Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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fyQFl r^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^W^r^^^T^^^^ Noi 36 : DIE^ELT NACHRICHTEN Öste iterreich (Von unserm Korrespondenten) Der freiheitliche Wahlbezirk Die' Leopoldstadt, der am stärksten von Juden bevölkerte Bezirk Wiens, ist der sogenannten Deutschfreiheitlichen (oder Deutschdemokraten, oder auch Freiheitlichsozialen — an Namen und Fraktionellen gebricht es nicht!) — letzte Zwingburg. Seit Jahren redet man von einem liberalen* Bürgertum Wiens, das den Christlichsozialen entrissen werden wolle. Nun geben die Herren selbst zu, daß man zwar von Liberalen spricht, dabei jedoch an die Juden denkt. Die liberalen Parteien. Wiens stellen nur in der Leopoldstadt Kandidaten zum Landtag auf. So wird eingestanden, daß außerhalb der jüdischen Wählerschaft von Freiheitlichen keine Rede sein kann. Auch der neue, auf den Schild gehobene Freisinnsfeldherr, Abg. Frh. v. Hock, zieht es eher vor, im 2. Bezirk gemeinsam mit dem „freiheitlichen Sozialpolitiker" Dr. Schwarz- Hill er" sein Glück zu suchen, als in Aisergrund, wo er zum Reichsratsabgeordneten erkoren ward. Der Wiener Freisinn fühlt sich nur in der Nähe von Juden, ja in jüdischer Umgebung wohl. Um so widerwärtiger ist der Schwindel, der mit den Juden der Leopoldstadt getrieben wird. Die Partei besteht ausschließlich aus Juden, nirgends aber wird die Judenfrage so systematisch verschwiegen, nirgends wird assimilatorischer Knechtsinn so gründlich eingeimpft, wie in dieser jüdischesten Partei. Der Wiener Freisinn ist der letzte Schlupfwinkel der Assimilation. Die Juden können kein Interesse an der Erhaltung einer politischen Kaffeehausgesellschaft haben, die keine jüdischen Interessen kennt. Ihre Niederlagen können uns wenig rühren, denn ihre Siege sind nur geeignet, der politischen Unreife der Wiener Juden neue Nahrung zuzuführen. Im Kampfe der zwei großen Parteien des Landes — der Christlichsozialen und Sozialdemokraten — kann sich das jüdische Bürgertum nie behaupten, wenn es sein Schicksal mit dem des geschlagenen Liberalismus verbindet. Der jüdische Nationalverein hat zu den Landtagswahlen noch nicht Stellung genommen. Öie Lemberger Ersatzwahl Im ersten Lemberger Wahlkreis findet nach dem Tode des Abg. Malachowski eine Reichsratsersatzwahl statt Die vereinigten polnischen Parteien kandidierten einen Herrn Roszkowski, einen treuen Diener des Polenklubs. Der Wahlkreis zählt mehr als 60 "jo Ruthenen und etwa 30°/o Juden. Die Polen besitzen somit nicht die Mehrheit. Die Sozialdemokraten kandidierten den ruthenischen Sozialistenführer Hankiewicz. Man erwartete allgemein die Aufstellung eines jüdisch-nationalen Zählkandidaten, oder aber die Unterstützung des oppositionellen Kandidaten. Indes proklamierte die jüdische Nationalpartei Wahlenthaltung. Man erblickt darin allgemein eine Verschlechterung der Chancen des sozialdemokratischen Kandidaten, dem es auf jede Stimme ankommt Unser der Jüdischen Nationalpartei nahestehender Gewährsmann, von uns über die Gründe des Lemberger Entschlusses befragt äußerte sich folgendermaßen: Die Entscheidung ist dem Lemberger Zentralkomitee, ich glaube nicht leicht geworden. Diejenigen, die den gefaßten Beschluß befürwortethaben.legtendasgrößteGewichtdarauf, daß Hankiewicz in der Judenfrage genau denselben assimilatorisch-schlachzizeschen Standpunkt einnimmt wie der Polenklub. Das kann im allgemeinen ■ von den ruthenischen Sozialisten nicht behauptet werden, die im großen und ganzen dem jüdischen Nationalgedanken über "den Zionismus sympatischer oder freundlicher gegenüberstehen, als deutsche oder polnische Sozialdemokraten. Gerade aber der Herr Hankiewicz äußerte sich mehrfach in der .gehässigsten Weise gegen jede Regung jüdischen Selbstbewußtseins. Auch jetzt während des Wahlkampfes, spricht der treffliche Schüler Daszynskis systematisch nur „von den zwei das Land bewohnenden Nationen", Polen und Ruthenen. Und das nach der Anerkennung der jüdischen Nationalität sogar seitens der P.-P.