Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 36 DIEÄELT FEUILLETON DER WEG INS FREIE*) Über die deutsche Presse, die den „Fortschritt" repräsentiert, zuweilen auch - kompromittiert ist wie ein Verhängnis ein ihr sehr unbequemes Buch gekommen. Sie wird dafür bezahlt, daß sie tagtäglich das Problem der Judenfrage mit immer tieferen Schleiern verhängt und, wenn sie schon von ihm sprechen muß, es als verstorben behandelt, — und nun kommt plötzlich eine unerwartete, verwünschte Hand, die mit einem Ruck die Verhüllung herabreißt und zeigt, daß der Tote wandelt! Das Allerärgste an der Sache aber ist, daß diese Hand einem ihrer Eigensten, ihrer Lieblinge, Jhrer Renommierbeispiele von ehedem gehört. Wie schön war es nicht, an der und jener Koryphäe der literarischen Moderne bewundern zu lassen, wie sehr der Jude von heute im Deutschtum „aufgegangen", wie alle Fasern seines Wesens im Boden dieser Kultur wurzelten, Kräfte aus ihm sogen und Wunderblüten an sie zurückgaben. Daß ungläubige germanische Rassefanatiker sich zuweilen energisch für diese Blüten mit ihren „fremden" Düften bedankten und die deutsche Kultur in Gefahr sahen, von ihnen „vergiftet" zu werden, genierte die vom unentwegten Fortschritt nicht: die Bartelsianer nahm man nicht ernst Wie aber? Nun kommt er, eines der Schoßkinder des Assimilationsprotzentums selber, der Berühmtesten einer, der bislang hinter seinem deutschen Schaffen den geborenen Juden so schön hatte vergessen machen, wahrhaftig er, Arthur Schnitzler, selber, und „gibt den Antisemiten recht?" Ja, dann wanken doch aber alle Stützen? Auf wen ist denn da noch' Verlaß! Das ist ja Verrat im eigenen Lager! Wer bürgt denn, nun noch dafür, daß nicht aus ihrer eigenen Mitte heraus bald der und jener aufsteht und die ganze freisinnige Presse — bloßstellt? Ein Gefühl des Unbehagens überfiel diese Presse, ähnlich dem, das die Engländer packte, als das Riesenluftschiff des deutschen Grafen vom Bodensee die Herrschaft in den Höhen eroberte. Auch hier grossierte die — Invasionsfurcht Wien ist nun einmal eine Unglücksstadt für den judenchristlichen Freisinn! Nach Herzl—Schnitzler. Es gibt nur ein Mittel dagegen, wie damals: totschweigen: oder wenn schon darüber .gesprochen werden muß, dann kurz abtun. Und so durften wir denn die Komödie erleben, daß dieselbe Presse, die jede erotische oder salongesellschäftliche Spielerei des Wiener Einakter-Dramatikers als kulturelle Neutat gefeiert hatte, den ersten großen Roman dieses Schriftstellers, zugleich ein. Zeitdökument allerersten Ranges, kurzerhand unter den Tisch fallen ließ. Berühmtheit schützt vor — Schneider nicht -Diesmal werden wohl wir Zionisten die einzigen sein, die diesem Werke eines jüdischen Dichters deutscher Zunge Gerechtigkeit widerf ahren lassen. Wir werden den Vorwurf der Voreingenommenheit für das Büch, das man beinahe ein zionistisches nennen könnte, von vornherein energisch zurückweisen. Wir haben uns immer gehütet, eine Parteisache mit einer Kunstsache zu verquicken; und Bücher, wie das von Lothar Brieger-Wasservogel, das tadellos •.programmatisch zionistisch ist, haben wir darum doch mit wohlverdienter Nichtachtung behandelt Oder gar Machwerke wie das jüngste von Münz werden wir allezeit reinlich von unseren Rockschößen schütteln. Hier muß aber der Wahrheit gemäß die Feststellung getroffen werden, daß Schnitzlers „Weg ins Freie", trotzdem es eine gutjüdische Tat ist, doch literarisch gleichwohl ein Ereignis bleibt . Unser Scholem Aleichem hat eine Geschichte, die er als *) Roman von Arthur Sctfnitzler. S. Fischers Verlag, Berlin 1908. „Roman ohne Roman" bezeichnet. Schnitzlers