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Die Welt · 1908-09-11 · 36 (11.9.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Frage nach ihrem Selbstwert, nach der Zukunft ihres Stammes, die Sehnsucht "nach dem endlichen Weg ins Freie. Für uns sind natürlich diese Jungen das Interessanteste an dem ganzen Werk. Schnitzler hat an ihnen eine Beobachtungsgabe und eine Tiefe der Charakteristik bewiesen, die ohnegleichen sind. Der junge Ehrenberg, der Prototyp des widerlichen Assimilanten, der sich den „andern" anbiedert um jeden Preis, ihnen nachäfft und sein Inneres prostituiert, der, um sich bei vorbeigehenden etlichen Freunden lieb Kind zu machen, vor der Kirche den Hut zieht und von dem entrüsteten gutjüdischen Vater dafür vor eben diesen Freunden geohrfeigt wird. Dr. Berthold Stauber, der begabte Arzt und Politiker, der sein Judentum so stark empfindet, daß er, weil darin beleidigt, sein Parlamentsmandat niederlegt und reinliche Scheidung zwischen sich und den Nichljuden macht; Heinrich Beermann, der genial veranlagte, übersensible, dekadentische Poet, der tief innerlich zerrissen ist, weil er das Land, in dem er lebt, übermächtig liebt und als Jude doch ein Fremder, Geächteter, Verkannter und Verketzerter darin ist weil er mächtig das Große und Starke am Judentum erkennt und doch an seine Renaissance nicht glauben kann; und endlich Therese Golowsky, die die Judenfrage mit dem erfüllten Sozialismus gelöst sieht, und ihr prächtiger heldenhafter Bruder Leo, der Typ der Gesundung unter ihnen allen, der sein Volk einer neuen Zukunft durch den Zionismus entgegengeführt weiß. Uns ist, als hätten wir mit ihnen allen gestern und heute erst gesprochen, sie sind uns vertraut, wie wir uns selber sind. Die größte Kunst steckt zweifellos in dem Heinrich Beermann: die dekadente Überspannung der jüdischen Intelligenz zu. sich überschlagender Spitzfindigkeit und Überschwang. Die typische Erkrankung an Judenschmerz, zugleich die Selbstauflösung des assimilatorischen Skeptizismus können nicht tiefer geschaut und vollendeter dargestellt werden. Dieser Typus wird historisch bleiben. Der Rahmen für die Judengeschichte ist ziemlich gewaltsam gefügt. Es dürfte im wahren Wien kaum vorkommen, daß ein arischer Freiherr, wie der „Held" des Reiches, ausschließlich in jüdischen Kreisen Verkehr sucht. Aber diese Tatsache ist durch das Künstlertum des Freiherrn, durch den wahrhaften Freisinn seines hochgebildeten verstorbenen Vaters sowie durch seine Jugendfreundschaft zu einem jüdischen Mädchen doch einigermaßen verständlich gemacht. Jedenfalls will es Schnitzler so, weil er eine doppelte Absicht verfolgt. Die jüdische Welt vorzuführen, genügt ihm nicht; er braucht die christliche neben und mitten in ihr, um beide sich klar gegeneinander spiegeln zu lassen, um zu zeigen, wie sie aufeinander reagieren, um die ganze brückenlose Kluft zwischen ihnen sichtbar werden zu lassen." Was die absolute innere Wahrheit des Ganzen erzeugt, das ist, daß wir auf Jjeiden Seiten mit wenig Ausnahmen hochstehende Menschen haben, sozusagen Reinkulturen ihrer spezifischen Wesenheiten, deren Gradlinigkeit nicht durch irreführende Bosheiten oder Verschrobenheiten verzerrt wird. Das sozialpsychologische Resultat, die innere Fremdheit der beiden Arten, ist also weder durch groben Antisemitismus auf der einen, noch durch abstoßende Widerlichkeiten auf der anderen bedingt. Der normale Christ und der normale Jude sind es, die das „neue Ghetto" machen. Mir ist kein Dichter der Moderne seit George Elliot bekannt, der das Neujudentum in seinen Individuen so bewußt, so prägnant und so gerecht, optima fide gerecht dargestellt hätte, wie Schnitzler. Er gibt den ganzen, den wirklichen Westjuden, nicht den aus dem Witzblatt, aus dem Versammlungslokal oder dem Gezerre der Presse; er gibt den Juden mit allen seinen Fehlern und Krankheiten, aber ebenso mit allem seinem Adel. Da ist der jüdische Emporgekommene, einmal ein biederer, einfacher Parvenü (wohl ein Novum in der Literatur), der prächtige Ehrenberg, und ihm gegenüber sein unheilbar versnobter Sprößling; da ist auch ihr Pendant: der heruntergekommene Krämertyp Golowsky und sein wundervoll auftretender grundedler