-'S.! Dies werden wohl die wichtigsten Beweggründe sein, die es dem Lemberger Zentralkomitee unmöglich haben erscheinen lassen, sich für Hankiewicz einzusetzen. — Es gibt aber auch vieles, was gegen den Beschluß eingewendet werden kann. Zunächst handelt es. sich nicht darum, einem der jüdischen Nationalpartei nicht genehmen Mandatswerber abzulehnen oder zu unterstützen,. sondern um die Bekämpfung des Polenklubs-Xandidaten. Immerhin muß es heißen: Das ist der Feind! Der sozialdemokratische Kandidat ist wohl ein Gegner, aber kein Feind. Die Hauptsache ist ja, nachdem ein Jüdischnationaler nicht durchdringen kann, - den Polenklub zu schwächen und die Opposition im Reichsrat, der auch der jüdische Klub angehört zu stärken. Dann ist der sozialdemokratische Kandidat auch ein Angehöriger einer unterdrückten Nation, der Ruthenen, die den Juden in Ostgalizien und dem jüdischen Klub im Parlament bis jetzt treue Bundesgenossen waren. So oder annähernd so meinte unser Gewährsmann, lautete zusammenfassend der Widerstreit der Meinungen. Es siegte schließlich die erste, daß man einem Kandidaten nicht Unterstützung verleihen kann, der für die nationale Autonomie ist die Juden jedoch davon ausschließt Die jüdische Sozialistenpartei Poale-Zion dagegen verlautbart in ihrem Organ, daß sie für Hankiewicz eintreten wird. Nationale Schulen. Es fand jüngst eine Konferenz von Lehrern der Bukowina statt. Die Konferenz sprach sich für nationale Schulen aus: Ruthenische, rumänische, deutsch-arische und deutsch-jüdische. Die letzte Zweiteilung ist äußerst, amüsant. Es ist ein Rätsel, warum die jüdischen Lehrer nicht den Mut fanden, für jüdische Schulen schlechthin einzutreten. Denn warum sollen nur deutsche Schulen „arische" und „jüdische" Unterabteilungen besitzen, warum auch nicht ruthenisch-jüdische und rumänisch-semirische Lehranstalten gründen? Oder sind Ruthenen und Rumänen keine Arier? Vielmehr scheinen die jüdischen Konferenzteilnehmer schlechte Juden gewesen zu sein. Die ungarischen Chalukah-Juden In die Kreise der ungarischen Chalukahjuden scheint der Geist der Neuzeit seinen Einzug zu halten. In dem konservativsten Kolel der Chalukah geht es sehr lebhaft zu. Einerseits in Ungarn selbst Da verlangt man eine strengere Finanzkontrolle, und die Reibereien gehen so weit, daß unlängst die. Juden in Munkaaz mit der Sezession und der Gründung einer eigenen Chalukahorganisation drohten. Nun werden auch unter der ungarisch-jüdischen Jugend in Palästina selbst neue Strömungen bemerkbar. Sie sehnen sich nach Arbeit, nach ermüdeten Muskeln. In Ungarn wird eine Broschüre „Erwerbsverhältnisse im heiligen Lande" verbreitet, die von einer Organisation jüdischer Jünglinge aus Ungarn in Jerusalem unter dem Namen „Kehilath Jakob" veröffentlicht wurde. Die strebsamen jungen Leute beklagen ihren unwürdigen Zustand arbeitslosen Hinvegetierens und richten an die ungarischen Juden einen Appell, ihnen zur produktiven Arbeit zu verhelfen, vor allem zur landwirtschaftlichen Betätigung. An ihre reichen Brüder in Ungarn richten sie die Aufforderung, zu diesem Zwecke eine Aktiengesellschaft zu bilden. Wie immer die praktischen Ergebnisse dieser Aktion auch sein mögen, ein günstiges Zeichen der Zeit ist jedenfalls dieser Notschrei vom Müßiggang ermüdeter junger ungarischer Juden. Vielleicht findet er auch in Ungarn einen Widerhall. Rußland (Von unserem Korrespondenten) Zur gegenwärtigen Situation In der nächsten Zeit wird eine für die jüdische Bevölkerung Polens, deren ökonomische Lage sich in. der letzten Zeit infolge der Entstehung antisemitischer Konsumgenossenschaften bedeutend verschlimmert hat, sehr wichtige Frage gelöst. Im Jahre 1906 wurde das Gesetz über die Normierung der Sonntagsruhe erlassen. Im Geistedieses Gesetzes darf in den Ortschaften, welche von christlicher Bevölkerung bewohnt sind, am Sonntage kein Handel getrieben . werden. Bis zum gegenwärtigen Augenblicke was dieses Gesetz in Polen aufgeschoben; man konnte sich nicht entschließen, es durchzuführen, da damit den jüdischen Massen sicher Ruin gedroht hätte. Nach den gegenwärtig zirkulierenden Gerüchten beabsichtigt der Generalgouyerneur dieses Gesetz anzuwenden. Die Verwaltung der Warschauer jüdischen Gemeinde übergab , der Regierung ein Memorial in welchem sie auf die fatalen Wirkungen, welche -die Verhängung des jüdischen Handels am Sonntag mit sich bringen würde, hinwies. Die Gemeindeverwaltung sieht zwei Eventualitäten. Entweder wird die Bevölkerung bei ihrem - Glauben und ihren . kulturellen ^^^^^^>ä ^^ra^;.^;;^