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Die Welt · 1908-09-11 · 36 (11.9.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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^! irr '^^f^Wf^^J^^' -^7"^ 7»r^^yf ^ÖK?»^**^' ■^SC--^ss«'-V?«*JV * No. 36 i DIE] Wir jungen -Juden, die wir die Zukunft unseres national gearteten Volkstums in einem organischen Zusammenhange mit der neuen ottomanischen Ära wissen, sind jetzt Zeugen merkwürdiger Ereignisse, die für uns von einer unermeßlichen Tragweite sind. Von der Oberzeugung durchdrungen, daß unsere nationale Wiedergeburt in unserm heißgeliebten Palästina stattfinden muß, drängen sich an uns jetzt neue Fragen heran: Wie sollen wir uns zu den neuen Ereignissen stellen? Und müssen wir nicht unsere Taktik, unsere Politik, ja auch unsere Prinzipien ändern? Es ist'nicht mein Zweck, die politische Frage der Türkei eingehend zu erörtern, doch halte ich es für angebracht, meine Gg. anzuregen, über die Frage ernstlich nachzudenken. Der Umstand, daß ich in der Organisation keine hervorragende Stelle einnehme, wird vielleicht einer unparteiischen "Behandlung dieses Stoffes zugute kommen. * Zunächst möchte ich darauf hinweisen, daß die Neugestaltung der innern türkischen Politik kein zufälliges Ereignis, sondern ein wesentliches Resultat vorangegangener langanhaltender Arbeit und Entwicklung ist. Es ist hier nicht am Platze, die Frage zu beantworten, welche etwaigen Änderungen die politische Revolution in der Türkei bringen wird oder bringen kann; hier wird die einzige ■Tatsache genügen, daß die Neugestaltung der Türkei mit der Frage der Nationalitäten eng verknüpft ist. Denn die neue Revolution ist nicht so sehr eine politische als eine nationale. Und alle Arbeit der Jungtürken würde ihren Zweck gänzlich verfehlen, wenn in ihrem Programm oder in ihrer Politik für die freie Entwicklung aller Nationalitäten kein Raum vorhanden wäre. Und dies erhellt um so deutlicher, als der Abfall einiger Nationalitäten für die Türkei einen bedeutenden moralischen, politischen und ökonomischen Schaden hervorgebracht hat. Das neue ottomanische Reich kann sich nur mittels Zusammenarbeit all seiner Nationen zu neuer Blüte emporschwingen. Und diese Lösung der nationalen Frage ist es, die für uns Zionisten die weitesten Aussichten öffnet, denn sie bedeutet für den Zionismus den Gewinn eines der Hauptpunkte seines Programms und steckt dem Zionismus anderseits neue Ziele auf. Unser Baseler Programm erstrebt als Endziel des Zionismus die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und bezweckt also eine nationale Selbstverwaltung in Palästina von staatsrechtlichem Charakter. Der Terminus „öffentlich-rechtlich" ist bekanntlich ein „modus vivendi", der eigentlich den Sinn hat anzudeuten, daß dem jüdischem Volke ein Recht auf Selbstverwaltung gewährt werde, und der nicht mit „jure publico" zu übersetzen ist Denn in der juristischen Terminologie bedeutet „jus publicum" den Gegensatz zu „jus|privatum" und ist indem öffentlichen Recht auch das administrative Recht und das Kriminal- und Prozeßrecht mit einverstanden. Mit unserem Programm ist gemeint,, daß im Staatenleben unsere Selbstverwaltung als etwas Rechtliches anerkannt werden soll. Dazu sollte das Postulat des Charters dienen. Man interpretierte immer unser Programm in diesem Sinne, daß der Zionismus die Garantie der Großmächte für die Etablierung des jüdischen Volkes in Palästina einzuholen habe. Diese Garantie der Großmächte war bis jetzt ein Eckstein des politisch-zionistischen Gebäudes. Eine selbständige, autonome, neue Türkei konnte damals nicht in Betracht kommen. Die Großkolonisation Palästinas sollte nicht von irgendwelcher politischen Person oder Fraktion in der Türkei abhängig sein und nicht mit Bakschisch erkauft werden. Die Juden sollten nicht der Gefahr ausgesetzt werden, aus ihrem einst erworbenen Lande wieder ausgewiesen zu werden. Die Garantie der Großmächte sollte unser rechtlicher, unser Rechtstitel auf das neuzubelebende Erez-Israel werden. Dieser Punkt unseres