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Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Als die Pogrome wüteten und jüdisches Blut in Strömen floß, rührte sich keine diplomatische Hand; kaum aber war in ' der Türkei irgendein angezettelter Krawall, so eilten alle politischen Handlanger herbei, um die Situation auszubeuten. Die Humanität war nur ein Deckmantel für die Interessen. — „Was den Zionismus anlangt, so bin ich sicher, daß unser Volk mit dem jüdischen sich verständigen und Hand in Hand gehen wird. Unsere Religion ist der ihrigen ähnlich. Ihr seid die tüchtigsten business-Männer, Finanziers, Schriftsteller, Künstler usw., und ihr könnt uns großen Nutzen bringen. Ihr werdet das Land zu neuem Leben wecken und uns helfen, Licht und Fortschritt überall zu fördern. Mit euch zusammen werden wir eine Macht bilden und unsere gemeinsamen Interessen gegen unsere auswärtigen Feinde beschützen." Außer dem Generalkonsul sprach auch der Führer der Jungtürken in Amerika, Aricidas-Bey, in demselben Sinne. "Erhege, sagte er, die feste Überzeugung, daß die Juden jetzt in der Türkei willkommen sein werden und daß sie hoffen dürfen, ein sicheres Heim in ihrem alten Lande zu finden.*) Aus der Zusammenstellung dieser entgegengesetzten Erscheinungen erhellt der richtige Charakter der jetzigen Gärung. Es sind Keime einer neuen zukunftsreichen Entwickelung, aber noch besteht kein festes System. Wir sehen dem Fortschritt und der Einheit sehnlichst entgegen. N. S. Die Ausführbarkeit des Zionismus von Prof. Isaak HaleVy, New York Vorbemerkung der Redaktion. Der nachstehende Aufsatz der uns in liebenswürdiger Weise von der Redaktion der neuen Monatsschrift „Die jüdische Zukunft", die in jiddischer Sprache in New York erscheint, in Aushängebogen zugesandt worden ist und der wahrscheinlich in der amerikanischen Presse die Runde machen wird, dürfte zu einem Zeitpunkt in dem. die Frage der Bedeutung der Neugestaltung der türkischen Regierungsverhältnisse für den Zionismus aktuell geworden ist von besonderem Interesse sein. Herr Prof. J. Halevy hatte früher als „jüdischer Sozialist" den Zionismus, wenn nicht direkt bekämpft doch wenigstens negiert. Als er im vorigen Jahr seine Kandidatur für die russische Duma aufgestellt hatte, ging er sogar noch weiter, indem er die zionistische Organisation in Rußland in heftiger Weise bekämpfte. Herr Prof. H. ist selbst ein russischer Jude, der schon lange in Amerika lebt und sich in weiten Kreisen einer bedeutenden Popularität erfreut. Daß dieser hervorragende demokratische Führer durch die letzten türkischen Ereignisse zum Zionismus, freilich vorläufig zu einem sui generis Zionismus bekehrt worden ist, — dieser Umstand wird nicht verfehlen, in gewissen Kreisen einen berechtigten und vielleicht auch folgenreichen Eindruck zu machen. Von einer irrigen Auffassung dürfte allerdings die Kausalverbindung ausgehen, die der Verfasser des Artikels zwischen den Aussichten des Zionismus und der türkischen Revolution erbückt Die Voraussetzungen des Verfassers mochten ebenso gut für den' sogenannten Charterzionismus geltend gemacht werden, mit dem einzigen Unterschied, daß der kulturelle Fortschritt im allgemeinen jetzt möglicherweise fördernd wirken wird, obschon es übereilt und verfrüht wäre, die Erreichbarkeit der Selbstverwaltung jetzt schon als etwas Positives und Gegebenes, wie es der Verfasser tut hinzustellen. Ganz so wie früher, wenn auch *) Zu den Einzelheiten des Massenmeetings in New York ist nur zu bemerken, daß die extremen anti-bürgerlichen rhetorischen Leistungen einiger Redner, die nicht einmal zur Partei der „Poale" gehören, ganz und gar nicht am Platze waren. Man verkennt vollständig die Eigenart der türkischen Freiheitsbewegung, wenn man an sie mit den kapitalistisch-antikapitaHstischen Streitigkeiten, die ihnen bisweilen noch fremd sind, herantritt Wie Professor Halevi in dem nachstehenden Aufsatz richtig