Leo; da ist der gütige, tüchtige, alte, jüdische Arzt Dr. Stauber und sein Sohn^ der junge idealistische Politiker; da ist sie auch, die -ganze Kaste der jüdischen Künstler von der Feder und der Musik, von der Sphäre des Kaffeehauses aufwärts bis zu den Stufen. des Genialen. Und endlich .die Frauen, echt Schnitzlersche, echt jüdische Frauen: hausmütterliche," geborene Pflegerinnen, Salonfürstinnen mit mehr oder weniger Talmi in der Würde, sinnliche Flackerlichter, auch gespielt lüsterne „anständige Frauen", und die jungen Unfertigen, sich selbst und den Männern ungelöste Sphinxe, alle umhüllt von etwas undefinierbar Weichwelligem, absonderlich Offenem, zum Geben (bis zur Selbstaufopferung und der Prostituierung) Bereitem, das ihren Charme und ihre Gefahr bedeutet Schnitzler beweist wieder einmal, daß es nicht einen, den einen Judentypus gibt sondern deren ein ganzes Spektrum, natürlich mit durchgehenden Gleichheitslinien. Es ist kein Zweifel darüber möglich, daß Schnitzlers Symyathie den zionistischen „Weg ins Freie" begleitet. Die beiden wärmst gezeichneten Gestalfen des Buches, der alte Ehrenberg und Leo Golowsky, sind, dafür Zeugen. Von dem letzteren geht eine Kraft und Ruhe aus, die keiner der anderen jüdischen Typen atmet und die nur in dem schönen Gleichgewicht des christlichen Adligen ihren, immer doch noch weit tiefer liegenden, Gegenpol findet. Und doch bedeutet das Buch keinen Panegyrikus, keine Begründung der Predigt des Zionismus. In den wundervollen Diskussionen über die Judenfrage, die' sich zwischen Beermann und Golowsky abspielen, hat der Dichterdem Zweifler an der Zukunft und der ethichen Berechtigung des zionistischen Gedankens genau so starke subjektive Wahrheit gegeben als dem Gläubigen. Er hat über dem Ganzen schwebend, eben jenen ganzen furchtbaren Wirbel wiedergegeben, der die Wirklichkeit, eben unsere Wirklichkeit ist den ganzen Wirbel von Kämpfen in den Seelen drinnen und gegeneinander um die wahre mögliche Erlösung des Judenschicksals, über dessen Abnormität und Unmöglichkeit der Fortexistenz unter den gegenwärtigeu Bedingungen keine Täuschung mehr Bestand hat, den Wirbel, in den verständnislos oder kalt oder schaudernd, wie in einen brodelnden Hexenkessel, „die anderen" blicken,- um eben dadurch in ihrem Gefühl des Unbehagens gegenüber diesen problematischen Wesen noch verstärkt zu werden. Daß Schnitzler Zionist sei, geht aus dem Werke nicht hervor; aber untrüglich ist, daß er das Assimilantentum verwirft und verabscheut Ihm einen Vorwurf aus seiner „Halbheit" zu: machen oder sie zu bedauern, wie das jüngst ein zionistischer Beurteiler tat ist kleinlich und lächerlich. Schnitzler ist vor allem Künstler und bildet das Leben nach; als solcher muß er selbst hinter diesem Leben verschwinden, soll er es objektivieren. In seiner Objektivität ist er geradezu shakespearisch. Und sie findet ihren deutlichsten Ausdruck in einer über alles gebreiteten, hinter jeder Gestalt lächelnden, feinen, wahrhaft göttlichen Ironie; die nur eine unendliche Zartheit und Milde von der Heineschen unterscheidet und die vielleicht Schnitzlers feinstes jüdisches Erbe ist. Er, der Dichter, lebt in allen seinen Selbstgeschöpfen, aber er weiß mehr von ihnen, als sie alle von sich wissen; seine Erkenntnis greift über sie hinaus, sie alle umfassend, und wie Gott das Weltall, erkennt er über die Geschöpfe hinaus seine Selbstwelt sich. So enthalten alle seine Gestalten, Teile von ihm selber, und setzen die feinste und grandioseste Selbstbeichte zusammen die uns seit lange geschrieben worden ist Wen von uns hat es nicht schon tief geschmerzt daß aus der Mitte des Zionismus noch keine einzige bedeutende jüdische Dichtung erwachsen ist Aber die Tatsache ist verständlich, da uns, den Fertigen, Einseitigen, Parteiischen der ausgleichende Blick, die gerechte Objektivität notwendigerweise abgehen müssen. Arthur Schnitzler, der Outsider, der Unfertige, noch Uneingeschworene, konnte den „Weg ins Freie" schaffen. Und fast möchte ich wünschen — wie ketzerisch! —, daß er bleibe, was er ist und uns noch viele ähnliche Werke beschere. Die Ernte ist doch unser!. Israel Auerbach,

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