Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIE 3§EELT Ein judischer National verein in Prag Wir haben bei der Besprechung der Abstimmung über die Resolution Schmid darauf hingewiesen, daß die Folgen des judenfeindlichen Verhaltens der Ehren- -und Vorstandsmitglieder des „Deutschen Schulvereins" unmöglich ausbleiben können. Das einträchtige Zusammengehen der Deutschfreiheitlichen mit den Christlichsozialen im Reichsrat mußte dem Gedanken einer jüdisch-politischen Organisation auch in der Hochburg der Assimilation — in Böhmen — neue Anhänger zuführen. Die Entstehung eines jüdischen politischen Vereins in Prag, nach dem Vorbild des Jüdischen Nationalvereins in Wien, beweist, daß die Abkehr, von den Deutschtümelnden unverkennbare Fortschritte macht. Die „Ausländer* Vor einigen Wochen hörten wir ungläubig die Kunde von dem Schutz, den R. v. Taussig den eingeschüchterten jüdischen Angestellten der verstadtlichten Omnibusgeseüschaft hätte angedeihen lassen. Wir waren schon damals skeptisch, ob die Folgen des Wiener Kommunalsozialismus diesmal günstiger für die Juden sein werden. Man denke: Taussig breitete seine Fittiche abwehrend aus, — Lueger versicherte nach wie vor: „Menschen, Menschen san mir alle!" — Reizes, der glückliche Besitzer der Omnibusgesellschaft, entdeckte sein liebevolles Herz und griff tief in die Tasche, um dem Werk „für das Kind" seinen Obolus, den ordensverheißenden, darzubringen. Und doch! Schon in den ersten Tagen werden 61 jüdische Angestellte entlassen... Man stellt sich naiv und erkundigt sich nach den Gründen. Da heißt es, es handle sich um .Ausländer", denn ungarische Juden sind fremde Staatsbürger. Was geht es den Wiener Stadtrat an, daß in Wien seit Jahrzehnten Zehntaus ende ungarischer Juden leben, die die Not hierherführte. Taussig wird die „patriotische" Tat wahrscheinlich gutheißen. Mancher wird sich aufregen. Den 61 jüdischen Proletarierfamilien wird nicht geholfen werden. Sie liegen als Opfer des Verstadtlichungsgeschäftes der Juden Taussig und Reizes mit der Wiener Kommune regungslos, hoffungslos, arbeitslos und brotlos auf dem Pflaster. Jüdische Sprachkonferenz Vom 30. August bis zum 3. September d. J. findet in Czernowitz die bereits von uns angekündigte Konferenz der jüdischen Schrifsteller statt Eine Reihe von hervorragenden jüdischen Dichtern und Publizisten Rußlands haben sich inzwischen den amerikanischen und österreichischen Einberufern angeschlossen. Über den Verlauf des eigenartigen Sprachkongresses werden wir berichten. Morris Rosenfeld in Österreich Der -beliebte Volks- und Arbeiterdichter benutzt seine Anwesenheit in Osterreich, um mehrere galizische Städte zu besuchen. Am 12. September kommt Morris Rosenfeld nach Lemberg auf Einladung eines auf Initiative der dortigen Poale-Zion gebildeten Komitees, das eine große Huldigungsfeier zu Ehren Rosenfelds plant. Man sieht der galizischen Reise des Dichters, wie einem Ereignis, mit großer Spannung entgegen. Die Täuflinge von Chrzanow In der dieswöchentlichen Liste der Apostaten, die in den Armen der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche ihr Seelenheil suchten, fällt eine Gruppe aus acht Jungen und Mädchen auf, die 14—15 Jahre alt sind. Ist es denn bloß ein Zufall, daß in einer und derselben Stadt halbwüchsige Burschen und Mädchen in einem Alter, das weder die „gereifte" Streberei, noch religiöse Zweifel kennt, an einem und demselben Tage einen Religionswechsel . vollziehen! Schaut man die getauften Backfische etwas näher an, so gewahrt man nicht ohne Staunen, daß keine losen Bande des Zufalles sie zusammengeführt haben. Es sind Schicksalsbrüder und -Schwestern. Lakonisch meldet die Liste, daß sie sämtlich in der Gebäranstalt in Wien das Licht der Welt erblickten. Also Wiener uneheliche jüdische Kinder. Sie kamen, wie es heißt, nach Chrzanöw in die Erziehungsanstalt einer polnischen Gräfin, die, so wird versichert, ehrlich bemüht war, ihre Zöglinge jedem Gewissenszwang, jedem abgeschmackten Seelenfang zu entziehen. In der Abwesenheit der gräflichen Stifterin der Anstalt sollen ein Mönch oder eine Nonne die acht Halbverlassenen für die Kirche gewonnen haben. Es handelt sich nicht