Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-08-14 · 32 (14.8.1908) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316329--50950-3378482
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

die die Kristallisierung der Gruppen bewirken werden, oder werden nationale und kulturelle Momente das einigende Band um die Parteien schlingen? Die Struktur der Volksvertretung hängt ja von den Wahlmodalitäten ab und diese sind vorläufig noch ziemlich unbestimmt. In einem bemerkenswerten Artikel des „Progres de Salonique" nimmt der bekannte jüdische Advokat Ascher Salem, ejne bedeutende Autorität türkischer Jurisprudenz, Stellung zu den Wahlen; anknüpfend an den Wahlmodus von 1876, der eine höchstprovisorische Watilform darstellt weist er auf die fortgeschrittene . Entwickelung des ottomanischen Reiches hin, die eine Beschränkung des Wahlrechts auf Grundbesitzer durchaus nicht rechtfertigt, und plädiert für eine breitere Basis des Wahlrechtes, die die Volksver- , tretung' zur wahren Repräsentanz sämtlicher Nationalitäten und Klassen gestalten wird. Diese Stimmung macht sich allgemein geltend, das Maximum der jungtürkischen Forderungen beschränkte sich nicht allein auf die Proklamation der Verfassung von 1876. Werden diese- Wünsche der Bevölkerung berücksichtigt werden^ so wird die Nationalitäten Ordnung im neuen Parlament eine wesentlich stärkere sein als. in der ersten Volksvertretung. Im Jahre 1876 saßen im Parlament 10 Nationalitäten, darunter 2 Juden. Die jüdische Bevölkerung hat aber seit damals durch Zuwachs und Einwanderung zugenommen, so daß Konstantinopel und Saloniki allein zwei jüdische Deputierte entsenden werden. Interessant ist, daß auch Palästina durch jüdische Abgeordnete bei Erweiterung des Wahlrechtes vertreten sein dürfte. Hier erweist' sich die zionistische Politik, die den eingewanderten Juden stets empfohlen hat, ihre Loyalität der türkischen Regierung durch Annahme der ottomanischen Untertanschaft zu bezeugen, als weitblickend und segensreich. Die Verbrüderung ,Die Organisationen, die sich bisher gebildet haben, zeigen in ihrem innern Wesen absolut nicht die Gründe ihrer äußerlichen Trennung. Eine merkwürdige Einmütigkeit, der Geist des „Sans distinction de" race et'de'religion" durchweht alle diejenigen, die sich ob der erhaltenen Freiheit fast kindlich gefreut haben. Die „Ligue Ottomane de Fraternite", die bei den Wahlen eine eifrige Agitation entfalten will, hat in ihr Programm die Bekämpfung des Nationalismus (!) und Chauvinismus aufgenommen. In der Hitze der Brüderlichkeit hat diese Ligue Chauvinismus und Nationalismus in einen Topf geworfen. In einem Staate aber wie die Türkei, wo die verschiedenen Nationalitäten schon längst ihre vollständige national-kulturelle Autonomie besitzen, können die Sonderinteressen der Nationalitäten kein so großes Schreckgespenst sein, sicherlich nicht, solange das Parlament allgemeine organische Gesetze wird schaffen müssen, und das wird noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Eine weitere Illustration dieses Geistes „Sans distinction" liefert die Versammlung, die von der einflußreichen „Societe de la Jeunesse _Instruite Ottomane" nach dem Taximgarten einberufen wurde. Oberhaupt machte dieses Meeting viel mehr den Eindruck einer fashionablen Garden-party als den einer politischen Versammlung. Die Damen erschienen in hellen Sommertoiletten, am Entree wurden ihnen weißrote Visitkarten der „Jeunesse Ottomane" und