Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Traditionen bleiben usd zwei Tage, Sonnabend und Sonntag, fetern und auf diese Weise ihrem ökonomischen Ruin entgegeneilen, oder sie wird teilweise die Tradition zerstören und am Sonnabend arbeiten, was sicherlich Demoralisierung und Verderben in die jüdischen Volksmassen bringen wird. . So viel über die Lage der Juden in Polen. Der Minister für Volksauf klär ung Schwartz, dessen Name seine reaktionären Gelüste am besten charakterisiert, erlebte endlich eine Danksagung vom „Verband des russischen Volkes" für seinen Kampf. mit den Juden an den Universitäten und in den Gymnasien. Der Justizminister Schtscheglowitow hat sich, endlich efbarmt und von hunderten Bittschriften junger jüdischer Juristen, denen er ihren Beruf auszuüben verboten, zwei berücksichtigt, und derOdessaer Generalgouverneur Tolmatschew ging in seiner Liebe für Juden so weit, daß er einen im Verfolgen von Verbrechern sich auszeichnenden jüdischen Soldaten zu der Würde eines Polizisten erhoben hat. Man sprichtvielvon der Abschaffung des Kriegszustandes. Unter der Herrschaft Stolypins hat sich das Land so beruhigt, daß sogar die eifrigsten Anhänger der Ausnahmezustände sich für ihre Abschaffung aussprechen. In der jüdischen Welt herrscht unbeschränkt die sensationelle Jargonpresse, welche nach den Mustern der amerikanischen Jargonblätter, nur mit weniger Verständnis und mehr Übertreibung, das Publikum mit schmutzigen Skandalgeschichten und literarischem. Tand füttert. Die Vorliebe für ernste Literatur sinkt immer tiefer, die früheren Verlagsformen hören auf zu existieren, alles würde von billigen Groschenbroschüren, hauptsächlich von Kriminalromanen verschlungen. Das jüdische Theater, welches sich über materielle Mißerfolge nicht beklagen kann, steht ebenfalls nicht auf der Höhe seiner kulturellen Aufgaben. Statt in den jüdischen Volksmassen das Gefühl für Schönheit und Stil zu erwecken, verdirbt es ihren Geschmack durch Aufführung seichter Farcen und effektvoller Melodramen, welche immer Mengen Neugieriger heranziehen. Zur Judenfrage in Finnland Der Deputierte Sirolo, ein Sozialdemokrat, hat dem finnländischen Landtage eine Petition über die Gleichberechtigung der Juden im Namen der ganzen Fraktion eingereicht, um auf diese Weise zu manifestieren, daß die Judenfrage nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern einen integrierenden Teil des sozialdemokratischen Programms ausmacht. Sirolo hofft, daß die Landtagskommission diese Petition annehmen wird. Der Pogrombrand in Telschi Der Hilfsverein der deutschen Juden hat einen Berichterstatter nach Telschi entsandt, um genaue Informationen über den Umfang des Brandunglücks zu erhalten. Der Bericht enthält u. a. auch nähere Mitteilungen über die unheilvolle Rolle, die der Isprawnik Peschkow, der Leiter der Polizei des Kreises, bei dem Brande den Juden gegenüber gespielt hat. Er hat das Feuer in den Dienst des Antisemitismus gestellt, statt löschen zu lassen. Der Bericht besagt darüber folgendes: Ich habe durch mehrere Zeugen festgestellt, daß der Isprawnik, namens Peschkow, die Löschapparate oft in sehr kritischen Momenten ohne ausreichenden Grund den Juden verweigerte. So nahm er zunächst die Feuerwehr für die Reichsbank in Anspruch, obwohl bereits alle Wertsachen aus ihr entfernt und in Sicherheit gebracht waren; später, als aus der benachbarten Stadt Plungjan mehrere Löschapparate eintrafen, verhinderte der Isprawnik ihre Anwendung bei brennenden Häusern und ließ sie um sein Haus aufstellen, das ganz außer Gefahr war. Als einige Juden sich um Hilfe an ihn wandten, schrie er sie barsch an und bedrohte sie mit Ohrfeigen. . . Als er einen abgebrannten Juden weinen sah, ahmte er ihm nach und belustigte sich über ihn in rohester Weise. Zu meinem Bedauern war der Isprawnik jetzt nicht anwesend. Ich wandte mich an das Stadthaupt mit den Worten: „Man munkelt, der Isprawnik habe die Rettungsarbeit vernachlässigt und den Juden die erforderliche Hilfe verweigert. Können Sie mir vielleicht Aufklärung geben?" Darauf antwortete dieser: „Nun ja, unser Isprawnik ist ein ausgesprochener Judenhasser. Er selbst sagte mir, er erblicke in diesem schrecklichen Brande einen Ersatz für einen Pogrom." Ich erwiderte: „Er beschuldigt demnach die Christen einer Brandstiftung,' während die Juden selbst es ja nicht tun?!" und erhielt zur Antwort: „Der Isprawnik beschuldigt sie gar nicht, im Gegenteil, er sagt;'die Juden haben es verdient....." Ich muß bemerken, die Behauptung des Isprawnik, wonach der Brand eine Art Pogrom darstellt, entbehrt jeder Grundlage. Sie ist aber