malte er nun das Bild „Ein Stückchen^ Politik", worin der Einfluß der modernen Kunst nur ganz leise sichtbar ist. Sein Temperament und seine Neigungen zogen ihn jedoch bald weg aus Paris und trieben ihn nach Polen zurück, wo er inmitten seiner geliebten polnischen Juden reiche Nahrung zur Betätigung seiner künstlerischen Vorliebe fand. Hier erstand eine ganze Reihe von Bildern aus dem jüdischen Leben. „Brief aus Amerika", „Golus", „Der ewige Jude", „Jörn Kippur" usw. 4 Die künstlerische Bedeutung Hirschenbergs bestand in der ungemein großen Ausdrucksfähigkeit, die in ihrer Einfachheit sich bis zur Erhabenheit steigert. Wenn Vergleiche erlaubt sind, könnte man ihm Fritz v. Uhde an die Seite stellen. Dieselbe Tiefe des Empfindens, dieselbe Einfachheit des Ausdrucks, und wenn er weniger durch Farbenmittel wirkt als jener, hatte er doch die Überlegenheit der Kompositionsgröße. Wir hatten nicht viele Künstler seines Schlages, und der Verlust ist um so schmerzlicher. Ehre seinem Andenken! Ehre seinem Schaffen! Wir beugen uns vor dem Hauch, der von seinem Geiste weht. L. Pilichowski Paris, den 16. September 1908. gELT 17 Österreich (Von unsenn Korrespondenten) Die „ Freiheitlichena in der Kultusstube Die Bannerträger der Wiener „Deutschfreiheitlichen" sind in der israelitischen Kultusgemeinde zu Hause. Seitdem die Christlichsozialen die Liberalassimilanten aus dem Landtag und der Gemeinde verdrängt hatten wuchs die Würde eines israelitischen Kultusrates zum Gegenstand des Ehrgeizes heran. In der Kultusstube waltet noch unumschränkt, von der begehrlichen Gasse nicht eingeschüchtert, der Freisinn, der deutsche selbstredend! Angesichts der bevorstehenden Kultuswahlen erscheint es keineswegs müßig, den herrschenden israelitischen „Freisinn" bei der Arbeit kennen zu lernen. Man tut unsern Kultusvätern unrecht, wenn man sie mit den Christlichsozialen vergleicht. Zunächst mogeln sie nicht wie - die letztern. Sie haben es nicht notwendig. Im Besitze eines modernen freisinnigen Statuts, sind sie in der Lage, jede Opposition siegreich zurückzuwerfen. Am Anfang war die nackte Entrechtung. Steuerträger, die vom Wochen- oder Tagelohn leben, hatten einst in der Wiener israelitischen Gemeinde kein passives Wahlrecht Im neuen Statut sind diese aufreizend plutokratischen Bestimmungen nicht mehr vorhanden. Man lernte offenbar im Laufe der Jahre den politischen Umgang mit Menschen. Die politischen Knigges in der Seitenstettengasse führten das Zensus- und Kurienwahlrecht ein, dasselbe, das die braven Freiheitlichen im Reichsrat so heftig bekämpften. Den Höchstbesteuerten wurde ein respektabler Besitzstand im Vorstand und im Vertreterkollegium gesichert. Dann schuf man eine Reihe vorzüglicher Bestimmungen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. . Lange vx>r den Christlichsozialen führten die „Deutschfreiheitlichen" in der Wiener Kultusstube die dreijährige Seßhaftigkeit ein. Man muß drei Jahre hindurch die Minimalsteuer von 20 Kronen (nicht einmal Prag hat einen so hohen Zensus) zahlen, um wählen zu dürfen. Vom Wahlrecht sind ausgeschlossen alle weiblichen und alle rückständigen Steuerzahler. Da die Kultussteuer gewöhnlich in Raten eingezahlt wird, verlieren auch diejenigen das Wahlrecht, die auch nur mit einer Rate im Rückstände, sind. Das sind gewöhnlich zunächst alle Minderbemittelten, wie Angestellte, Beamte, kleine Kaufleute. Die ersten zahlen meistens ihre Kultussteuer erst nachträglich, nach Ablauf des Jahres, da sie auf die Neujahrsremuneration warten. In diesem Jahre niußte die Zahl der Rückständigen noch bedeutender sein, denn der Kultusvorstand verlangt die Einzahlung der Steuer bis spätestens den 24. September. Es gehen dem Kultuswähler noch drei Monate verloren, die er-im Interesse seines Wahlrechts nicht mehr ausnützen kann. So kam es, daß in diesem Jahre von 25 000 Steuerzahlenden bloß 8000 wahlberechtigt sind. Das Ideal von den oberen „Zehntausend" ist in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zur Wirklichkeit geworden. Im erfreulichen Besitze eines modernen Statuts, — nach dem, nebenbei bemerkt, der Vorstand nicht verpflichtet ist, eine gedruckte Wählerliste anzulegen, — hat es der Vorstand nicht mehr nötig, zu Gewaltstreichen zu greifen, die die oppositionellen Wähler stets wittern. Er muß nur eifrig das Statut befolgen. Striktes Recht gerät jedoch sehr häufig in Widerspruch zum gesunden Rechtsbewußtsein' und wird zum moralischen Unrecht. Die Wiener Kultusgemeinde mit ihrer reaktionären Wahlentrechtung,. mit ihrer Rücksichtslosigkeit allen Minoritäten gegenüber, mit ihrem System der .Bevorzugung böhmisch-mährischer und ungarischer Juden und unverhohlenen Feindseligkeit Östlichen, . insbesondere galizischen Juden _gegenüber, bedarf einer gründlichen Reform. Eine durchgreifende Änderung der Steuersystems, eine Umgestaltung der Wohlfahrtseinrichtungen im Geiste sozialer Fürsorge, eine Demokratisierung des Wahlrechtes tun dringend not. . Die Opposition hat in diesem Jahre keine „Fälle", wie die Taussig, David, und andere Affären bei den letzten Wahlen. Die angedeuteten Reformen werden jedoch so allgemein als unabweisbare Notwendigkeit empfunden, daß es solch krasser Agitationsmittel nicht mehr bedarf, um die Juden Wiens zum Kampf gegen das alte und morsche Regime zu ordnen. Tolstoi, die ^Arbeiterzeitung" und die Juden Jeder ehrt die Großen unserer Zeit auf seine Art Die Wiener^ „Arbeiterzeitung", das Organ der österreichischen Sozialdemokratie, nahm den 80. Geburtstag Leo Tolstois zum Anlaß einer Schimpferei, auf die . . . polnischen und russischen Juden. Sie stutzen? Wo ist der Zusammenhang? fragen Sie überrascht Oh! Man findet schon einen. Der. Direktor des Burgtheaters Dr. Schlehther führte zu Ehren Tolstois am 9. September ein schlecht, jämmerlich dramatisiertes Werk Tolstois, die „Anna Karenina" auf. Dr. Schlenther ist kein Jude, die unglücklichen Autoren ebenfalls keine. Trotzdem findet das geschmackvolle Blatt

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