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Die Welt · 1908-09-11 · 36 (11.9.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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welcher Weise diese Integrität zu beeinträchtigen. Die Juden können der Türkei nicht die Lösung der nationalgewordenen Judenfrage aufdrängen, doch können sie Palästina neu heieben und als palästinensische Juden für ilrre Selbstverwaltung arbeiten. Wer in Palästina kulturell vorherrschend sein wird, dem wird Palästina als Nationalität angehören. Der Zionismus wird sich vielleicht also in der Richtung einer kulturellen Volksbewegung entwickeln, die im Interesse der Türkei und der jüdischen Zukunft die jüdische Großkolonisation auf nationaler Basis in Palästina betreiben und dazu das Postulat der Integrität der Türkei als neue „Monroe"-Lehre aufstellen wird. Sollte alles gut gehen, so wird vielleicht die Zeit eintreten, daß die Grundlagen unserer Organisation sich in der Türkei (Konstantinopel, Palästina) befinden werden. In der Diaspora kann nichts vollkommen Jüdisches sein. Wir brauchen uns darum durchaus nicht zu wundern. Wir Juden der Diaspora können gute Juden sein, wir sind außerstande, nur Juden zu sein. Und Palästina als nationales Land kann nur den Juden gehören, die gute türkische Untertanen und Landesangehörige sind. Die Gründung der Anglo Levantine Banking Company hat uns den Übertritt ermöglicht. Wenn wir aber, wir Juden, eine Zukunft als Nationalität in der Türkei haben wollen, dann muß die jüdische Einwohnerschaft Palästinas von türkischer Staatsangehörigkeit ihre nationale Zukunft in jüdisch-kultureller Hinsicht verdienen. Eine auswärtige Zentrale wird vielleicht diese Zwecke fördern, sie wird aber nicht imstande sein, sie allein zu verfolgen. Auch hier kann sich die Parteistellung wesentlich ändern: die palästinensische Judenschaft entwickelt sich als eine der Türkei angehörige Nationalität in kultureller und politischer Hinsicht zu einer selbstverwaltenden jüdischen Provinz mit der Unterstützung der Juden der Diaspora. Man wird mir vielleicht entgegenhalten, daß ich den dauernden Erfolg der neutürkischen Bewegung und die Lösung der Nationalitätenfrage in einem für die Selbstverwaltung günstigen Sinne zu sicher vorausgesetzt habe. Meine Antwort auf diesen Einwand ist, daß die Zukunft in mehr oder wenigen Jahren oder Dezennien eine Lösung m dem Sinne notwendig bringen muß. Auch kann eine unverhoffte Wendung diese Entwicklung für einige Zeit verschieben; dann muß der Zionismus tun, was er bis jetzt getan: das jüdische Volk vorbearbeiten und das Land kultivieren. Und selbst, wenn man behaupten würde, daß die entscheidende Lösung der jüdischen nationalen Frage ohne die Lösung der Nationalitätenfrage anderer türkischer Nationalitäten erfolgen könne, auch in diesem Falle würde nichts an unserm Problem geändert sein. Ein jüdisch-nationales Zentrum in Palästina ist immer nur im jüdischen Palästina zu errichten. Die Arbeit der Juden der Diaspora kann also nur eine vermittelnde sein. Die ganze Judenschaft soll uns die Mittel verschaffen, um Palästina in jüdisch-kultureller und ökonomischer Hinsicht zu beleben. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Mittel zu suchen, die die Judenschaft zu diesem Zwecke ergreifen soll. Wir denken an die Mitwirkung der jüdischen Großkapitalisten; die Erwägung der sonstigen Mittel sei unserer Leitung völlig überlassen. Aber nicht nur unser Programm und unsere Organisation haben den Einfluß der neuen Epoche vorauszusehen, auch die Gestaltung der Parteien innerhalb der Bewegung muß ganz andere Wege einschlagen. D) Innerhalb der Bewegung Aus dem Vorausgesetzten folgt schon, daß die Aufgabe unserer Demokraten eine ganz andere sein wird als bis jetzt. