Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316334--51053-3378517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
den Weg finden, auf dem Privatunternehmungen nicht weniger als Regierungen leisten können. Es bietet sich noch eine andere Schwierigkeit dar. Damit ein jüdisches Zentrum mit Selbstverwaltung gebildet würde, muß man ja zuerst eine jüdische Bevölkerung in Palästina haben. Und um eine jüdische Bevölkerung in Palästina zu haben, muß man eine Verwaltung besitzen, die diese Einwanderung regeln, fördern und zur Ausführung bringen wird, Wie soll denn das geschehen? Auch dafür gibt es Rat. Wir können aus der Geschichte der amerikanischen Kolonisation die Leistungen der Handelskompagnie, die auf Grund eines königlichen Charters existiert hat, der ihr sowohl Handelsrechte wie politische Privilegien einräumte, nachweisen. Solche Kompagnien sind auch für die Übergangszeit in Palästina möglich. Eine Aktiengesellschaft bekommt eine Konzession für eine gewisse Zeit, sagen wir für 25 oder 50 Jahre, die ihr das Recht gibt, Steuern einzutreiben, Anleihen zu machen, Eisenbahnen, Häfen u. dgl. zu bauen. Eine solche Kompagnie, man kann dessen sicher sein, wird bei der Haute finance die nötigen Mittel schon finden. Selbstverständlich ist all das nicht demokratisch. Ich schreibe aber keine Utopien; ich untersuche nur, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen es möglich wäre, Palästina zu kolonisieren. Diese Untersuchung führt notwendigerweise zum Schluß, daß eine Organisation, die vom türkischen Staat mit den entsprechenden Machtmitteln ausgerüstet wäre, auf der heutigen kapitalistischen Entwicklung in der Lage sei, eine industrielle Kolonie in Palästina zu gründen. Um die Fabriken, Mühlen, Elevatoren, Docks kann auch natürlich eine beträchtliche Anzahl Händler, Handwerker und Vertreter liberaler Berufe ihre Existenz finden. Die organisierte Kolonisation muß auch eine individuelle Einwanderung heranziehen. In der Nähe einiger großer Städte kann auch ein kleiner Teil jüdischer Ackerbauern für sich einen Platz finden. Unter den 30 000 bis 40 000 Juden Rußlands befinden sich viele Farmer, die ihr Land ebenso gut wie die deutschen Kolonisten bebauen, und darunter sind auch manche vorhanden, die die Möglichkeit, nach Palästina auszuwandern, mit Freuden begrüßen würden. Ich habe bis jetzt mein Urteil auch auf die Voraussetzung hin gebildet, als ob Palästina ein ganz wüstes Land wäre, ohne Mineralien, ohne Kohle, ohne Wälder, nach dem man das Rohmaterial aus andern Gegenden liefern muß und das nur den einzigen Vorzug der geographischen Lage besäße. Wir wissen aber, daß der Stahl von Damaskus im Altertum und im Mittelalter berühmt war und daß zu jener Zeit die Industrie sich nur auf das heimische Rohmaterial beschränken mußte. Wir wissen ferner aus der Geschichte der Eisenindustrie, daß man bis zum 19. Jahrhundert verstanden hat, die Berge nur von oben abzuschaben. Tiefer in die Schächte zu dringen, verstand man nicht, weil das die ganze moderne Technik zur Vorbedingung hat. Wir wissen, daß in Mexiko und Südamerika jetzt die Gold- und Silbergruben, die die Spanier vor einigen Jahrhunderten verschüttet haben, weil sie alles von dort ausgegraben zu haben glaubten, jetzt wieder in Betrieb gesetzt werden. Es ist also wissenschaftlich sehr wahrscheinlich, daß man auch in und um Palästina und im Libanongebiete Eisenlager findet. Die Zahl der Menscnen, die von Landwirtschaft existieren können, ist immerhin eng beschränkt; aber die industrielle Bevölkerung, die auf einem kleinen Territorium zusammengebracht werden kann, hängt ganz von der geographischen Lage des Territoriums ab. Die städtische Bevölkerung auf der Linie NewYork- Philadelphia beträgt 6 Millionen Menschen, gerade, so viel wie die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands. Die jüdische Zukunft in Palästina und indirekt auch in andern Ländern hängt also von dem Erfolg der türkischen Revolution ab. