Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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schwachen Zügen der Versäumnisse und Unterlassungen, sich aus den Verhandlungen seihst ergeben wird. Von . einer nöhern Warte betrachtet, macht unsere Idee immer größere Fortschritte und zieht um sich, immer weitere Kreise. Sie webt und wirkt im Stillen. Alles, was in unserm Volke Kraft und Leben hat, wendet sich, uns immer mehr zu. Das jüdische Nationalbewußtsein erwacht-auch dort, wo man es zu verhüllen und zu bemänteln gesucht hat, sobald Palästina in. Erscheinung tritt, die Wiege unseres Volkes, der geweihte Boden, wo die Wucht altheiliger Erinnerungen ohne jede Parteiparole auf die Gemüter unwiderstehlich wirkt. Wenn sich auch nicht all die verschiedenen Unter- nehmungen für eine strenge Einfügung in die waltende Ordnung der zionistischen Organisation eignen, unterliegt es doch kaum einem Zweifel, daß der Zionismus der Träger sämtlicher jüdischer national-kultureller Keime ist. Dieses Bewußtsein legt uns natürlich die größten Pflichten auf, unsere eigenen Kräfte zu einer höhern Entfaltung zu bringen und unserm eigenen Haushalte genügende Anlagen und Mittel zuzuführen. Wir wollen nun die Hauptpunkte unserer Organisationstätigkeit im verflossenen Jahre registrieren und zugleich auf ' die Bahnen hinweisen, auf denen sich diese Tätigkeit in der nächsten Zukunft bewegen wird: II. Die politische Lage Stets auf die Pflege und Entwicklung der Beziehungen bedacht, die uns unserm Ziele näher bringen können, und unserer Aufgabe bewußt, dem politischen Zionismus die vorderste Stelle in unserm Arbeitsprogramm einzuräumen, war unsere Energie in erster Reihe darauf gerichtet, unablässig die Bemühungen um die Erlangung einer wohlwollenden -Förderung unserer Pläne seitens der Hohen Pforte zu erneuern. Diesem Zwecke diente zunächst die Reise des Präsidenten des A.C. nach Konstantinopel im Oktober v. J. Unterhandlungen ernster Natur wurden dann gepflogen, Anregungen und Vorstellungen erwogen; erfreulicherweise konnte diesmal eine Kontinuität zwischen den früheren und den neueren Beratungen wahrgenommen werden, der Gedankenaustausch gewann an Unmittelbarkeit, und der Kreis der Verbindungen erweiterte sich merklich. Die Tatsache, die unter allen Umständen als unumstößlich festgehalten werden muß, daß Se. Majestät der Sultan von einer edlen Sympathie für unser Volk durchdrungen und daß seine Regierung sich nicht nur nicht ablehnend gegen unsere Arbeiten verhält, sondern daß sie auch geneigt ist, wenn der richtige Modus gefunden wird, unser Werk zu fördern, . — diese Tatsache trat uns abermals als Resultat der genannten Reise lebendig vor die Augen. Es ist selbstverständlich, daß Unterhandlungen von so hochwichtiger Bedeutung mit hastigem politischem Hazard und abenteuerlichem Losgehertum unvereinbar sind. Sie müssen gründlich und systematisch geführt werden. Die Form muß gefunden werden, die die Hohe Pforte absolut darüber versichert, daß unsere Pläne keineswegs gegen die Souveränität des Sultans oder gegen die Integrität des türkischen Reiches gerichtet sind und die anderseits auch uns in genügender Weise die notwendigen rechtlichen Garantien gewähren kann. Auch müssen die Voraussetzungen für die Ermöglichung von Vereinbarungen vorbereitet werden, und den größten Teil dieser Voraussetzungen müssen wir selbst schaffen. Was wir aber klar über allen Zweifel feststellen können, ist, daß unsere Beziehungen zu der Türkei sich in einer fortschreitenden Entwicklung befinden und zu den schönsten Aussichten für die Zukunft die Grundlage bilden. / ' Der Präsident des A. C. wurde auf seiner Reise nach Konstantinopel vom Präsidenten der Jüdischen Kolönialbank begleitet. Der Aufenthalt des Präsidenten des J. C. Tin Konstantinopel galt der Verwirklichung des. Beschlusses wegen der Bankgründung daselbst. Unsere Finanzinstitute waren lange mit der Ausführung dieses Projektes beschäftigt. Es handelte sich nun darum, die lokalen Verhältnisse zu untersuchen und die Torrn zu wählen, die der Zweckbestimmung am besten entspräche. Die Gründung* wurde infolgedessen in Gemeinschaft mit einem Bankhause in Konstantinopel unternommen. Der ursprüngliche Plan, eine Abteilung unserer bereits vorhandenen Finanzinstitute zu gründen, wurde aufgegeben, und um dem neuen Institut eine größere Bewegungsfreiheit zu gewähren, wurde eine selbständige Form gewählt. Das. neue Unternehmen wurde unter dem Namen Anglo Levantine Banking Company nach englischen Gesetzen in London eingetragen und wird bald in Konstantinopel seine Tätigkeit beginnen. Wir hoffen und glauben zuversichtlich, daß wir in Konstantinopel Schritt für Schritt unserm Ziele näher rücken werden. Die neuen Ereignisse und die Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei schwächen unsere Hoffnung nicht, sie bestärken sie vielmehr. Das jüdische Volk entbietet seinen tiefempfundenen Gruß und seine herzlichen Glückwünsche der ihm geistesverwandten ottomanischen Völkerfamilie, die es vermocht hat, aus dem harten Ringen siegreich emporzugehen und das erhabene Panier individueller Freiheit, bürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung in einer vom Blut der Kämpfe unbefleckten Reinheit in die Höhe zu schwingen. Die Erinnerung an die Zeiten, da wir mit dieser Völkerfamilie in traulichem Bund unter dem Schutz seiner ruhmreichen Tugenden uns von ringsumher wütenden Verfolgungen geborgen fühlten, webt neue Fäden, die uns mit dem ottomanischen Rechtsstaat verbinden werden, in dem sich die Völker nebeneinander unter dem Scepter eines gerechten Herrschers, der den Pulsschlag der Zeit begriffen, in Friede und Eintracht ihren * höchsten historischen Kulturaufgaben widmen werden. Natürlich macht jede neue Gestaltung der Dinge in der Regel manche alte Beziehung wertlos und manche herkömmliche Methode abänderungsbedürftig. Die Machtverhältnisse der maßgebenden Faktoren verschieben sich, neue Gesichtspunkte tun sich auf, _ Personen und Einrichtungen lösen sich ab, und was gestern noch Gültigkeit hatte, wird heute außer Kurs gesetzt, um vielleicht morgen wieder in einer andern Form zur Geltung zu kommen. Bei politischer Arbeit muß man immer mit der Vergänglichkeit menschlicher Einrichtungen und Verhältnisse rechnen. Aber was wir ver-. treten ist das unwandelbare Ideal unseres Volkes. Die wirklichen Grundlagen unserer Politik liegen in der sittlichen Kraft und in der logischen Notwendigkeit der Lösung unseres Problems. Die Taktik ist ein ■nebensächliches Moment und muß sich selbstverständlich je nach den Verhältnisseh richten. Wir werden zu jeder Zeit in richtiger Würdigung der Sachlage die notwendigen Mittel und Wege finden, und es wäre verfrüht, vonvornherein in dieser Beziehung schonjetzt Horoskope zu stellen. Aber eins können wir