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Türkei ein Agrikulturstaat ist und in agrikultureller Hinsicht sich zu einer höhern wirtschaftlichen Stufe erheben muß. Das Kapital muß die Türkei zu neuem Leben erwecken, und — das ist der Vorteil der Erfahrung, ein Exempel, das wir in Australien sehen — das Kapital wird die Erfahrungen seiner bisherigen Entwicklungsperiode verwerten können. Die Anomalien, die die sich entwickelnde kapitalistische Periode für die Arbeiterschaft mitgebracht hat, werden womöglich vermieden werden. Man braucht nicht die Fehler vergangener Perioden zu wiederholen. Dabei sind die Juden überhaupt ein demokratisches Volk mit überlieferter demokratischer Gesetzgebung. Schon bei früheren Kongressen hat es sich gezeigt, daß die Zionisten jedweder politischen Gesinnung für den Erwerb des Landes in demokratischem Sinne eintreten; ein schrofferKapitalismusundfermentierender Anti-Kapitalismus dürfen sich bei uns also nicht entwickeln. Und dabei soll man nie vergessen, daß erst die politische Freiheit geschafft werden muß, denn diese schafft die Bedingungen für die wirtschaftliche Freiheit. Nur in politisch reifen Ländern ist eine freie Demokratie anzutreffen. Unsere Poale Zion werden darum in unserer Mitte kein fermentierendes Element bilden. . Ihre Aufgabe wird politisch eine kontrollierende sein und anderseits, wie auch jetzt schon in politischen Kreisen verstanden wird, sich mit der kulturellen und ökonomischen Belebung Palästinas befassen. . , . Und die zum Territorialismus hinneigenden Gesinnungsgenossen werden zu erkennen haben, daß die Lösung der Nationalitätenfrage in der Türkei den Untergang des Itoismus bedeutet oder . . . eine nicht zu verteidigende Zersplitterung und somit Vergeudung einer ungeheuren Summe von jüdischer Energie, Arbeit und Kapital. Denn sobald die Nationalitätenfrage sich in der Richtung einer Anerkennung aller Nationalitäten bewegen wird, — und die Türkei ist jetzt in einer solchen Entwicklung begriffen, — in diesem Moment haben wir schon eine bestimmte Selbstverwaltung, und sind wir berechtigt, uns diese Selbstverwaltung mittels eigener Arbeit zu erobern. Das Territorium, ein jüdisches, ist dann schon geschaffen und braucht nicht in Marokko oder sonstwo ausfindig gemacht" zu werden. — Palästina ist ein ebenso gutes Territorium (wenn nicht ein besseres) als jedwedes andere. Es wird'unsern Zione-Zionisten ernstlich anempfohlen werden, die Brücke zu errichten, auf der unsere rtoistischen Brüder in unser Lager herüberkommen können. Selbstverständlich können wir keine Silbe unseres Programms fallen lassen, und das wird auch nicht nötig sein. Aber die Einheit der jüdischen Bestrebungen ist die notwendige Vorbedingung für unsere Zukunft. An uns wird die Schuld liegen, wenn dieser historische Moment verpaßt werden sollte. Ein gemeinsames Zusammenwirken aller jüdischen Energie kann jetzt vielleicht schon die Bedingungen schaffen zu einer endgültigen ewigen Lösung der Judenfrage. Dr. Isidore Hen Jüdische Sprachkonferenz (Von unserm Spezialberichterstatter) Zweiter Verhandlungstag Der zweite Verhandlungstag (Montag) begann mit einem Referate des Dichters Schalom Asch über die „Übertragung jüdischer Kulturgüter des Altertums in die jüdische Sprache". Mit stürmischem Beifall begrüßt, betritt Asch die Tribüne. Er behandelt sein Referat von zwei Gesichtspunkten aus. Die Kulturgüter der jüdischen Nation — führt der Referent aus — sind jetzt in einer gewissen Form und Sprache versteinert worden. Wichtig für die Übertragung jüdischer Kulturgüter in die jüdische Sprache ist ferner die Frage, ob die jüdische Sprache schon den jüdischen Boden hat, die kulturellen Güter des Altertums aufzunehmen. Was die erste Tatsache betrifft, behauptet der Referent, daß im Gegensatz zur Jetztzeit der jüdische Geist im Altertum nie eine Sprache kultiviert hat. Die Form war bloß etwas Nebensächliches. Die hervorragendsten Männer des alten Judentums, ja sogar die Führer des Chassidismus, wirkten mehr mit ihrem Geist, ihrer Persönlichkeit, als mit der Form, der Sprache. Und darauf läßt sich die Tatsache zurückführen, daß dieseMänner nichts oder bloß sehrwenigGeschriebeneszurückgelassen

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