Sträußchen aus weißen und roten Rosen verteilt. Es wurden Reden gehalten in Türkisch, Französisch, Griechisch und Armenisch. Der Leiter des Meetings erklärte, das Komitee habe keinen Juden gefunden, der eine spaniolische Rede halten* sollte, es habe sich aber ein improvisierter jüdischer Redner gemeldet, der Französisch sprechen wird. So war auch die jüdische Nation in das Konzert eingeführt und die Harmonie nicht gestört Nach solchem Gleichheitsjubel darf es uns nicht wundernehmen, wenn eine große türkische Prozession sich zum armenischen Fried- . hof begab und dort eine Trauerfeier für die im Jahre 1896 während der armenischen Massacres umgekommenen Armenier abhielt. Man erzählt sogar, die Türken hätten feierlichst an den Gräbern um Verzeihung gebeten. Werden in Rußland die schwarzen Hundertschaften auch an den jüdischen Gräbern-Versöhnung suchen, wenn eines Tages die Konstitution nicht ein leeres Wort werden sollte? Die Mitglieder des Komitees „Union et Progres" gehen noch weiter in ihrer Brüderlichkeit. Wenn auch ihrer energischen un'd weit- ' verzweigten Organisation die errungene Freiheit zu verdanken ist, wenn auch sie die Herren der Situation sind, sie üben keine Rache an den Tausenden von Spionen und betrügerischen Funktionären. . Viele von denselben, deren Familien infolge der Dienstentlassung brotlos geworden sind, haben Unterstützungen von 3 bis 10 türkische Pfund erhalten. Zu diesem Zwecke und für andere Ausgaben hat die Organisation in Saloniki eine Subskription eröffnet deren erste ..Liste 3000 Pfund (ca. 69 000 Frs.) ergab. Einige reiche Juden aus Üsküb haben 200 Pfund (ca. 4600 Frs.) gezeichnet Es finden sich auch solche, die die Gleichheit nicht im Gefühle und im Bewußtsein jedes einzelnen suchen, sondern in zählbaren Umtäten. Ein solcher Gleichheitssucher sandte der Redaktion des „Stamboul" ein Billett mit der kurzen Notiz: „Nichts ist geschehen, nichts geschieht, nichts wird geschehen. Warum? Im Ministerrat sitzen 17. Minister, darunter 16 Musulmanen und nur ein Christ" Der „Stamboul" bemerkt hierzu: „Dieser Schwarzseher scheint seine Ansichten noch vom Mittelalter her behalten zu haben. Er weiß, nicht, daß Vaterland und Religion keine identischen Begriffe seien," oder zumindest hat er nicht die zahllosen Redner gehört, die immer wieder wiederholten, daß es jetzt weder Musulmanen, noch Christen, noch Juden gäbe, sondern ein einziges Volk von Ottomanen. Es genügt wenn die Minister vor dem Gesetz und dem Parlament gleich, wenn sie es nicht vor dem Altar sind." Fürwahr, ein merkwürdiger Kauz, dieser Gleichheitssucher, wenn er nicht in die Herzen der Menschen zu sehen versteht und in diesen Tagen von Churiet Mussawat und Uchuwet Umschau hält, ob auch eine genügende Anzahl von Seinesgleichen ein Ministerportefeuille inne habe. Er kann sich aber trösten. Fünf musulmanische Minister haben inzwischen demissioniert, darunter sogar der Scheich-ül-Islam, andere werden wahrscheinlich bald folgen. Die jüdische „Nation" Die große Reinigung beginnt nun auch in der jüdischen „Nation". Im „El Tiempo" ist ein offener Brief an den Sekretär des Großrabbinats, Raphael Saban, veröffentlicht, in dem ihm viele Durchstechereien vorgeworfen und worin er zur Demission aufgefordert wird. Man schlägt den Sack und meint aber den Esel. Der Chacham-Baschi-Stellvertrete'r hat sich sein eigenes Schwert geschmiedet, als er das provisorische Komitee, bestehend aus der Opposition, als die legalen Leiter