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Die Welt · 1908-09-11 · 36 (11.9.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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f^^^^^^^^^^^^^^^^^^l : DIE aS&ELT schritt nicht vieles auch für uns, vorausgesetzte daß wir richtig arbeiten, erwarten. Aber man muß die Dinge nehmen, wie sie sind. Die neue herrschende türkische Partei betätigt sich als eine nationalottomanische Fortschrittspartei. Sie .will eine bürgerliche Rechtsgleichheit herbeiführen, Privilegien und Vorrechte von Klassen, Ständen und Berufen beseitigen, eine Volksvertretung einsetzen, den breiten Massen der Bevölkerung in wachsendem Grade einen Einfluß auf die Gesetzgebung und die Verwaltung des Staates und der Gemeinde sichern. So stellt sich das wunderschöne Programm dar. Es ist genug, um nicht noch die Lösung nationaler Fragen daran zu knüpfen. Ober die nationale Fragen heißt es in einem sehr gediegenen Bericht: „Elementar wuchtige Rassen- und Religionsunterschiede, die sich in der Vergangenheit nur als Quellen nationalen Haders und grenzenlosen Fanatismus' dokumentiert hatten, sind verschwunden wie ein Hauch vor dem Taumel der Freiheit und der Verbrüderung." Ja, aber sie verschwinden nicht auf lange. Es heißt daher Vogelstrauß-Politik treiben, wenn man sich der Einsicht verschließt, daß der Liberalismus vorläufig nur ein Programm ist, daß von einem Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten noch nicht die Rede ist, daß in gewissen Kreisen und vielleicht gerade gegen die nationale Minderheiten sich ein ottomanischer Nationalismus richten wird. Natürlich haben sich unsere Aussichten gebessert, aber weil wir die Dinge bitter ernst nehmen, müssen wir mit Mäßigung, Logik und Selbstbeherrschung vorgehen. Unser Programm hat sich nicht um ein Haar geändert: wir wollen uns innerhalb des türkischen Staatsverbandes in unserer nationalen Eigenart entwickeln. Unter dem Worte „Autonomie" meinten wir selbstverständlich, so oft wir dieses Wort gebraucht haben, daß wir einen Weg finden können, um in der Mitte fremder und komplizierter Verhältnisse uns, unter Berücksichtigung der gesamtstaatlichen Interessen, eine spezielle Ordnungsverwaltung zu schaffen. Mit einer gewissenhaften und erleuchteten Regierung, mit einem Volke, das sich zur Freiheit und zu verfassungsmäßigen Zuständen erhoben hat, mit Parteien, die das „leben und leben lassen" auch in bezug auf uns zur Geltung bringen werden, wird das Verhandeln erleichtert. Und ganz wie früher muß sich neben dem Verhandeln ein praktisches Handeln entwickeln: Einwanderung, Ansiedelung, Industrie, Handel, Schulwesen, — damit wir eine Macht bilden. Sich nur auf letzteres beschränken, kann man jetzt ebensowenig wie früher. Die Machthaber — gleichviel ob sie absolute Herrscher, Parteien oder Parlamentarier sind — können mit einem Federstrich die reale Arbeit lähmen. Mit Recht wurde es schon fast allseitig anerkannt, daß die richtigste Methode die Synthese sei, die Verbindung von Politik und Realarbeit. Das ist auch die richtige Antwort auf die Frage der angeblichen Gegensätze im zionistischen Programm zwischen „früher" und „jetzt". Es sind keine Antithesen, sondern die Teile einer Synthese. Es ist ein Gebot der Selbsterhaltung, nicht jeden Tag den Wert der Arbeit von gestern herabzusetzen. Das ist kein Zug von nationalhistorischem Schaffen eines Volkes. Es ist auch nicht gut, die Arbeit von morgen als eine unbeschränkte Zaubergewalt, '■ die alles zu erreichen vermag, himmelhoch zu heben. Solche überspannte Anmaßungen ' ' No. 36 erzeugen später Enttäuschung. Tritt man an die Dinge' näher heran, so sieht man, warum es früher nicht anders sein konnte, und ist es .uns ernst mit der Durchsetzung unserer Grundsätze, so werden wir auch jetzt gut tun, auf manche Schwierigkeiten und auf eine lange Arbeit gefaßt zu sein. Wir haben nichts zu ändern, wir haben nur weiter zu entwickeln und in dieser oder jener Form dasjenige fortzusetzen, was wir begonnen haben. Bezeichnend sind die aus den Hypothesen schon jetzt sich ergebenden praktischen Ratschläge, wie z. B. die Verlegung der Zentrale nach Palästina. Gewiß wäre das ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Aber wie viele Stadien hat unsere Bewegung noch durchzumachen, bis ein solches Ziel als erreichbar erscheinen wird! Man mag die Sache drehen und wenden, wie man will, man kommt über die Einsicht nicht hinweg, daß, wie sich die Dinge einmal in Palästina entwickelt haben, die palästinensisch-ottomanischen Juden noch völlig außerstande sind, allein aus eigener Kraft eine Macht zu schaffen, die auch nur die bescheidensten nationalen Ziele zu erreichen vermöchte. Alle Kräfte und Mittel kommen bisweilen von der Diaspora. Wer nicht darauf verzichten will, ernsthaft zionistische Politik zu treiben, der muß dieser unbequemen Wahrheit resolut ins Gesicht sehen und sein Programm darnach einrichten. Eine freie, aufstrebende Türkei wird gewiß eine kapitalkräftige jüdische Einwanderung heranziehen. Dann wird es zu bedenken sein, ob es besser sei, das Zentrum der Bewegung in irgendeinem Orte der Diaspora oder in Palästina zu haben, und da wird man die Pros und Contras, die Zeit- und Ortsumstände zu erwägen haben. Das ist" vorläufig eine politische Phantasie oder mit andern Worten: ein im Grunde richtiger Gedanke, der durch die Übertreibung und das hastige Aufstellen von unreifen Projekten leider entstellt wird. Und sind wir schon so rationalistisch angelegt, daß wir die frühern Methoden als „Phantasien" — und wie oft einseitig! — verurteilen, so seien wir doch folgerichtig und prüfen wir strenger, ob nicht auch wir Phantasien erzeugen ... Sehr richtig hingegen beurteilt Herr Dr. H. die Aufgaben der „Poale Zion" und der „Abgesplitterten". Diese Aufgaben galten auch früher, und sie gelten jetzt in einem erhöhten Grade. Bei der heutigen Sachlage ist es wirklich gleichgültig, ob wir uns „politisch" oder „praktisch", „Misrachi"oder„Poalim" nennen. Alles, was zionistisch ist, muß doch einmal zusammenfließen! Die Masse versteht schon lange nicht mehr, warum so viele Unterschiede zwischen denen gemacht werden, die alle miteinander nichts bedeuten, wenn sie nicht mit aller Energie zu arbeiten anfangen. Jetzt müssen wir uns über alle Regungen zionistischen Lebens freuen. Beim heutigen Zustand noch Fraktionspolitik zu treiben, wäre kleinlich. So möchten wir den Schlußgedanken des Herrn Dr. H. genauer formulieren. Und was ist das Ergebnis von all dem? Nichts aufgeben — weiter arbeiten! N." S. Neue Prospekte A) Unser Ziel „Tempora mutantur et nos in illis" — die Zeiten ändern sich, die Menschen und menschlichen Institutionen werden in den Wirbel mitgerissen und finden sich plötzlich an einer unbekannten Stelle, in fremder Gegend, in ungeahnten Verhältnissen.

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