charakteristisch für die hooliganische Gesinnung des Isprawnik, der die Christen gegen die Juden aufzuhetzen und auch die Brandr katastrophe zu antisemitischen Zwecken auszubeuten" sücTifef^-Da das .Stadthaupt mir die obigen Mitteilungen' gemäch€ haC. sind sie als unbedingt zuverlässig anzusehen. ~~- -yj^ Erleichterung im russischen Auswanderungsverkehr Wie dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle mitgeteilt wird, fand am 28. August im Ministerium des Innern eine Konferenz der beteiligten preußischen Behörden und Vertreter der deutschen Schiffahrtsgesellschaften statt, die sich mit der Abänderung der Bestimmungen für den Durchzug russischer Auswanderer durch Deutschland beschäftigte. Es ist beschlossen worden, eine neue Betriebsordnung für die Auswanderer-Kontrollstationen längs der preußisch-russischen Grenze zu erlassen, die wesentliche Erleichterungen für die Auswanderer bringt. U. a. soll die zwangsweise Abschließung der Auswanderer in den Kontrollstationen fortfallen. Damit werden Härten beseitigt, über die die russischen Auswanderer bisher geklagt haben. Deutsche Juden in Rußland Wir lesen im „Fränkischen Kurier" folgendes Eingesandt: „Die von Ihnen gebrächte .Notiz, daß auf Veranlassung eines Münchener Großkaufmarins in den Pässen jüdischer Reiserldert ^künftig" die Religion wegbleibent soll, kann unmöglich richtig sein, oder aber"' in München ist eine andere Praxis beliebt worden als hier. Ebenso ist Ihr Artikel v. 25. ds., „wonach bisher in den Pässen jüdischer Reisenden der Inhaber stets als Jude bezeichnet wurde und die Handels- und Gewerbekammer für Mittelfranken sich bemüht habe, eine Änderung herbeizuführen", nicht zutreffend. Schon seit einer Reihe Vori Jähfeh wird die Religion dicht dem Paß einverleibt, dies wäre aüch unstatthaft. Man hat aber von deutscher Seite einer! Weg gefunden, dies zu umgehen. Die fussische Regierung verlangt, daß Inhaber deutscher Pässe jüdischer Religion gekennzeichnet werden. Nachdem gegen die Beifügung der Religion mit Recht protestiert wurde, ist die Vorschrift erlassen und besteht noch heute, daß jüdische Reisende „ein Attest der Handelskammer beizubringen häben, daß die betr. Firma eine angesehene der Bränche ist". Dieses Attest wird Von keinem christlichen Reisenden Verlangt, und def zum Visum bei dem russischen Konsulat oder der Gesandtschaft ein^ gereichte Paß ist durch die erzwungene Beigabe dieses Attests als jüdischer Paß gekennzeichnet, und der russische Konsul bezeichnet ihn im Paß sodann auf russisch als „einem Juden" .gehörend. Damit ist der alte Zweck mit allen seinen Unannehmlichkeiten erreicht, der russischen Willkür Tür und Tor geöffnet! Keine andere Regierung läßt ihre Staatsbürger nach der Religion klassifizieren, die deutsche Regierung aber behandelt ihre jüdischen Staatsbürger beim Steuerzahlen als gleichgestellt, sonst aber als Bürger 2. oder 3. Klasse. Daran ändern alle Schönfärbereien nichts, solange die deutschen Behörden auf Veranlassung der russischen Regierung von ihren jüdischen Bürgern die Erfüllung von Vorschriften verlangen, die der christliche Bürger nicht zu erfüllen hat. Von einer Änderung dieser Auflagen ist der hiesigen Handels- und Gewerbekammer, wie mir nach Anfrage mitgeteilt wird, nichts bekannt." Wir wollten einmal den Skandal sehen, wenn irgendwelche andere Klassen der Bevölkerung Deutschlands in ähnlicher Weise drangsaliert würden. Wie dann die Interpellationen von allen Seiten regneten! Aber bei Juden! Da langt es gerade noch zu einer Notiz in einer freisinnigen Zeitung. Eine neue Unternehmung der AUiaace Israelite nach dem Orient Das Zentralkomitee der Alliance Israelite in Paris hat beschlossen, eine Kommission nach dem Orient zu entsenden, mit der Aufgabe, die dortigen Schulen zu besichtigen und sich zu -vergewissern, welche Änderungen nötig sind, um die dortigen Institute in bezug auf Unterricht und Lehrmittel zn verbessern und lebensfähiger zu gestalten. Die Kommission wird Paris gegen Ende Oktober verlassen und wird der Reihe nach folgende Städte besuchen: Sofia, Adrianopel, Konstantinopel, Saloniki und Smyrna. Neue Kindergarten in Palästina Auch in Tiberias (Palästina) ist nunmehr ein Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden eröffnet worden. Die Eröffnung desselben sollte schon im Herbst vorigen Jahres, zurZeit des vorletzten Aufenthalts des Herrn Dr. Nathan in Palästina, erfolgen. Sie mußte aber infolge lokaler Schwierigkeiten, die jetzt behoben sind, hinausgeschoben werden. Nach einer dem Hilfsverein zugegangenen Mitteilung .. aus Palästina wird die Anstalt bereits von vielen Kindern besucht, was