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Die Welt · 1908-09-18 · 37 (18.9.1908) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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der ottomanischen Reichseinheit. Daß diese Frage "sich nicht bloß mit kalter Verstandesmäßigkeit, nicht nur rationalistisch lösen läßt, daß bei uns auch viele Stimmungen und Gefühlsmomente mitschwingen, — das ist eine Tatsache, die außerhalb des politischen Kombinationsgebiets ■ steht. Sie steht auch außerhalb der Machtsphäre dieser oderjenerRegierung, dieser oder jener Partei. Es liegt jedoch dafür nicht der entfernteste Anhaltspunkt vor, die national-historische Weihe Palästinas und die Wiederbelebung dieses Landes als ein Hindernis fürdieottomanischeReichseinheitzubetrachten. Das Gegenteil ist . . Insinuation. Soll etwa der Herzschlag belauscht werden? Will das modern sich gebärdende Komitee die Gesinnungsschnüffelei, nach berühmten Mustern fördern? Eine moderne Staatsverwaltung darf keine Gewissensfrage stellen; ihre Aufgabe besteht in einer sachgemäßen Abwägung der vorhandenen Einrichtungen, sie muß eine juristisch administrative Konstruktion bilden, die lediglich die Eingliederung der sich anmeldenden Vereine in das bestehende Rechtssystem zu besorgen hat. Sollte es sich herausstellen, daß irgend eine Partei oder eine Gruppe die Grundsäulen ,des Staates untergräbt, dann müßte' man in der allgemeinen Gesetzgebung die Mittel finden, den Reichsfeinden das Handwerk zu legen. Das ist Liberalismus. Eine Gewissenszensur, eine Verurteilung a priori, ist, abgesehen von dem totalen Mißverstand bezüglich der beregten Frage, eine Methode, die zwischen dem Murawiewschen und dem hakatistischen System pendelt. Wir haben eine zu hohe Meinung von den jungtürkischen Bestrebungen, als daß wir ein so unlogisches, unpolitisches und reaktionäres Gebaren als jungtürkisch bezeichnen könnten. Es kann nur eine Laune einiger Kreise sein, die durch falsche Nachrichten irregeleitet worden sind. Denn wo läuft denn das hinaus und wo kann man wirklich scharfe Demarkationslinien ziehen zwischen Juden und Zionisten, zwischen Einwanderung und Wiederbelebung, zwischen der Kolonisation Palästinas und dem Zionismus? Besteht der Argwohn, so kann man nach Belieben, . das, was jetzt als nicht-zionistisch mit wohlwollender Gnade bezeichnet wird, später als verdeckt-zionistisch brandmarken. Mögen sich doch die Kleinmütigen unter uns nicht einbilden, durch irgendeine Phrase dem Schicksal zu entgehen. Wir hatten in unserer Geschichte Tausende von Beispielen, die die Vergeblichkeit des Sichlossagens beweisen. Um aus der zeitgenössischen Chronik ein Beispiel zu zitieren —: das Sichlossagen vom Talmud. Hat man aufgehört, das Judentum derjenigen zu beschimpfen, die sich feierlich vom Talmud losgesagt haben? Nein, wo Vorurteile vorhanden sind, da versetzt jeder Rückzug, jede schwächliche Konzession, jedes Leisetreten die Eingeschüchterten in einen erniedrigenden Zustand der Inferiorität, die wir bei der Assimilation und der schmählichen vollständigen Fahnenflucht so oft beobachten. Den Vorurteilen muß man frei und offen, mit kühnem Mut und unbeugsamer Kraft die Stirn bieten. Ja, wir sind Zionisten und wir fühlen uns mit der ottomanischen Freiheitsbewegung eins! Und so müßten auch alle sagen, die die jüdische Kolonisation fördern, die ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina, jüdische Schulen, jüdisches Leben pflegen und kräftigen