Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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haben. Die Weisen desTalmud, als sie dem Volke die Weisheit Gottes kündeten, konnten sich von Sprachformen nicht einschränken lassen, sie gebrauchten vieles von den Sprachen der andern Völker. So entwickelte sich allmählich die angenommene Sprache; aber bei der Entwicklung der Sprache läßt sich keine Grenze ziehen, denn . die alte lebt sich in die angenommene hinein und bringt auch viele Begriffe in die neue Sprache hinein. So brachten die Juden in die neue Sprache ihre religiösen Begriffe, und dieser Umstand bewirkte, daß auch die neue Sprache allmählich „geheiligt" wurde, und in ihr Gebete ebenso wie in def alten hebräischen verrichtet wurden. Es bildetesich der Unterschied zwischen „Beten" "in jüdischer Sprache und „Dawnen" in hebräischer aus. Bei diesen, welche bloß „dawneten* und nicht beteten, wie die Hälfte des jüdischen Volkes, die jüdischen Frauen, würde die hebräische Form zum Talisman. Als die große jüdische Nationalbewegung entstand, machte sich bei diesen, die das Hebräische vergessen haben, das Bedürfnis bemerkbar, die alten Kulturgüter kennen zu lernen. Insbesondere aber soll in den breiten Massen das Verständnis für die Bibel, weiche noch heute die Grundlage unserer ganzen Kultur - bildet, verbreitet werden. Die Bibel und die Legenden des Talmud müssen ins Jüdische übertragen Werden, damit sich das Volk än ihnenJaben könnte. Für diese, welche der hebräischen Sprache nicht mächtig" sind, — und diese machen den größten" Teil des jüdischen Volkes aus", — muß man die alten Kulturgüter wieder zugänglich machen. Dies kann aber tfur in der vom größten Teil des jüdischen Volkes verständlichen Sprache, dem Jüdischen, geschehen. Äri dieses Referat, das mit großem Beifall aufgenommen wurde, knüpfte sich eine lebhafte, mitunter auch stürmische Debatte. An der Diskussion nahmen Anteil: Perez, Mises (Przemysi), Pry'lucky, Eiseristädt (Bern), Naumberg, Esther, Weinreb, Wechsler, Silber Und Schitlowsky. Alle Redner, ohne Unterschied ihrer Anschauungen und Parteiangehörigkeit, traten für die Übersetzung der Bibel und anderer jüdischer Kulturgüter ins Jüdische ein. jDie „Jargonisten" betonten aber, daß es sich ihnen bei der Übertragung hebräischer Werke in erster Reihe darum handle, endgültig mit" der hebräischen Sprache und Literatur zu brechen. Gleichzeitig begreifen sie aber, daß das jüdische Volk nicht so leicht seiner alten Kultur und insbesondere seinen religiösen Denkmälern entsagen wird, und betrachten es 'daher als ihre erste Aufgabe, ürisern ganzen kulturellen und religiösen Besitzstand, insofern er in hebräischen Werken ausgedrückt ist, — in die jüdische Sprache zu übersetzen. Eine andere Gruppe setzt sich für die Frage der Übersetzung der Bibel ins Jüdische nur aus dem Grunde ein, weil sie den breiten Volksmassen, die angeblich im Originaltext die Bibel und den Talmud nicht lesen können, doch die Bibel zugänglich macht und zugleich auch in dieser Übersetzung eine Entwicklung der jüdischen Sprache sieht. Diese Gruppe, welcher unter andern Perez", Naumberg und in erster Reihe die zionistischen. Teilnehmer angehören, wollte auch ausdrücklich betont sehen, daß diese Übersetzung ihre Spitze nicht gegen die hebräisch e Sprache und ihre Lebenskraft richtet. Die sozialistischen (bundistischen) Teilnehmer verlangten wieder, es möge festgestellt werden, daß man die Bibel als allgemeines Kulturgut ins Jüdische übertragen will und daß auch andere, nichtjüdische Kulturwerke in Betracht gezogen werden sollen. ■ Die Debatte drehte sich zuletzt um die Frage: Ist die Übersetzung der Bibel für den jüdischen Geist oder nur die jüdische Sprache notwendig? Schließlich wurde aber eine Resolution angenommen, daß diese Übersetzung für den jüdischen Geist-sowie für die jüdische Sprache notwendig sei. Zugleich wurde, der Beschluß gefaßt, sämtliche Resolutionen behufs Ausarbeitung einer einheitlichen Form einer hierzu gewählten Kommission zu übergeben. , In der Nachmittagssitzung wurde das einleitende Referat über Organisationsfragen gehalten. Im Namen des vorbereitenden "Komitees legte J. L. Perez der Konferenz einen Organisationsentwurf vor. Nach einer kurzen Begründung las Perez das Statut der zu gründenden Organisation vor. Die Organisation soll aus Juden bestehen, welche die Entwicklung der jüdischen Spräche fördern sollen. Die Sprachkönferenz, .die aus Delegierten bestehen soll, welche 100 Organisationsmitglieder wählen werden, wird ein Bureau mit dem Sitze in Czefnöwitz einrichten. Die Organisation wird durch das Bureau und die Konferenz „für die Anerkennung .der Rechte der jüdischen Sprache", für die Entwicklung der Sprache, des Verlagswesens, des jüdischen Theaters usw. eintreten. In der Generaldebatte, die sich nun entwickelte, sprachen mehrere Redner, welche sich meistenteils mit übrigens unbedeutenden Bestimmungen dieses Statuts befaßten. Prinzipiell trat nur Frl. Esther