Programms wird möglicherweise - in einer anderen Form von selbst in Erfüllung gehen. Es kommt.jetzt weniger darauf an, zu betonen, daß die jüdische KELT ' 5 Selbstverwaltung von Palästina ein Vorteil sei für die europäischen Großmächte, als darauf hinzuweisen, daß die Schaffung eines jüdischen Palästina unter-türkischer Oberverwaltungen! Interesse der Türkei sei. Zwar haben unsere Wortführer diesen Umstand seit jeher betont, allein jetzt muß dies mit noch größerem Nachdruck geschehen. Laut der ersten, früheren Vorstellung würde das jüdische Volk unter dem Schutz eines europäischen „Konzerts" bei der Türkei um ein selbstzuverwaltendes Land anhalten, — jetzt aber, wo die Nationalitätenfrage wahrscheinlich in einem für den Zionismus günstigen Sinne gelöst werden wird (oder in solchem Sinne, daß es von der jüdischen Kraft abhängt, wann das jüdische Volk von den neuen Verhältnissen profitieren wird), ist die Parteistellung die nachfolgende: Das jüdische Volk als eine dem Türkischen Reiche angehörende Nationalität wünscht auf seinem nationalen Boden, Palästina, eine bestimmte nationale Selbstverwaltung, und die Großmächte würden nur dann sich unseren Zielen widersetzen, wenn das mit ihrerr Interessen unvereinbar wäre, — wie es in einem Leitartikel der „Welt" bereits angeführt worden ist —. Die Zustimmung der Großmächte ist also keine primäre Voraussetzung unseres Programms, sie war nur eine temporäre Bedingung. Wir brauchen also nicht alle Großmächte in Bewegung zu setzen, "sondern haben nur die ruhige Erweiterung der türkischen Neugestaltung'mit Interesse zu verfolgen. Die Zustimmung der Großmächte wird auf jeden Fall nicht nur ein Moment für die nationale Selbstverwaltung einer jüdischen Provinz der Türkei, sondern ein allgemeines Moment für die Selbstverwaltung aller nationalen Provinzen sein. So ist die Zukunft des jüdischen Volkes eng verknüpft mit der aller ottomanischen Nationalitäten, auch soll der Zionismus statt der Garantie der Großmächte als primäres Postulat erfordern: eine einheitliche, unabhängigeTürkei mitselbstverwaltenden Provinzen. - ■ B) Zionisten und Jung-Türkei . Unsere Stellung der türkischen Neugestaltung gegenüber kann nur aufrichtige Freundschaft sein. Wir organisierten Zionisten dürfen nie vergessen, daß ein Volk der Schmied seines eignen Glückes ist Bis jetzt hat Palästina keine numerische jüdische Einwohner- Mehrheit und keine vorherrschende jüdische Kultur. Jetzt mehr denn je müssen wir die Lotterwirtschaft früherer jüdischer Institutionen und Generationen bedauern, daß wir nicht imstande sind, an der Gründung unsres eigenen Heims mitzuarbeiten. Zu ändern -Ist die Tatsache nicht, daß die Zionisten bis jetzt das Recht nicht haben, an der neuen türkischen Verfassung und Politik wesentlich und bedeutend mitzuarbeiten. Wir stehen bis jetzt außerhalb der Türkei, obgleich wir dieselben Interessen zu verfolgen haben: ein unabhängiges, finanziell und ökonomisch restauriertes ottomanisches Gesamtreich. In diesem Sinne, 'also außerhalb jeder politischen Strömung und Partei, können und dürfen wir nichtsdestoweniger Ersprießliches für die Neubelebung des ottomanischen Reiches leisten. Die . Zionisten können die Arbeit jüdischer Kreise der Diaspora auf die Türkei lenken und als Vermittler auftreten, damit die Zukunft der Türkei sich kulturell und industriell tüchtig entwickele. Die Arbeit für den industriellen Fortschritt der Türkei ist zugleich eine Arbeit für die Zukunft des jüdischen.Volkslandes. C) Unsere Organisation Der Zionismus war bis jetzt eine politische und kulturelle Volksbewegung. Dieser Charakter wird sich vielleicht mit der Zeit ändern. Nicht in dem Sinne, daß das jüdische Volk andere Endziele habe. Ich will nur sagen, daß der Zionismus, statt einer auswärtigen politischen Bewegung sich vielleicht zu einer . Bewegung der inneren Politik in der Türkei entwickeln wird. Wenn wir — wie wir schon vorausgesetzt haben — die Integrität der Türkei anstreben, ist es uns auch unerlaubt in irgend- 2*

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