wollen," dehn auch sie sind gegen die Vorurteile nicht geschützt. Man darf auf die vereinzelte Erscheinung kein zu großes Gewicht legen. Die Fraktionen, Gruppen und Wahlkomitees bilden sich und zerrinnen wie die Bläschen auf der Wasserfläche. Es werden ihrer noch Tausende auftauchen und vergehen. Es besteht noch kein 'richtiger Zusammenhang zwischen der Zentrale und den Filialen. Alles ist provisorisch, — das Ministerium, die Verwaltungen. In einem solchen Obergangsstadium können alle möglichen lokalen und auch persönlichen Momente zur Geltung kommen, zumal auf dem Gebiete der Nationalitätenfrage noch überhaupt keine Leitidee sich bis jetzt Bahn gebrochen hat. Da wurde einigen Leuten gesagt, — man kennt ja die traurige Geschichte der Einflüsterungen, — es existiert auch ein jüdischer Nationalismus, ein Zionismus, Hannibal ante portas! -Daß man die jüdische Nationalität nicht in " der Weise auffassen soll, wie es in bezug auf andere Nationalitäten üblich ist, daß unser Zionismus etwas ganz anderes ist als die mazedonischen Wirren, — das zu untersuchen, hatte man noch keine Zeit. So entstand das Mißverständnis, das wohl nicht lange anhalten wird. Es ist nicht gut, übersolche Mißverständnisse zu schweigen. Nein! Möge ein Sonnenschein der Klarheit auf den Irrtum fallen, denn wir haben nichts zu verbergen. . Die Sache ist noch nach einer andern Richtung belehrend. Die allzu impulsiven und kurzatmigen Politiker, die den Zionismus beinahe als „all seiner Aufgaben überhoben" betrachten, mögen doch einsehen, daß der Himmel nicht voller Geigen hängt und daß die Sorgen weder heute noch morgen überwunden sein werden. Wir müssen, unbeirrt durch Zeitströmungen und mannigfache Hindernisse, unsern. Parteicharakter wahren und die Verbindung mit allen äußern Machtfaktoren rege und lebendig zu erhalten suchen. Unserer Devise und unsern bewährten ^Grundsätzen müssen wir unter allen" Umständen treu bleiben. Was die Politik anbetrifft, so ist sie weder ein metaphysisches Dogma, > noch ein Naturgesetz, sie gestaltet sich je nach den Verhältnissen. Sie wird vielleicht in der neuen Türkei weniger Schwierigkeiten bieten als früher; aber sie wird neben der realen Arbeit gemacht werden müssen. Unsere Tätigkeit tritt jetzt in ein Stadium größerer Möglichkeiten, aber auch nicht weniger komplizierter Aufgaben. Als Gegenstück zu der unbegreiflichen und zufälligen Resolution des Jerusalemischen Wahlkomitees kann das öffentliche Auftreten des türkischen Generalkonsuls auf ejnem von Poale-Zion einberufenen zionistischen Massenmeeting dienen. Schon das äußerliche Bild dieser Veranstaltung war geeignet, die Harmonie zwischen der neuen Türkei und dem Zionismus zu veranschaulichen. Die riesige Halle war mit türkischen und zionistischen Fahnen geschmückt, von der Hauptwand hinter der Tribüne grüßte das beflaggte Bild Herzls. Der Generalkonsul, Munjey-Bey, dankte der Versammlung und insbesondere den Poale-Zion für die der freien Türkei dargebrachten Huldigungen und Ovationen und betonte, daß die Türkei die Juden nie, sogar unter "dem alten Regime, unterdrückt habe. Das türkische Volk — führte der Generälkonsul des weitern aus — stellte sich nie den anderen Nationalitäten feindlich gegenüber; die Konflikte waren nur das Werk auswärtiger Einmischungen. „Meine offizielle Stellung", — sagte der Generalkonsul, — „erlaubt mir nicht viel zu sprechen, aber auf eines möchte ich doch aufmerksam machen:

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