Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316334--51055-3378519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dem deutschen Sprachstamme entnommenen Elementen eine eigene Sprache geformt. Diese Sprache, die einen den romanischen Sprachen ähnlichen Entwicklungsgang durchgemacht hat, hat zahlreiche grammatikalische und phonetische Analogien mit denselben aufzuweisen. Der Jude hat das fremde Wortmaterial zur selbständigen Synthesis mit eigenem Gepräge abgerundet. Hunderte Worte haben ihren Sinn geändert. Oft sind subtile Differentiationen durchgeführt worden; der hebräische Geist waltet in diesem Sprachneubau mächtig, die phonetischen Änderungen lehnen sich nicht selten an die semitischen Sprachgesetze an. Viele Spracheigentümlichkeiten fußen gleichfalls auf der alten Judensprache. Dazu besitzt das Jüdische eine ansehnliche Zahl von hebräischen Worten, deren Qualität viel bedeutet. Nicht nur die religiöse Welt, auch das ganze seelisch-subjektive und soziale Element ist in der jüdischen Sprache hebräisch repräsentiert. Das Hebräische als Literatursprache ist eine Treibhauspflanze, in ihm kann nichts Elementares, Urkräftiges, tief Empfundenes adäquat ausgedrückt werden. Außer unserem aschkenasischen Jüdisch ist heute keine einzige richtig iudaisierte Mundart vorhanden selbst das Sephardische nicht. Im Verlaufe seines Referates konnte sich Mieses weiterer Angriffe auf die hebräische Sprache nicht enthalten und brachte dadurch wieder eine erregte Stimmung in die Versammlung. Als sodann Bever den Antrag stellte, die Konferenz möge beschließen, das Referat Mieses in Druck zu legen, lehnten einige Hebraisten in heftigen Worten diesen Antrag ab. Darauf ließ sich Bever zu einer Äußerung hinreißen, daß „die Zionisten die mächtige" Beweiskraft Mieses' befürchten und daher sein Referat nicht gedruckt haben wollen". Es entstand wieder ein Sturm, welcher erst beigelegt wurde, als Bever erklärte, daß er seine Worte gegen die Zionisten zurückziehe. Nach diesem Zwischenfalle wurde die Sitzung geschlossen.' Vorher wurde noch ein Beschluß gefaßt, die Debatte über die Referate Mieses', Eisenstadts und Dr. Sotteks für den anderen Tag anzuberaumen. Diese Debatte fand aber nicht statt, da sich die Konferenz in ihren weiteren Verhandlungen ausschließlich mit Organisationsfragen beschäftigte. Die Referate und die diesbezüglichen Anträge wurden daher dem Bureau übergeben. In der Nachmittagssitzung wies zuerst Bever in einer längeren Rede alle Vorwürfe zurück, welche die Redner in der gestrigen Organisationsdebatte gemacht haben. Sodann entwickelte sich aber nochmals eine sehr lebhafte Debatte, an der sich fast alle Konferenzmitglieder beteiligten. Der erste Punkt des Organisationsentwurfes: die Anerkennung und Gleichberechtigung der jüdischen Sprache gab den Vertretern der verschiedenen Parteien, die auf dieser Konferenz vertreten waren, Gelegenheit, ihre Stellung zu der hebräischen Sprache genauer zu präzisieren. Frl. Esther brachte eine Resolution ein, in welcher sie verlangt, die späteren Konferenzen mögen nur Zusammenkünfte von verschiedenen Organisationen und Institutionen sein, welche auf dem Gebiete der jüdischen Kultur tätig sind, zwecks Besprechung der Lage der jüdischen Literatur. Dem Bureau und auch der Konferenz möge daher gar keine „gesetzgeberische Autorität" überlassen werden. In der Begründung dieses Vorschlages will Frl. Esther ausdrücken, daß die jüdische Sprache unsere einzige nationale Sprache sei. Dagegen protestiert aber Gg. Wechsler, indem er auf die prinzipielle Bedeutung der Ausführungen Frl. Esthers hinweist, die ihren Standpunkt, den doch nicht alle Teilnehmer teilen, durchschmuggeln wollte. In der darauf folgenden Abstimmung wurde mit 18 gegen 16 Stimmen beschlossen, ohne Diskussion über die Resolution Esther abzustimmen. Sodann wurde aber der Antrag Bever angenommen. Für die Resolution Esther stimmten nur 7 Teilnehmer. Abends fand ein großer Volkskommers statt, welchen der Wiener akademische Verein „Jüdische Kultur" zu Ehren der ersten jüdischen Sprachkonferenz veranstaltete. Unter den Erschienenen bemerkte man den Vorsitzenden der Czernowitzer Kultusgemeinde, Abg. Dr. Straucher, und andere Mitglieder des Kultusvorstandes, Vertretungen aller Verbindungen und Vereine u. v. a. Es sprachen: Geier (Festrede), J. L.' Perez, Weißmann, Dr. Schitlowsky, Taubes, Asch, Wechsler, Silberroth, Dr. Birnbaum, Poylucki und Menocher. Zur Unterhaltung trugen einige Lieder, gesungen von Frl. Gottesmann, viel bei. Der Kommers dauerte bis spät nach Mitternacht und nahm einen sehr würdigen Verlauf. Vierter Verhandlungstag Vor Eröffnung der Sitzung protestieren die sozialistischen Teilnehmer dagegen, daß man zum gestrigen Volkskommers keine Arbeiter zuließ. Nach Erledigung des Zwischenfalles entspann sich eine Debatte über die Frage: Ist Jüdisch unsere nationale Sprache, und wie gestaltet sich das Verhältnis der Konferenz zur hebräischen Sprache? Als erster Redner trat Gg. Weinreb (Buczacz) auf. Er erklärt den Standpunkt der Zionisten, welche als einzige nationale Sprache der Juden die hebräische betrachten.