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Prinz Sabaheddine Nicht umsonst ist eine der sympathischsten Persönlichkeiten der jungen Türkei mit solch großartigem Pomp von allen Völkerschaften, der ottomanischen Nation empfangen worden. Prinz Sabaheddine," der Neffe des Sultans, der wegen seiner freiheitliche'n Ideen ins Exil gehen mußte, gehört heute zu den trefflichsten Kräften des Volkes. In Paris hatte er neben dem Komitee für „Einheit und Fortschritt" eine eigene Partei unter dem Namen „Ottomanische Liga für Privatinitiative und Dezentralisation" gegründet, die er mit jugendlichem Idealismus leitete. Er hatte erkannt, daß die Hauptschuld am Verfall des ottomanischen Reiches das System der Zentralregierung, die jede Form von Selbstverwaltung und Privatinitiative unmöglich machte, sei. Sein Programm konzentrierte sich demnach in der Selbstbestimmung der Nationalitäten und weitgehendsten»Unabhängigkeit der diversen Verwaltungen, sofern sie die Harmonie des Reiches nicht beeinträchtige. Bei seiner Rückkehr in die Heimat fander die Macht in den Händen des Komitees für „Einheit und Fortschritt", mit dem er schon früher in gemeinsamem Einverständnis, gearbeitet hatte, und beschloß nunmehr, auf eine vollständige Fusion beider Parteien einzugehen. Als diese Nachricht durch die Presse ging, verzeichneten auch einige Blätter das Gerücht Prinz Sabaheddine hätte vorher auf den Punkt seines Programms, der die Dezentralisation betrifft, verzichten müssen. Wie wenig eine derartige Zumutung dem Geiste des Komitees für „Einheit und Fortschritt" entspricht, beweist ja die einfache Tatsache, daß in der Konstitution selbst die Dezentralisation vorgesehen ist. Artikel 108' der Verfassung besagt: „Die Administration der Provinzen soll nach dem Prinzip der Dezentralisation geschehen." Mit Recht verweist der „lkdam" auf die Lächerlichkeit der Gerüchte, die dem Prinzen einen Frontwechsel zuschreiben-; Der umstrittene Punkt im Programm des Prinzen ist schon durch die Wiederherstellung der Verfassung in Erfüllung gegangen; es kann beim „Tanin" nur auf einem Mißverständnis beruhen, wenn er behauptet, der Einigung der' beiden Komitees mußte eine Konzession seitens des Prinzen vorausgehen. Die Dezentralisation hebt ja die Einheit des Reiches nicht auf; im Gegenteil, sie bewahrt nur die Bevölkerung vor unnützen und fruchtlosen Reibungen und unterstützt die individuelle wie kollektive Initiative. Die Ideen des fürstlichen Leaders vor der Verfassung sind zu bekannt, um ihm einen Angriff auf die lokale Selbstverwaltung unterzuschieben; aber auch jetzt hat er die erste Gelegenheit ergriffen, um allen Gerüchten einen Riegel vorzuschieben. Bei einem offiziellen Besuch, den er dem griechischen Patriarchen machte, führte er in seiner Erwiderung auf die Ansprache des Patriarchen folgendes aus: „Ich begrüße Ew. Heiligkeit nicht nur als geistliches Oberhaupt der orthodoxen Christen, sondern auch als das Haupt einer Nation, die ihre Zivilisation schon in den Urzeiten den anderen Völkern der Erde mitgeteilt hat Ew. Heiligkeit kann versichert sein, daß ich und meine Mitkämpfer nicht nur danach trachten werden, die der griechischen Nation gewährten Privilegien ungeschmälert zu erhalten, sondern sie auch zu erweitern." Ein prächtiges Volk — diese Türken, der Geist der Freiheit, die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit muß tief in ihre Seele gedrungen sein, wenn sie mit solcher Delikatesse die nationalen Gefühle ihrer Mitbürger behandeln. In der' Erkenntnis der Freiheit geht Prinz Sabaheddine bis zur letzten Konsequenz, er wünscht das Beherrschen auf das Mindestmaß herabzudrücken und rät daher den Türken, sich viel mehr den freien, selbständigen Berufen, als den einzwängenden Karrieren des Beamtenwesens zu widmen.- Er selbst hat jedes Amt zurückgewiesen und wird wahrscheinlich für einen Deputiertensitz kandidieren, in ihm wird die nationale Gleichberechtigung' der Völkerschaften einen der eifrigsten Vertreter finden; auch die Juden