bemerkt, befindet sich die Türkei in einem Stadium, in dem Probleme dieser Axt noch gar nicht zur Geltung kommen können. vielleicht auf ratiohellerem Wege, setzt die Verwirklichung des Zieles eine energische allseitige Entwicklung zionistischer Tätigkeit voraus. Der ausschließlich industrielle Charakter der praktischen Arbeit den Herr Prof. H. vorschlägt, ist etwas einseitig, aber neu ist dieses Motiv auch für uns nicht, und daß dieses Moment eine hochwichtige Bedeutung für die Zukunft Palästinas ist wird niemand bestreiten. Es wäre nur zu wünschen, daß Herr Prof. H. für seine Projekte den nötigen Anklang finde und daß die bis jetzt unserer Idee fernstehenden Kreise sich unserer Organisation anschließen. In welchem Umfange Ackerbau und in welchem Industrie gefördert werden soll ■<— das sind technische und wesentlich untergeordnete Fragen; vor allem muß die zionistische Organisation die Mitarbeiterschaft großer jüdischer Volkskreise gewinnen. Wir haben nicht gewartet, bis die Türkei in die letzige vielverheißende Entwicklungsphase eingetreten ist; wir haben in der schwersten Zeit vorgearbeitet und den Weg gebahnt. Geht in manchen jüdischen Kreisen erst jetzt infolge der veränderten Verhältnisse ein Licht auf, so ist dies insofern sympathisch zu begrüßen, als sich tatsächlich auch ihr Anschluß an unsere Organisation voraussichtlich vollziehen dürfte. I Noch geschehen Wunder.* Wer hätte es geahnt, daß sich Liebhaber finden würden, die die Marseillaise in türkischer Sprache und in den Straßen türkischer Städte absingen würden? Zwar hatte man von Zeit zu Zeit kurze Nachrichten gelesen, daß sich irgendwo, in Paris und andern Städten, sogenannte „Jung-Türken" befänden und daß die alte türkische Regierung sie oft nach Konstantinopel eingeladen hätte, und daß diese „Jung- Türken" keine rechte Lust hätten, dieser Einladung Folge zu leisten. Aber nur wenige interessierten sich für die Frage, was eigentlich die „Jungvon den- Alt-Türken" unterscheide. Man hatte nur eine trübe Ahnung von der Möglichkeit einer „Serail-Revolution", die in der Türkei nicht zu den Seltenheiten gehörte. War ja auch die bisherige Regie das Produkt einer solchen „Serail-Revolution!" So wird allgemein eine spezielle Art von Umwälzungen bezeichnet, bei denen es sich weder um politische Prinzipien oder wirtschaftliche Reformen, sondern einzig und allein um die Personenfrage der Herrscher und der Kalla handelt. Selbstverständlich hat die öffentliche Meinung in andern Ländern kein allzu großes Interesse für solche Lappalien, und deshalb schenkte man auch den Vorgängen, die den Weg für die jetzige Revolution in der Türkei gebahnt haben, eine sehr geringe Aufmerksamkeit. Bekanntlich hat sichdie türkische Revolution als etwas ganz anderes herausgestellt. Es handelt sich nicht um Personen, sondern wirklich um Grundsätze und Einrichtungen tiefgehendster Natur. Die Umwälzung selbst ist in merkwürdiger Weise leicht und ohne jede Verwicklung zur Ausführung gelangt. Kaum hatten die Kommandanten der revolutionären Armee der alten Regierung kundgegeben, daß ihre Stunde geschlagen habe, da verstand die alte Regierung sofort, daß das alte napoleonische Wort: „Gott steht auf Seiten gut bewaffneter Bataillone" sich auch diesmal bestätigt hat. Sie trat dann unverzüglich zurück und räumte der neuen „revolutionären" Regierung den Platz. Es wäre jetzt noch zu früh, über den Ausgang der Revolution Horoskope zu stellen. Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß es der jetzt herrschenden revolutionären Partei sehr ernstlich daran liegt, eine wirkliche Volksregierung einzuführen. Ob es ihr gelingen wird, all die verschiedenen Völker des ottömanischen Gesamtreiches zu vereinigen, das ist eine Frage, die schon jetzt zu beantworten ebenso im pessimistischen wie im optimistischen Sinne leichtsinnig wäre. Niemand weiß es einfach, wie es auch

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