Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIElggELT 7 und gewöhnlicher „Luftmenschen," in Bauern umzuwandeln, ist selbstverständlich' eine Utopie. Die Juden sind Stadtbewohner, und sie können nach Palästina überführt werden nur, wenn sie sich in Städten niederlassen können. Ist das möglich? Kann ein Staat ohne ackerbautreibende Bevölkerung existieren? Die Entwicklung der atlantischen Staaten in Amerika gibt auf diese Fragen eine klare Antwort. Im Jahre 1790 bestand die Bevölkerung .der Vereinigten Staaten aus 90 °/o Ackerbauern. Im Jahre 1900 betrug die Zahl der ackerbautreibenden Bevölkerung in Massachussets kaum 6x/a°/o Ackerbauer, d. h. 66000 unter 1200000. Natürlich ist die Bevölkerung von Massachussets wirtschaftlich mit der ackerbautreibenden Bevölkerung der westlichen Staaten verbunden, und es ist auch kein Zufall, daß die Einwohner Massachussets den Ackerbau aufgegeben haben und sich dem Handel und derlndustrie Zugewandthaben. Die geographische Lage Massachussets am Meer mußte diese Umwandlung herbeiführen. Wenn wir die Karte Palästinas vornehmen, so sehen wir„ daß sich dieses Land in einem ganz ähnlichen geographischen Verhältnis zu den innern Provinzen der asiatischen Türkei und Persiens befindet, wie z. B. Massachussets zu den westlichenStaaten. Früher oder später wird der Kapitalismus all jene Provinzen auch in den großen Kreis des Welthandels hineinziehen und dann muß die Küste des Mittelländischen Meeres zum1 Zentrum 'des Weltverkehrs zwischen Westasien und Europa werden. Wäre es sogar möglich, Palästina mit einer Million jüdischer Ackerbauer zu besiedeln, so wären letztere durch die Entwicklung des Welthandels gezwungen, in die Städte überzusiedeln, ganz genau so, wie es die Ackerbauer in Massachussets oder New Jersey gemacht haben. Stellt man aber die Frage, ob man die Entwicklung des Welthandels in der asiatischen Türkei und Persien erwarten darf, so muß man für die Beantwortung dieser Frage einige Nebenumstände in den Kreis der Erwägungen ziehen. Wir wissen, daß England und Rußland unter sich Persien, d. h. ihre Einflußsphären in diesem Lande, verteilt haben. Mit andern Worten, die englischen und russischen Fabrikanten suchen dort ein Absatzgebiet für ihre Fabrikate zu erschließen. Die deutschen Fabrikanten hingegen haben ihr Augenmerk mehr auf die asiatische Türkei gerichtet. Schon bauen sie dort Eisenbahnen, sie führen schon von dort Getreide nach Europa aus, und natürlich bestreben sie sich, die Bedingungen zu schaffen, um ihre Fabrikate dort absetzen zu können, d. h. eine Bevölkerung und normale Verhältnisse für Ansiedlungen zu schaffen. Ein jüdisches Zentrum mit Selbstverwaltung kann also Gelegenheit haben, den Handel mit jenen Ländern zu entwickeln; es kann Eisenbahnen, Docks, Elevators für Getreide bauen, mit einem Wort, den ganzen Mechanismus des heutigen Welthandels schaffen. Das würde genügen, wenigstens eine große Hafenstadt aufzubauen und zu erhalten. Der Aufschwung Odessas liefert ein lebendiges Beispiel in dieser Beziehung. Odessa ist durch die Eisenbahn, die es zu einem Zentrum des Getreidehandels gemacht hat, groß geworden. . Der Handel bringt Industrie mit sich. Wo sich der Getreideexport konzentriert, dort verlohnt es sich, große Dampfmühlen anzulegen. Ferner, kanneine Regierung, die ihr Land kolonisiert, auch Industrien einführen, für die sie Aussichten hat, einen Absatz zu finden. Die Moskauer Fabriken exportieren nach Persien ihre Textilfabrikate. Nun stelle man die Frage: Warum gerade Textilfabrikate? Und warum gerade Moskau? Baumwolle wächst nicht in Moskau; sie wird aus Amerika und Ägypten importiert. Nun ist doch Ägypten viel näher zu Jerusalem als zu Moskau. Und sogar aus New Orleans kann man Baumwolle per Schiff nach Jaffa viel billiger als nach Moskau befördern, das einige tausend Kilometer von der See entfernt ist. Die heutige Industrie ist nicht im geringsten vom , heimischen Rohmaterial abhängig. Die Baumwollindustrie - hat sich zuerst in England und späterhin in Massachussets entwickelt, und erst in den letzten Jahren fangen die,. JVlassachussetsfabrikanten an, in den südlichen Staaten Fabriken zu bauen, weil sie dort billigere Arbeitskräfte finden. Eine wichtige Bedingung für die Entwicklung der. Fabrikindustrie bildet die Steinkohle. Nun sehen wir,; daß weder im Gouvernement Moskau noch in Massachussets Kohlengruben vorhanden sind. Die Kohle, muß von weither importiert werden. In letzter Zeit beginnt man Petroleum als Heizmaterial anstatt der Kohlen einzuführen. Auch Petroleum wird aus den amerikanischen Häfen über die ganze Welt versendet und kann auch nach jeder beliebigen Hafenstadt am Mittelländischen Meer mit Leichtigkeit geliefert werden. Es gibt noch verschiedene Weltindustrien, die nicht lokalisiert sind, wie die Baumwollindustrie. Als Beispiel kann die Tabakindustrie erwähnt werden. Nach den statistischen Angaben vom Jahre 1900 wird beinahe die Hälfte der Tabakproduktion der Vereinigten Staaten nach England, Deutschland, Frankreich, Italien versendet. Wenn man die einheimische Produktion beobachtet, so sieht man, daß mehr als der dritte Teil des amerikanischen Tabaks in Kentucky gebaut wird. Aber die Produktion von Zigarren, Zigaretten, Schnupftabak und Kautabak in Kentucky beträgt kaum 1 % der gesamten amerikanischen Produktion. Zigarren und Zigaretten sind jetzt zu einem erstklassigen Artikel des Welthandels geworden. In der Türkei wird ja Tabak gebaut und kann noch viel mehr gebaut werden. Man kann also Zigarren und Zigaretten ebensogut in Palästina wie in allen Ländern als Welthandelsartikel fabrizieren. Die Nachbarvölker Palästinas besitzen große Herden. Es ist also die Möglichkeit vorhanden, den Fleischhandel nach amerikanischem System zu entwickeln, dabei auch die Leder- und Schuhindustrie und Butter- und Käsefabrikation, — all das sind Artikel, die jetzt zum Weltmarkt gehören. Nun taucht eine weitere Frage auf. Wer wird alles das entwickeln? Wer wird alle diese Industrien schaffen? In Amerika wurde all dies durch den Kapitalismus geschaffen. Man kann sich aber nicht auf dieKapitalisten verlassen, daß sie speziell Palästina ihre Energien widmen werden. Aber ein jüdisches Zentrum mit Selbstverwaltung kann das nötige Kapital - auftreiben und die Arbeit selbständig beginnen. Wir wissen aus der Geschichte, daß solche Dinge früher geschehen sind. Peter der Große hat vor zweihundert Jahren durch den Bau von Fabriken den Anfang der russischen Industrie mit sehr bescheidenen Mitteln geschaffen. Warum soll das jetzt unmöglich sein? Nur der Anfang ist schwer. Man kann schon 2*