Geschichte ist das nicht; aber ich muß sagen, daß ich fest überzeugt bin, daß er zuerst vorhatte, eine solche zu schreiben. Das Wesentliche an dem Buch, worin der Wille und die Kraft des Dichters sich vor allem" manifestierte, ist seine Judenfabel; der „Roman" hat im Grunde nichts mit ihr zu tun. Er ist hinzugekommen aus kunsttechnischen Gründen, damit kein Parteibuch, sondern eine Dichtung entstünde. Vielleicht aber auch, weil der Mut des Dichters (und es gehört wirklich ein Heldenmut für einen Mann wie Schnitzler dazu, so frei über jüdische Dinge zu schreiben und so fest das jüdische Panier zu ergreifen) mitten auf dem Wege wankend wurde. Ich glaube, hier ist ein Kompromiß geworden: Schnitzler gab sich und der Wahrheit, was ihm -am Herzen lag, aber er gab auch der hungrigen — Literatenwelt ein Stück des alten Schnitzler dazu. Aber Kompromisse rächen sich immer; und so ist hier über der krassen Doppelheit von Judenfrage und Liebe, die nur so ineinander geheftet sind, die Einheitlicheit, die das Kunstwerk macht zerbrochen worden. Um die Liebesgeschichte in dem Buche mag sich kümmern, wer will; sie ist eine wie alle dieses Dichters, weich, ohne tragische Kanten, ohne lauten Uberschwang, schlicht, tief, verträumt, schicksalsstreng, aus nichts als den Seelen allein herausgezwungen, ohne die groben Vermittlerhände äußerer Umstände. Hier ist es ein junger Freiherr, Künstler zugleich, der ein Mädchen aus dem arbeitenden Mittelstande an sich zieht und verläßt. Sie hätte für uns hier nur dann Bedeutung, wenn wir imstande wären, etwa das typisch Arische an diesen Charakteren als das eigentlich Wirksame an just dieser Art eines Verhältnisses zwischen Mann und Weib festzustellen. So weit sind wir nicht, und es wäre töricht, gewisse Einfälle und haschende Vermutungen als Theorien oder gar als Wahrheiten auszugeben. Was uns fesselt, ist die Judensache, um derentwillen „der Weg ins Freie" geschrieben ist und seinen bedeutungsvollen Namen gewann. Es gibt keinen intelligenten Juden, so sagt uns Schnitzler, der ihn nicht suchte, diesen Weg ins Freie. Denn alle, alle fühlen sich in der Enge, in der Fremde, im Gefängnis, in Feindesland, alle zwischen unsichtbaren Mauern. Schnitzler zeigt sie uns alle; er führt uns durch die ganze Oberschicht der Wiener Judenheit und zieht aus allen ihre tiefe Unruhe, ihre Unsicherheit, ihre Seelenkämpfe, ihr Flügelschlagen, all ihren Drang ins Freie ans Tageslicht. Er tut damit genau das gleiche, was Herzl tat: er beweist die Existenz des „neuen Ghetto", das noch genug wollend Blinde verbissen leugnen. Man empfindet unter diesen Blinden, daß nach einer solchen Darstellung voll leuchtender Kunst und Wahrheit .das Leugnen ein Ende nehmen muß: daher der Widerstand. Unter allen diesen Juden wird dem arischen jungen Kavalier ein besonderes Erlebnis: kein einziger von ihnen lebt seines Judentums naiv unbewußt, fest wie er in seiner Art beruhend, dahin; sie empfinden sich zu viel, immerfort, schmerzhaft; entweder, so bemerkt er, schämen sie sich, daß sie Juden sind, oder sie kehren's ostentativ heraus. Und gerade damit irritieren sie selbst den vorurteilslosesten Christen, der „es ihnen ja gar nicht übelnimmt, . daß sie existieren". Sie sind unbegreiflich empfindlich, und dadurch wird's ihre Gegenwart. So entsteht eine innere Isolierung, die die äußere hervorruft und von ihr immer wieder erzeugt wird, — ein unendlicher Fehlkreis. Jene alten Juden, die noch an den unaufhaltsamen Fortschritt glauben, scheinen ihm noch die gesundesten; in den jungen aber, da '"gart und jglüht, . reißt "und zerfleischt' die ■^^S^^^^i^MM iä^^^x^s^C^s^ia