Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN,KAROLINGERRING 6M ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 18. September 1908 \2-\Tö D^nn'c* ^vd'd „FORTSCHRITT UND EINHEIT" Ein in Jerusalem zusammengetretenes „gemischtes" Wahlkomitee, das sich sonderbarerweise als „jungtürkisch" bezeichnet, weigerte sich, „organisierte Zionisten" in seine Mitte aufzunehmen. Das Komitee, heißt es, habe nichts gegen die Juden, nichts gegen . die jüdische Einwanderung, nichts gegen die Besiedlung Palästinas durch Juden, — aber es sei gegen den „Zionismus". Es hat sogar an die jüdischen Kandidaten die Zumutung gestellt, sich vom Zionismus äußerlich loszusagen; für diesen Preis kann die Mitgliedschaft erkauft werden. Diese Methode ist ebensowenig „jung" wie „türkisch". Der Geist des Argwohns und der Engherzigkeit läßt sich nicht mit einem jugendlichen Freimut in Einklang bringen. Die überhitzte Einbildung, die eine jüdische Herrschsucht überall wittert, war seit jeher dem türkischen Wesen und den türkischen Oberlieferungen fremdf Eine inquisitorische Gesinnungsriecherei kann in bezug auf Juden nicht einmal als gut-alttürkisch, geschweige denn als jungtürkisch gelten. Bemitleidendswert naiv sind die Herren, die nicht bei den andern Nationalitäten und Konfessionen, sondern einzig und allein bei den Juden ... Sonderinteressen erblicken. Dies erinnert an die alte Parabel vom Splitter und vom Balken. Politiker, die zu einer Partei zählen, die „Fortschritt und Einheit" auf ihre Fahne geschrieben hat, müßten ja einsehen, daß alles, was in Palästina den Stempel des Fortschritts, der geregelten Arbeit, des technischen Aufschwunges, der höheren wirtschaftlichen Formen trägt, alles, was das Land verschönert und bereichert hat, dem zionistischen Gedanken in dieser oder jener Form zu verdanken ist. Daß der Zionismus in Palästina ein eminenter Kulturfaktor ist, werden auch seine erbittertsten Gegner nicht bestreiten können. Hat er ja. nicht nur Wüsten in blühende Gärten umgewandelt und" eine Schar freier echter Palästinenser in den jüdischen Kolonien erstehen lassen, er hat auch über > das 4üstere Elend der einheimischen Bevölkerung sein . Licht ausgebreitet, einen edlen Wetteifer auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit erzeugt, das Verlangen nach Recht und Ordnung geweckt, die Initiative angespornt, Wissen, Fleiß und Strebsamkeit ins Land gebracht. .. Die Jun^ürken, für die der Fortschritt keine leere Phrase ist, können sich dieser Erkenntnis unmöglich verschließen, -und der Zweigverein, der diese Tatsachen übersieht und ihre Bedeutung verkennt, stellt sich hierdurch in einen grellen Gegensatz zu den Grundprinzipien der Partei, die ihn früher oder später desavouieren muß. Die erste Hälfte des rühmenswerten jungtürkischen Programms:. „Der Fortschritt" kann nicht als Grund einer so merkwürdigen Behandlung des Zionismus gelten. Es wird sich offenbar um den zweiten Teil, um die „Einheit" handeln. Es scheint sich der wenigen Herren des Wahlkomitees die unklare Vorstellung bemächtigt zu haben, als ob die Zionisten gegen die ottomanische Reichseinheit etwas im Schilde führten. Fürwahr, es ist schwer, diesen Beobachtern den Vorwurf der Kurzsichtigkeit zu ersparen. . . Das ruhigste, friedlichste Bevölkerungselement, das goluthmüde, militärischen Abenteuern abgeneigt, nach einer Heimat sich sehnt, sollte in irgendeiner Weise den Bestand der ottomanischen Reichseinheit bedrohen? Man kann kaum einen unsinnigeren Gedanken hegen. Liegt in uns der Keim für mazedonische Teschetas, für kurdische Banden' oder für Konakambitionen? Entsprang nicht unser Bestreben nach Selbstverwaltung denselben Beweggründen, die den Freiheits- und Verfassungsbestrebungen der neuenTürkei, freilich auf unser Tätigkeitsgebiet beschränkt, den ersten Ursprung und den wirksamsten Anstoß verliehen haben? Bedarf es unserseits noch der Loyalitätsversich .rungen :— oder der komischen Lossagung vom Zionismus? Die Loyalität liegt in der Natur unserer Beziehungen, in der Logik unserer Interessen, in der Notwendigkeit unseres Selbstschutzes. Ein geeinigtes, starkes, mohamedanisches und zugleich auch fortschrittr liches Reich wird für ein in seiner Mitte sich befindliches jüdisches Zentrum ein Hort der Sicherheit sein. Wovon sollen wir uns also lossagen? Etwa von dem nationalen Charakter Palästinas? Die unverwüstliche Macht des zionistischen Gedankens kann dadurch nicht gebrochen werden. Verlangen die Wahl-, komiteemänner ein Selbstverleugnen? Ziehen sie der zionistischen Geradheit die Halbheit und Lauheit anderer Juden vor? Was wir wollen, sagen wir gerade-heraus: wir wollen in Palästina eine Heimat für unser Volk schaffen, wir wollen es im Rahmen des Fortschritts und l* *n^'tt£jJ^j£&&3ä^