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Die Welt · 1908-08-14 · 32 (14.8.1908) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Niederlassung ottomanischer Juden in Palästina, .das de Itacto niemals in Anwendung gebracht wurde, nunmehr auch formell aufgehoben ist. Viele hier ansässige russische Juden, die bisher es vorgezogen haben, russische Untertanen zu bleiben, tauschen ihre Pässe auf türkische ein, und mehrfach hat die Jugend ihre Freude darüber ausgedrückt, in die türkische Armee eintreten zu können. Österreich (Von unserm Korrespondenten) Herzltrauerfeiern und Herzlwald Noch nie vorher seit dem Tode-Theodor Herzls wurden so viele Herzlgedächtnisfeiern. — Versammlungen, — Gottesdienste veranstaltet wie in diesem Jahre in Österreich. Es ist kaum eine Gemeinde zu finden, in der man es unterlassen hätte, Theodor Herzls Wirken für das jüdische Volk zu würdigen. Der 20. Tammus wird auch in Österreich zu einem Volkstag. Iis ist aber kein mythischer Personenkultus, der da getrieben wird. Gewiß wuchs die Gestalt Herzls ins Heldenhafte im Herzen des Volkes, einen Sagenkranz wob bereits das Volk um das Haupt seines ungekrönten Fürsten. Aber es ist nicht stumme und blinde Verehrung für eine Persönlichkeit, die ewigen Glanz ausstrahlt- Es ist eine tätige Verehrung, die nicht nur anbetet, sondern das Werk des Dahingegangenen fortsetzen will. So sehen wir, daß die diesjährigen Herzlfeiern in Österreich einen schönen Erfolg des Herzlwaldes aufweisen. In den ersten 2 Wochen sind bereits etwa 200 Bäume aus allen Gauen des Landes eingelaufen. Wenn es so weiter geht, wird auch Österreich seinen Teil dazu beigetragen haben, daß der Herzlwald zur Tatsache wird. Wie man sich mit dem Antisemitismus abfindet In Niederösterreich stehen die Landtagswahlen vor der Tür, und gewisse Leute träumen schon von der Auferstehung des Wiener Liberalismus. Herr Hofrat Kuranda, der Abgeordnete des Wiener Kaiviertels, sieht bereits in einer kühnen Vision die 6 Mandate der inneren Stadt den Christlichsozialen entrissen. Er entwirft auch einen taktischen Plan des Feldzugs, der ziemlich klares Verständnis der Schwächen des Gegners verrät, zugleich aber für den Gedankengang der Wiener Kaijuden' höchst bezeichnend ist. Der wunde Punkt der Antisemiten ist der latente Gegensatz zwischen den städtischen und agrarischen Elementen, die in der christlichsozialen Partei vereinigt sind. Da will Herr Kuranda den Keil einschieben. Er verwirft den Kulturkampf, weil er glaubt, daß der Kampf der Kaijuden für die Freiheit der. Wissenschaft die Zugkraft der „christlichen" Schlagworte erhöhen wird. Er gelangt aber zu dem merkwürdigen Resultat, daß man nicht nur gegen den Klerikalismus, sondern auch gegen den Antisemitismus nicht ankämpfen soll! Herr Abg. Kuranda erwartet das Aufhören der Judenfeindlichkeit von den Antisemiten selbst.. Er schreibt: „Übrigens würde ich auch gerne sehen, wenn in dem Wahlprogramm der Frage des Antisemitismus kein zu breiter Raum gewährt würde. Eine Remedur in dieser Frage ist gegenwärtig, solange die Landesverwaltung den Christlichsozialen sicher ist, nur von einem Umschwung in der Gesinnung von Mitgliedern dieser Partei selbst zu erwarten; ein Ansturm von außen auf die Verwaltungspraxis des Landesausschusses in diesem Belange wäre erfolglos, und das Mißlingen eines solchen würde diese Stelle in ihrem Kraftgefühle nur bestärken." Es ist nicht nur ein sonderbarer und höchst verwunderlicher Standpunkt. Er bedeutet einen Wendepunkt in der politischen Methode der Assimilanten und Kaihändler, wenn die Sache irgend einen Sinn haben soll. Dreifach wäre der befremdend, fast unsinnig anmutende Ausspruch des Erkorenen der Kai-Israeliten zu deuten. Vielleicht soll die alte Assimilationsmethode weiter ausgebaut werden, das Judentum zu verstecken und zu verschweigen, zusammenzuschrumpfen und zu verschwinden, damit man uns unser Dasein entschuldigt. Nun soll man sich mit dem Antisemitismus abfinden, keine Empfindlichkeit zeigen, um auf solche Art den Gegner zu entwaffnen. Das wäre eine überaus lustige und lehrreiche Konsequenz der Wiener Assimilation, die bisher wohl sehr patriotisch tat, aber trotzdem lieber einen „vaterlandslosen Gesellen" wählte, als einen staatserhaltenden schwarzgelben Christlichsozialen. Oder aber, die guten Leute sagen sich in ihres Herzens tiefem Schrein, daß der Antisemitismus vielleicht, einige Hausierer hinweggerafft hat, sich aber an die ihres Besitzes Sicheren nicht heranwägt. Nachdem aber das Geschäft nicht gestört wird, wozu der Lärm und das Kampfgetöse? Schließlich ist es auch möglich, daß Herr Abg. Kuranda den