der Angelegenheiten der „Nation" anerkannte. Er äußerte sich zwar, er nehme sich ein .Kai wochomer vom Sultan, aber er hat übersehen, daß seine Opposition gar nicht so Chacham-Baschi-treu ist. Er wurde aufgefordert, den Mischlisch umumi einzuberufen zwecks Vornahme der Wahlen des Chacham-Baschis. Die Kandidaten der Opposition bilden eine unliebsame Ergänzung seiner eigenen Kandidatenliste. Ob hieraus ein ernster Konflikt zwischen dem alten Mann und seinen Gegnern entstehen wird, ist vorläufig noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Es besteht ja eigentlich kein Kampf der Programme und Ideale. Das provisorische Komitee möchte Ordnung schaffen in der verworrenen Verwaltung der jüdischen „Nation", es möchte, daß von den Steuern nur so viel in die Taschen der Inkassenten, Buchhalter, Sekretäre usw. komme, als der Mischisch ismi ihnen bewilligt Von einer materiellen und moralischen Hebung der Nation durch Leihkassen, Gewerkschaften, Schulen, Krankenhäuser und ähnliches ist ja vorläufig nicht die Rede. Und der Chacham-Baschi-Stellvertreter hat ebenfalls nichts dagegen, wenn seinen Beamten der Steuerkorb etwas höher gehängt wird, nur möchte er in Amt und Würden bleiben. Den einzigen geistigen Gegensatz, den man zwischen den Männern vom alten Regime und der Opposition konstatieren könnte, wäre der etwas französierende Ton ihrer Sprache; obzwar es sogar solche geben soll, die von einem Grand-Rabbin ä la Paris träumen, modern, aufgeklärt, den Gegensatz der Juden von Hascoei und Balat. Es ist ein erschreckender Mangel an intelligenten jüdischen Kräften bemerkbar, die in der gegenwärtigen Ubergangsperiode das Judentum mit Geschick und Würde im ottomanischen Reich leiten könnten. Mit Bangen fragt man sich, wer werden die Männer von morgen sein? Wer wird in den Mischlischismi kommen, wer ins Parlament? Das gefallene Regierungssystem war zwar ein Hauptträger der Fäulnisbakterien für die jüdische Nation; aber auch denjenigen, die die Interessen der Schulen in Händen hatten, wird eine kurzsichtige Politik vorgeworfen. Allgemein wird unter den Juden die Vernachlässigung der türkischen Sprache in den jüdischen Schulen bedauert Die ausschließliche Pflege der. französischen Sprache und des französischen Geistes hat eine solche Abneigung gegen alles Türkische hervorgerufen, daß selbst intelligente jüdische Kreise wie Studenten keine türkische Zeitung, kein türkisches Buch außer gerade denjenigen Bücher lasen, die sie für ihr Studium benötigten. Die Ulizufriedenheit, das Suchen nach neuen Lebensformen beweist jedoch, daß noch ein gesunder Kern in der „Nation" vorhanden ist So mancher bekennt sich nunmehr offen zum Zionismus. Bei einer Sammlung für den Herzlwald hielten diese neuen Gesinnungsgenossen besonders darauf, ihre Namen veröffentlicht zu sehen. Einige Juden haben angeregt, zur Erinnerung an die Konstitution in Palästina einen Ölbaumwald zu pflanzen, der den Namen Abdul Hamid IItragefl soll. Es wird ein Komitee eingesetzt werden, um die Sammlungen in der gesamten Türkei zu leiten. Die Juden der anderen Ländern werden sich diesem Werke der Loyalität wohl durch Beiträge anschließen. Die Freizügigkeit Noch eines w.ollen wir notieren. Bei der feierlichen Vorlesung des Hatti Humayüns wurde besonders die Gleichheit sämtlicher Staatsbürger und die Freizügigkeit betont. Bei dieser Gelegenheit muß bemerkt werden, daß das 1892 erlassene Verbot der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.