- (Leßhafter BeifalL) In der Entwicklung der jüdischen Sprache sehen die Zionisten nur ein Mittel, das Judentum in den Golusländern zu erhalten. Übrigens können wir aber auch mit denen zusammenarbeiten, welche in der Entwicklung der jüdischen Sprache die Zukunft der nationalen Kultur des Judentums sehen. Es soll aber niemandem erlaubt sein, die Gefühle der Hebraisten zu beleidigen. Im Namen der Poale-Zionisten spricht Kasriel. Die Poale- Zionisten wollen die jüdische Sprachenfrage durch theoretische Beschlüsse nicht entscheiden. Die hebräische Sprache entwickelt sich sichtlich und wird z. B. in Palästina allmählich zu einer nationalen Volkssprache. In den Golusländern ist aber die Entwicklung des Hebräischen zu einer Volkssprache fast unmöglich. Es soll daher die Konferenz feststellen, daß in diesen Ländern, in welchen die Juden in kompakten Massen leben und sich der jüdischen Sprache bedienen, das Jüdische als nationale Sprache anerkannt werden sollte. Einen großen Eindruck machte die Rede Aschs. Er würde es als ein großes nationales Unglück betrachten,.wenn die hebräische Sprache verfallen sollte. Der Tag, an welchem die hebräische Sprache zu existieren aufhörte, würde für ihn ein Trauertag. ein zweiter Tischehbeaw sein. Aber nur das Hebräische der Bibel und des Talmuds ist ihm heilig. Das neue modernisierte Hebräisch ist für ihn auch ein Jargon. (!!) Nur die jüdische Sprache ist unsere Volkes-, daher auch nationale Sprache. In der Nachmittagssitzung wurde die Debatte weitergeführt. Alle Redner beschäftigten sich mit folgenden Resolutionen: 1. Resolution Perez: Die Konferenz anerkennt das Jüdische als Sprache des jüdischen Volkes und spricht ihren Wunsch aus, daß alle Juden, welche die Entwicklung der jüdischen Sprache fördern wollen, sich vereinigen mögen. 2. Zusatzantrag Krepel (Krakau): Durch diesen Beschluß will die Konferenz die Bedeutung und den Wert der hebräischen Sprache für das jüdische Volk nicht schmälern. 3. Resolution Esther: Die Konferenz anerkennt das Jüdische als einzige nationale Sprache des jüdischen Volkes. 4. Resolution Kasriel: Jüdisch ist eine (nicht die!) nationale Sprache des jüdischen Volkes in den Ländern, in welchen kompakte jüdische Massen wohnen. Wir verlangen daher für die jüdische Sprache' volle politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung. 5. Resolution Schitlowsky, Naumberg und Asch: Jüdisch ist die nationale Sprache des jüdischen Volkes. Es ist aber jedem Mitgliede der Konferenz und der zukünftigen Organisation über die hebräische Sprache so zu denken erlaubt, wie ihm das seine persönliche Überzeugungen diktieren. Auf Grund dieser Resolutionen wird eine chaotische Diskussion geführt, bis man schließlich den Antrag zur Abstimmung bringen kann: „Ist Jüdisch eine nationale Sprache?" Der Antrag wird angenommen. (Unter den Gästen herrscht darüber eine starke Aufregung.) Der Zusatzantrag Krepels wird'sodann abgelehnt, und auch die Resolution Schitlowsky - Naumberg - Asch wird nicht akzeptiert Es entsteht über diese Abstimmung und über die Haltung der „Jargonisten" eine große Erregung. Gg. Weinreb erklärt aus dieser Konferenz, welche so wenig Verständnis für die hebräische Sprache hat, austreten zu müssen. Er wollte mitarbeiten, um die jüdische Sprache zu entwickeln, nicht aber um gegen die hebräische zu kämpfen. — Als noch andere Teilnehmer ähnliche Erklärungen ablegen wollen, wird ein Antrag gestellt den letzten Beschluß bezüglich der Resolution Schitlowsky, Naumberg und Asch zu reasümieren. Der Antrag wird angenommen und die Resolution selbst mit 26 Stimmen beschlossen. Es wurde noch eine Kommission gewählt, welche sich mit der Redigierung einer entsprechenden' Resolution beschäftigen soll, und darauf wurde die Sitzung geschlossen. Abends versammelten sich mehrere Journalisten, viele Gäste und manche Teilnehmer an derx Konferenz und protestierten gegen den Beschluß der Konferenz, welcher übrigens — wie behauptet wurde — nur zufälligerweise und bei Anwesenheit einer ganz kleinen Anzahl von Teilnehmern (es waren ihrer nicht mehr als 30) zustande kam. Fünfter Verhandlungstag Der letzte Verhandlungstag war ein Tag der politischen Arbeit Es wurden drei Sitzungen abgehalten, die letzte dauerte die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag. Zu Beginn der ersten Sitzung am Donnerstagvormittag wurde die von der am Mittwoch gewählten Kommission gefaßte Resolution zur 'Abstimmung gebracht. Die Resolution lautet:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.