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Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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niemand gewußt hat, daß sich eine Revolution unter den Türken vorbereite. Man ist gewohnt, von oben herab auf die „rückständigen" Rassen zu schauen. Man vergißt aber, daß der Kapitalismus der größte revolutionäre Faktor in der menschlichen Geschichte ist. Der Kapitalisms zieht in den Weltverkehr alle rückständigen Völker hinein. Die Eisenbahnen, der Telegraph, der Welthandel bringen nicht nur Ideen, sie schaffen auch die wirtschaftlichen Interessen, die dazu zwingen, die neuen Ideen in die Praxis einzuführen. Die Verhältnisse in der- Türkei sind viel wichtiger für die Einführung und Verwirklichung des politischen Programms der national-kulturellen Autonomie für die verschiedenen Nationalitäten, als in irgendeinem Lande der Welt. Die türkische Regierung hat sich darum bemüht, die unterjochten Völker zu zwingen, ihre Kultur sich zu eigen zu machen, einfach weil die Türken überhaupt keine Kultur im eigentlichen Sinne dieses Wortes besaßen. Jede Nationalität hatte ihre eigene Sprache und mußte für ihre Bildung und Erziehung natürlich in ihrer eigenen Sprache Sorge tragen. Der nationale Kampf in der Türkei hatte seit jeher einen politischen Charakter. Die Türken waren die Herrscher; die unterdrückten Völker bestrebten sich immer, das despotische Joch von sich abzuwälzen, und kämpften gegen die Türken. Dazu hat sich noch das religiöse Element hinzugesellt. Aber seitdem sich jene christlichen Provinzen nacheinander abgerissen hatten, und seitdem die Türkei als unabhängiger Staat in Europa sich einzig und allein auf Grund der Obereinstimmung der christlichen Großmächte erhält, ist sie nach der Natur der Dinge gezwungen, nicht nur den fremden Nationalitäten und nicht nur den christlichen bekannten Konfessionen, sondern auch allen möglichen Sekten und Missionen die größten Freiheiten einzuräumen. Sie konnte es nicht einmal verhindern, daß die Missionsanstalt des amerikanischen Roberts College in ihrer Residenz begründet wurde und sich dort sehr breit macht. Die türkische Regierung pflegte jede nationale Bewegung zu verfolgen, sobald sie nur den Verdacht hegen konnte, daß der Zweck der Bewegung dahin geht, politische Unabhängigkeit zu erlangen. Sobald aber die siegreiche jung-türkische Revolution den politischen Despotismus endgültig abschaffen und eine föderative Regierungsform einführen wird, werden die nationalen Bestrebungen der das türkische Gesamtreich bewohnenden Nationalitäten eo ipso befriedigt, und die Möglichkeit wird ihnen gegeben, friedlich zusammen für ihre Aufgaben und auch für ihren solidarischen Zusammenhang wirken zu können. Man muß gestehen, daß dieser Punkt gewisse Schwierigkeiten bereitet. Wir haben schon mehreremal den Krach des Liberalismus in der bürgerlichen Gesellschaft miterlebt. Hatte ja diese Gesellschaft zur Zeit der großen französischen Revolution auch mit der kosmopolitischen Idee begonnen, um mit Imperialismus und Kolonialpolitik in allen demokratischen Ländern, wie Frankreich, England und den Vereinigten Staaten,'zu endigen. Wir haben sogar schon erlebt, daß auch die sozialistischen Vertreter der fortschrittlichsten Demokration der Welt, Amerika und Australien,- auf einem internationalen sozialistischen Kongreß den Internationalismus als bankerott erklärten. Wir müssen uns darüber klar sein, daß alle Ideale der Menschheit in der heutigen Welt keinen Cent wen sind. Macht ist Recht! Und eben deshalb scheint es, daß man sich auf die Jungtürken verlassen kann, daß sie ihr politisches Programm durchführen werden. Auf dem Bankett in New York hat der türkische Generalkonsul mit Recht gesagt, daß die Konstitution dem ottomanischen Reiche eine neue Kraft in der Weltpolitik geben wird. Ein großer Vorzug der-türkischen Revolution im Vergleich mit der russischen besteht darin, daß die Türkei ein wirtschaftlich rückständiges Land ist. Sie besitzt noch keine Industrie, keinen Klassengegensatz zwischen Arbeitern und Kapitalisten, weil sich diese Klassen bisher noch nicht entwickelt haben. Während in Rußland die Kadettenpartei gezwungen war, der sozialistischen Bewegung die Struves, Miljukoffs, Tugan, Baranowskis und Bugakows zu entlehnen, hat die Türkei überhaupt noch keine sozialistische Bewegung: Die türkischen Revolutionäre haben noch den kindischen Glauben an Liberalismus, sie jagen noch keinen sozialistischen Utopien nach; sie begnügen sich noch mit Forderungen, die im gegenwärtigen Moment ausführbar sind. Das bildet ihre Kraft. Sie sind deshalb gegen jede Streitigkeiten gesichert, die die russische Revolution geschwächt und den Sieg der Reaktion verursacht haben. II Für das jüdische Volk hat die türkische Revolution eine spezielle Bedeutung. Die Juden müssen aus Rußland und Rumänien fliehen. Sie fliehen massenweise hauptsächlich nach Amerika, Kanada, Afrika, Argentinien, — und wo findet ihr heute, frage ich, keine russischen Juden? In England hat man schon das Tor geschlossen, man läßt die Juden nur durch ein kleines Pförtchen hinein, und auch hier in Amerika ist die Bewegung zur Einschränkung der Einwanderung „ungewünschter Fremdlinge aus Süd- und Osteuropa" auch sehr stark. Wenn nun die jung-türkischen Revolutionäre erklären, sie seien bereit, den Juden zu gestatten, sich in Palästina niederzulassen und einen mit Selbstverwaltung ausgestatteten Teil des otomanischen Reiches zu gründen, so ist das ein wichtiger Moment in der Geschichte des wandernden Juden. Bis' jetzt war die Einwanderung einzelner Juden nach Palästina unbedeutend. Die organisierte zionistische Einwanderung stützte sich auf Philanthropie, durch die man keine soziale Frage lösen kann. Nur ein Judenstaat mit Selbstverwaltung kann die Mittel finden, das Land in großem Maßstabe zu kolonisieren. Das für die Kolonisation nötige Geld kann eine Regierung finden, wenn nur die Aussicht vorhanden ist, daß die Kolonisation gelingen wird, da doch jeder neue Kolonist zugleich auch ein neuer Steuerzahler wird. Daß es möglich ist, im Laufe einer einzigen Generation eine blühende Kultur in einer Wüste zu erzeugen, diesen Beweis hat die kleine verhaßte und verfolgte Sekte der Mormonen erbracht. Daß es möglich ist,, im Laufe einer einzigen Generation mehr als eine Million Juden in zwei, drei Städten anzuhäufen, haben wir hier in Amerika gesehen. Wir müssen also dafür sorgen, ähnliche Bedingungen in Palästina zu schaffen. Die Mormonen waren Farmer, die Juden sind keine Farmer. Eine Million Schneidergesellen, Zigarettenmacher, Handlungskommis, Lehrer die Lektionen suchen,

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