Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316334--51054-3378518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

™#>&0- ' ^->^^r «,V"^> : DiEa§» No. 37 zählen ihn zu ihrem Freunde; daß sie diese Freundschaft zu schätzen wissen, haben sie durch ihre Beteiligung an dem herzlichen Empfang bei seiner Ankunft gekennzeichnet Die Griechen können trotz ihrer Unversöhnlichkeit den Bulgaren gegenüber einen vollen Erfolg ihres nationalen Programms verzeichnen. Murat Bey, der Leiter des „Mizau" hat dem Patriarchen erklärt, daß er bei den Wahlen das griechische Element unterstützen werde, damit es die größtmögliche Anzahl von Deputierten ins Parlament sende, da er die fortschrittlichen Griechen als die beste Stütze der Konstitution betrachte. Die arme jüdische Nation Eine vollständige Ebbe herrscht in den Kassen des Großrabbinats, HaTm Naoum verfügt unumschränkt über den leeren Geldschrank der jüdischen Nation. Die Haupterwerbsquelle der Beamten, die Bakschische, ist ganz und gar versiegt; die Juden wissen schon, daß der Chacham-Baschi gar nicht solch ein Wunderding ist, das nur für1 Geld zusehen sei, und behalten ihre unfreiwilligen Abgaben in der eigenen Tasche. Die Haupteinnahmequelle für die wahren Bedürfnisse der Nation, die Gabella, ist gleichfalls vollständig erloschen. Nicht etwa daß die Juden kein Fleisch mehr essen, oder bei der Amtsverwaltung des neuen, modernen Chacham-Baschi- Stellvertreters Trefa für erlaubt hielten, die Fleischer streiken einfach. Bei einem solchen Streik muß stets die Gemeinschaft der leidende Teil sein, da der Streik sich nur auf die Abgaben beschränkt und nicht auf die Produktion oder den Verkauf. Der jüdische Konsument, der im ersten Moment auf sein eigenes näheres Interesse bedacht ist, freut sich sogar, das von der Abgabe befreit gewordene Fleisch ebenso billig wie das christliche zu erhalten. Er hat noch die Freude, die Faust ballen zu können gegen eine Behörde, die ihm früher verhaßt war. In Palästina besitzen die Rabbinen ein einfaches Mittel, wenn man ihnen nicht willig ist: sie erklären den Wein als Jajin nessech; hier könnte das Rabbinat den Hechscher verweigern, sobald ihm die Steuer nicht entrichtet wird. Aber es scheint den Fleischern nicht mehr der frühere Respekt vor den geistlichen Führern inne zu. wohnen: sie glauben, die Gleichheitsidee hätte sie auf das Niveau der Chachamim gehoben, wenn nicht noch höher. Um aber doch nicht ganz ohne Mittel zu arbeiten, hat der Mischlisch gaschmi eine innere Anleihe von 3000 türk. Pfund ausgeschrieben, bis jetzt sind 800 Pfund gezeichnet. Da die Subskribenten sehr wohl wissen, daß sie ä fonds perdu zeichnen, haben die Zeichnungen ihren Höhepunkt erreicht Weitere Eingänge dürfen um so weniger erwartet werden, als die Juden auch andere Lasten zu tragen haben, wie die Sammlungen für die Nationalschlachtschiffe, die Subskriptionen für das Komitee für;Einheit und Fortschritt", für welches übrigens zehn Juden die Hälfte von dem zeichneten, was die gesamte jüdische „Nation" für die innere Anleihe aufgebracht hat. HaTm Naoum ist entschieden nicht zu beneiden; sein Nachfolger wird ihm zu großem Dank verpflichtet _ sein, falls es ihm gelingen sollte, die Nation glücklich über die Obergangsperiode hinwegzuführen. Aber ein solch energischer Charakter wie der jetzige Kaimakam Effendi ist auch eine Herrschernatur, die sich schnell in die Leiterrolle hineingewöhnt Welch arge Enttäuschung würde es für Naoum sein, wenn er gar nicht einmal in die Wahl kommt; bei dem Wahlsystem des jüdischen Oberhauptes, das den 20 Chachamim das Recht zuspricht, sich über die Qualifizierung der vom Mischlisch gaschmi aufgestellten .5 Kandidaten zu äußern, ist es sehr leicht möglich, daß HaTm Naoum von der Kandidatenliste gestrichen wird. Die alten ehrwürdigen und patriarchalischen Chachamim sind der ausgesprochene Gegensatz zu dem modernen Grand Rabbin; leider sind sie auch in der alten Zaghaftigkeit und Furchtsamkeit stecken geblieben, um gegen den mit jugendlicher Kampfeslust ausgerüsteten Naoum aufzutreten. Die Agitation, die sie aber unter sich entfalten, ist für ihre Art entschieden intensiv; sie sind gar nicht auf den Kopf gefallen und stellen nicht nur das Sündenregister ihres unliebsamen Gegners auf, sondern bereiten vor allen Dingen die Stimmung für eine geheime Abstimmung vor. Es_ wäre vielleicht ein Zeichen der Zeit, wenn die alten Chachamim unterliegen sollten, aber auch zugleich eine Tragik ihrer immerhin würdigen Auffassung des Judentums. Da nun die Gabella nichts mehr gibt, mußten die jüdischen Schulen nach anderen Einnahmen sinnen. Die Konzerte, Feste und die in Konstantinopel besonders beliebten Dampferpartien nach den herrlichen Vororten des Bosporus mit anschließendem Ball sind noch aus dem alten Regime in Gunst geblieben, wenn auch die Namen der „charmantes danseuses" seit