Sreg" des altklerikalen Rügeis in der christlich-sozialen Partei und die Umwandlung der Partei in eine rein klerikale, nicht antisemitische, wie es die frühere „Katholische Volkspartei" war, voraussieht Er möchte offenbar diesen Prozeß nicht stören. Der herannahende Wahlkampf wird -zeigen, welche Hypothese der Wahrheit am nächsten ist Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Eine ganz neue 'drohende Gefahr entsteht für die handelnde - jüdische Bevölkerung Polens und Litauens in der immer stärker werdenden kooperativen Bewegung unter der christlichen Bevölkerung dieser Länder. Der größere Teil der jüdischen Bevölkerung und.' in der Provinz fast alle Juden beschäftigen sich mit Kleinhandel und finden ihre Kunden unter den Bauern. Schwer ist die Existenz des jüdischen Krämers, und er muß alle seine Erfindungskraft zu Rate ziehen, den ganzen Energievorrat verbrauchen, um aus diesen auf ephemerischen Grundlagen basierten Handelsspekulationen die nötigen Existenzmittel hervorzuzaubern. Die Existenz dieser jüdischen Massen war immer durch jeden Windhauch bedroht. Und gegenwärtig ist der jüdische Kleinhandel von einer Seite bedroht, von der es am wenigsten zu erwarten war. Unter dem Einflüsse der von den antisemitisch gestimmten polnischen nationalistischen Parteien geführten patriotischen Agitation entstand in Polen und Litauen ein Netz von christlichen Konsumgenossenschaften auf kooperativen Grundlagen. Fast in allen Städten und Städtchen wurde bei den Bauern Geld gesammelt und Konsumgeschäfte gegründet, welche mit den jüdischen Läden konkurrieren. Diese Konkurrenz ist vor allem schon deswegen gefährlich, da es ein Kampf des größeren Kapitals mit dem kleineren ist, in dem immer der Vertreter des letzteren kapitulieren muß, und es kommt noch hinzu, daß als Hauptwaffe dieser Konkurrenz und ihr wirksamstes Mittel ihre antisemitische Unterlage erscheint Die Losung: „Kauft nicht bei Juden" fällt auf günstigen Boden, und der arme jüdische Händler verliert seine materielle Basis und ist genötigt zu emigrieren. Der jüdische Provinzhandel war berechnet hauptsächlich auf christliche Kunden, da die jüdische Armut keinen' genügenden Absatzplatz gewährt Diese merkwürdige Genossenschaftsbewegung wird von alten polnischen Elementen aufs eifrigste unterstützt. Sowohl die Aristokratie wie auch die progressiven Kreise stehen diesem Symptome des nationalen Bewußtseins mit der größten Sympathie gegenüber. Es kümmert sie wenig, daß dadurch das jüdische Elend größer wird und ganze Massen jüdischer Bevölkerung zum Hungertode verurteilt werden. Das humanitäre Prinzip, welches die Grundlage der Genossenschaftsbewegung in Westeuropa bildet und das Ziel verfolgt, die organisierten Massen derArbeiterbevölkerungvordem despotischen Einfluß des Kapitals zu schützen, ist den in Polen entstandenen' und entstehenden christlichen Genossenschaften ganz fremd. Sie bringen in diese Bewegung ein ganz neues Element, das des nationalen Antagonismus. Bei der ungünstigen Konjunktur, welche jetzt bei der ökonomischen Lage der Juden herrscht, bedeutet diese Erscheinung eine Katastrophe. Es ist zu erwarten eine vollständige Verarmung des größeren Teiles der jüdischen Provinzbevölkerung und die Entstehung neuer Millionen .von „Luftmenschen", welche ihr Glück in der weiten Welt suchen werden. Sehr unerfreulich ist auch das Verhältnis der Regierung zu den Juden. Die alte Ordnung wird mit der strengsten Konsequenz wieder eingeführt. Tagtäglich bringen die -Telegramme Nachrichten über neue „Prozente" in den Lehranstalten, neue Ausweisungen, neue Absagen, Minister und Polizei tun das ihrige. In den letzten Tagen hat der Petersburger Oberpolizeimeister im Einverständnis mit der „Handwerkerverwaltung" 107 jüdische Handwerker aus Petersburg ausgewiesen, weil sie ihr Handwerk getrieben haben. Und so ist der Aufenthalt der Juden außerhalb des Ansiedelungsrayons nichts anderes als „Zwangsarbeiten". Aber die Tätigkeit der zentralen Behörden ist eine Kleinigkeit im Vergleich .mit dem, was sich verschiedene Satrapen in der Provinz erlauben. Von allen Seiten und besonders von Südrußland kommen Nachrichten über Mißbräuche, die sich verschiedene Gouverneure, Polizeimeister usw. im Verhälthisse zu den Juden erlauben. — Durch alle diese Umstände entsteht eine Stimmung der Angst der Unsicherheit und schmerzlichen'Resignation, — ein- Dreiklang, der gegenwärtig im Leben unserer Brüder im russischen Reiche herrschend ist. Die Geburt eines Töchterchens erlauben sich zuzeigen London, 7. Aug. 1908. Percy R Baker und Frau geb. Salomen.

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