gegen Perez' Organisationsentwurf auf, indem sie darauf hinwies, daß die geplante Organisation schon aus dem Grande "undurchführbar sei, weil sie alle Klassen des jüdischen Volkes umfassen will, was ihre Meinung nach unmöglich sei. Der Poalezionist Kasriel verteidigte den Organisationsentwurf und polemisierte scharf mit Frl. Esther, welche „hier ihre bundistischen Grundsätze in bezug auf das Judentum geltend machen wolle". Während dieser Debatte kam es auch zu einem aufgeregten Auftritte, als Gg. Häusler gegen das Organisationsstatut eine Rede hielt, in welcher er gegen die Anerkennung des Jargons als Nationalsprache und gegen ein jüdisches Schulwesen heftig auftrat. Es entstand ein fürchterliches Gepolter, und nur dank der Energie des Dr. Schitlowsky gelang es, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. Häusler konnte noch ruhig endigen, daß .er zwar ein Anhänger der jüdischen Sprache sei, daß er sie aber als Nationalsprache nicht betrachten kann. Die Fortsetzung der Debatte, welche bis abends dauerte, wurde für die weiteren Nachmittage anberaumt. _ {Schluß folgt) Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Die Konterrevolution Wenn man die Nachrichten der europäischen Presse über die Ereignisse in der Türkei verfolgt, traut man seinen eignen Augen nicht. Viele Journalisten betrachten es als ihre Aufgabe, jedes. Gerücht zu registrieren und in die Welt hinauszuschicken, ohne es auf seine Wahrheit zu prüfen. Ibrahim Pascha terrorisiert im Erzerunschen Vilajet mit seinen Kurden die konstitutionelle Bevölkerung, der Gouverneur von Hedjas, der Emir von Mekka lehnen sich gegen die neue Ordnung der Dinge auf, und in Mazedonien können Bulgaren und Griechen nicht zur Ruhe kommen. Geflissentlich wird in der Presse eine Proklamation der Jungtürken veröffentlicht, die sich angeblich gegen die Fremden richte; man ging sogar so weit, zu behaupten, daß ein Massaker der Fremden vorbereitet und auf den Sultan in seinem Palais ein Attentat verübt worden sei. So wird aus viel Dichtung und wenig Wahrheit die türkische Konterrevolution geschaffen. Die freie Ära der öttomanischen Verfassung, der ruhige Lauf der Entwicklung hören schon bald auf sensationsfähig zu sein, und es treten jetzt Interessenkreise in die Erscheinung, die der Aufmerksamkeit des Publikums bedürfen. Man kann die Quelle nicht verkennen, aus der die alarmierenden Nachrichten in die Welt hinausposaunt werden. Bei der Abwicklung der Geschäfte der alten Regierung mußte so mancher Kontrakt, durch den der Staat aufs betrügerischste geschädigt wurde, annulliert, so manche Konzession hintangesetzt und manche Subvention der ausländischen Presse entzogen werden. Die Reaktionäre und Chauvinisten, Unterdrücker anderer Nationalitäten im eignen Lande, Exploitatoren fremder schwächerer Völker haben plötzlich im Programm des Ministeriums den frommen Wunsch bemerkt, die für die Osmanen erniedrigende Kapitulation abgeschafft zu sehen. Diese kurzsichtigen Raubritter, die im geklärten osmanischen Wasser nicht mehr fischen können, mußten das erworbene Vertrauen' der erneuten Türkei schmälern, seinen im Werden begriffenen Kredit stören, und sie erfanden die Kontrerevolution. Die junge Regierung wird aber auch dieses Hindernis überschreiten, ungehindert führt sie das Volk der Freiheit zu. Die Ulemas und Softas erklären dem Volke in den Moscheen das Wesen der Konstitution; der vielgeschmähte verfassungsfeindliche. Koran wird von diesen Geistlichen als Verfassungsurkunde proklamiert, der Herrscher muß nach dem Cherigesetz sich mit dem Volke beraten, und sie schwören Treue der Konstitution. Merkwürdig muß auch eine Konterrevolution aussehen, die nicht die verschiedenen Völkerschaften gegeneinander hetzt. Anläßlich eines Artikels des liberalen Organs „FeTzi Churiet" über die Kurden sandte die Regierung eine offizielle Mitteilung an die türkischen Zeitungen, in der sie dem erwähnten Organ einen Tadel ausspricht über seine intolerante Haltung einer andern Rasse gegenüber. Der persischen Regierung hat die Hohe Pforte erklärt, sie werde den politischen Flüchtlingen aus Persien die Grenze nicht schließen. Wir sind nahe dabei, die Passeporte und Tezkeres, die absolut keine Kontrolle und Sicherheit bieten, abgeschafft zu sehen; mif. Recht bemerkt die türkische Presse, daß der infolge dieser Maßregel~gesteigerre Verkehr dem Staate den Ausfall an Visumgeldern in viel höherem Maße ersetzen, viele unnütze Beamte überflüssig machen und ein weiterer Schritt zur Freiheit werden wird. Wer in Könstantino'pel vor dem 24. Juli gelebt hat, erkennt die Menschen, sich selbst nicht mehr. Gewiß, man kann schöne Boulevards, gerade Straßen, moderne Stadtviertel nicht in sechs Wochen anlegen, — dies" hatten ja auch viele Antizionisten an Palästina auszusetzen,— aber der Initiative und dem wirklichen Können sind heute im ottomanischen Reiche neue Wege eröffnet. Europa braucht keine . Konterrevolution zu befürchten; die schwarzen Enten von Massakers 2*