Aufhebung der Zensur nicht mehr an erster Stelle der lokalen Presse figurieren. Der Sömmernachtstraum, den die jüdische Schule von Cuskundjuk ihren Gästen bot hatte sicherlich seinen außerordentlichen Reiz in der Illumination, dem Feuerwerk und den schönen patriotischen Reden. ELT ■ 9 Ober all diesem stand aber der hohe Schutz des greisen, jüngst aus dem Exil zurückgekehrten Marschalls Fuad Pascha, der ebenfalls mit seiner Familie und vielen Freunden auf dem Dampfer Platz genommen hatte. Sonderbare Zeiten, wo hohe türkische Militärs, die Gabella ersetzen helfen, die Tätigkeit des Chacham-Baschi quasi übernehmen und für jüdische Schulen Propaganda machen. In der . neuen Türkei soll uns aber nichts wundern, hat ja der Sultan selbst dem albanesischen Komitee zur Verbreitung der albanesischen Sprache 100 Pfund gespendet. Die barbarischen Türken haben sich im Freiheitslicht als zivilisatorisch wirkende Friedensverbreiter entpuppt Europa hat die fein empfindenden Orientalen wohl sehrverkannt Außer den auf ihre 3000jährige Kultur sehr stolzen Griechen sind noch vorläufig alle Nationalitäten ziemlich rücksichtsvoll. - Ein Handlungsgehülfenverein, der vor kurzem gegründet . wurde, mußte natürlich international werden, seine Mitglieder werden aber nach Sprachgruppen zusammengerufen; der erste Sitzungsabend war den Juden vorbehalten. Krank am .Beutel, arm am Herzen schleppt' er seine langen Tage hin. Zwanzig Jahre lang war Dr. Elias Pascha, Vizeadmiral und Kaiserlicher Hofarzt dem Marinehospital attachiert und, wie der Ikdam berichtet, soll er in den wohlverdienten Ruhestand unter Streichung aus der Rangliste gesetzt worden sein, weil er sich nicht genau erinnern konnte, wo das Gebäude des Marinehospitals sich befinde. Aber so etwas sollte eine Zeitung von „jenseits der Brücke" nur von jemandem behaupten, der kein Dementi geben kann; Elias Pascha bestreitet nicht nur die Nachricht des Ikdam, sondern kündigt auch an, er habe Schritte zu einer Klage wegen Verleumdung unternommen. Wir sind wirklich auf den Prozeß gespannt wieviel Zeugen würde wohl Dr. Elias laden, die unter seiner Behandlung im Marinehospital sogar gestorben sind? Schade, daß sein Stern ein wenig verblaßt ist, die Jerusalemer würden sich freuen, wenn er statt Suhi Bey. jetziger Mudir der Konstantinopler Handelskammer, zum Mutessarif von Jerusalem ernannt worden wäre. Konstantinopel, 14. August. (Mitteilung des Deutschen Bureaus der Alliance Israelite Universelle.) Die in Deutschland verbreitete Mitteilung, daß die gegenwärtigen Rabbiner von Jerusalem, Damaskus und Saida auf Betreiben des Chacham Baschi Nahoum abgesetzt worden seien, ist unwahr. Die Absetzung war von dem Justizminister in Vorschlag gebracht worden, aber der Kaimakam Chacham Baschi Nahoum hat sich dem widersetzt und eine vorherige genaue Untersuchung verlangt (Wir haben diese Nachricht, die uns gleich unglaubwürdig erschien, ■nicht gebracht.) Dr. Risa Tewfik hat im Lokal der Alliance israelite zu Salonik einen Vortrag gehalten. Am Ende des Vortrages wurde der Redner als Ehrenmitglied in die Vereinigung der ehemaligen - Schüler der Alliance aufgenommen. Einen anderen Beweis für sein außergewöhnliches Sprachtalent wird Risa Tewfikdurch einen nächstens zu erwartenden Vortrag in albanesicher Sprache liefern. Jüdische Sprachkonferenz (Von unserm Spezialberichterstatter) Dritter Verhandlungstag Die Sitzung von Dienstag vormittag war Sprachenfragen gewidmet. Vor Eingang in die Tagesordnung wurde ein von 14 Konferenzteilnehmern gefertigter Antrag dem Präsidium überreicht, in welchem die Herausgabe eines Manifestes an das Volk verlangt wurde. In diesem Manifeste sollen die Zwecke der jüdischen Sprachkonferenz der breiten Öffentlichkeit bekannt gegeben werden. Nach einer kurzen Debatte, in welcher manche Redner das Verlangen stellten, daß in diesem Manifeste das Verhältnis der Sprachkonferenz zur hebräischen Sprache festgestellt werde (wogegen sich wieder andere sträubten), wurde der Antrag auf einen späteren Verhandlungstag verschoben. Sodann referierten Dr. Sottek (Braila) und Eisenstadt (Bern) über Sprachenfragen. Beide Redner beschäftigten sich in historischwissenschaftlicher Weise mit der Entstehungsfrage und späteren Entwicklung der jüdischen Sprache. Eisenstadt besprach eingehend die Orthographie des „Jargons" und legte sogar der Konferenz einen Entwurf einer einheitlichen Schreibweise, unter Berücksichtigung der phonetischen und' graphischen Seite der Vokabel, vor. Über „Die Anerkennung der jüdischen Sprache" referierte Mieses (Przemysl). Die Aschkenasim, — meint der Redner — die 8/s der gesamten Judenheit bilden, sind dem Beispiel der aramäischtalmudischen und biblisch-hellenistisch sprechenden Ahnen gefolgt und haben mittels der ihnen innewohnenden Volkskraft aus den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.