darum, ob man die acht von der Gesellschaft Geächteten dem Judentum erhalten konnte oder nicht Es verlautet, daß die Chrzanöwer jüdische Gemeinde von dem bevorstehenden Abfall der acht in Kenntnis gesetzt und zum Eingreifen aufgefordert wurde. Ob und warum sie es unterlassen hat, interessiert uns erst in zweiter Linie. Ein anderes Problem steht «n Vordergrunde. In einer Großstadt wie Wien, die obendrein die Tugend der strengen Sitten mit der Anmut ihrer Frauen^ zu. vereinigen versteht, muß man sich mit der Tatsache abfu daß es jüdische uneheliche Kinder gibt. Was tun nun die jüdi2 Gemeinden, um diese unschuldigen Opfer des gesellschaft Temperaments vor Verwahrlosung zu beschützen? Wenn auch. Chrzanöwer Zwischenfall unaufgeklärt ist, ein Hauch der Eini keit, des Verlassenseins dringt aus den dürftigen Zeilen, die v_ Lebensweg der jungen Täuflinge, die gewiß nicht wußten, wasgj taten, erzählen. Der alte jüdische Standpunkt, der uneheliä Kinder erbarmungslos zu den Ausgestoßenen schleuderte, muß eufl modernen, milderen Auffassung weichen. Die Pflicht der jüdisi Gemeinden wäre es, zu verhindern, daß jüdische hilflose Kinde_ der Herzensgüte oder anderen Beweggründen einer Gräfin zu 'i danken haben, wenn sie überhaupt erzogen werden. Neue Judensekten in Rußland (Von unserm Berichterstatter) Einen neuen Vorwand zu wiederholten Angriffen auf Judl bildet die Entstehung einiger neuen Sekten unter den russisch]" Bauern „Neu-Israel", „Adwentisty", „Benegiency", .welche mancher Hinsicht sich dem Judentum nähern. Auf der Konfere der Missionare, welche vor wenigen Tagen mit großem GepoltJ in Kiew stattfand, wurden interessante Diskussionen über dies Frage geführt Alle diese Sekten feiern Sonnabend statt Sonnt" und praktizieren die Zeremonie der Beschneidung. Als letzte Se" entstand „Neu-lsrael". Ihr Begründer ist ein Bauer des Gouver ment Woronesch, Wasilij Lubkow, er hat schon viele Anhäri„ unter der Bevölkerung der südlichen Gouvernements gefundesl Die Sektierer verneinen die göttliche Herkunft Christi und Mutter Gottes und behaupten, daß zu diesem Grad der Göttlichk« sich ein jeder Mensch durch gute Taten und Vermeidung dj Sünde emporschwingen kann. Aus dem religiösen Ritus haben sä alle Heiligenbilder und Embleme ausgeschlossen, da sie sie a Götzendienst und Profanation des echten Glaubens be'Vachtgj Die Sektierer heiraten nur untereinander. /' Einer der Missionare, welche auf der Kiewer Ka% enz i diese „zydowstwujuschtschije" Sekten referierte, bemüht, sich ' beweisen, daß man das Obel nur durch die Ausrottung desJudei tums, welches immer neue Gefahren für den griechisch-ortodoxi Glauben mit sich bringt, beseitigen kann. '•* Der Referent verlas ein Projekt über die Bekehrung aller , Rußland lebenden Juden zum griechisch-ortodoxen Glauben.(!) U Kosten der Verwirklichung dieses Projektes sollen 100 Millionl Rubel betragen und die Bekehrung soll durch humanitäre Mit der Wohltätigkeit und der Heranziehung jüdischer Kinder an 4 Missionsschulen stattfinden. Die Mehrheit der Konferenz hat sU diesem phantastischen Projekt gegenüber sehr skeptisch verhalte Sehr charakteristisch ist eine Verordnung des Verkehr ministeriums, nach der man den nach dem Auslande emigrierende Juden Bahnkarten dritter Klasse zu halbem Preise ausgeben sd Eine Liebenswürdigkeit, deren Motive zu durchsichtig sind. Jakob Adler in London (Von unserm Berichterstatter) Der Altmeister des jüdischen Theaters, Jakob Adler, New Yorä weilt zurzeit in London. Er gibt im Paviliontheater eine Reing von Gastvorstellungen. Am ersten Abend, gegeben wurde Gordhfs „Meturef", war das Theater brechend voll. Adler wurde stürmiscfl gefeiert, die Lokalpresse bringt begeisterte Artikel über ihn. 's| Im Laufe einer Unterredung, die ich mit Adler hatte, sagte •§ mir, daß das jüdische Theater unter der wirtschaftlichen Krise des letzten Jahres sehr gelitten habe; zwei Unternehmer seien bankeiw gegangen. Er selbst hatte große Schwierigkeiten mit seiner Truppe die sehr rebellisch gesinnt war und beim geringsten Anlaß rnj Streik drohte. Diese Umstände haben ihn so entmutigt daß-ej seine Truppe entlassen und sein Theater auf zwei Jahre an einq Amerikaner vermietet hat. Adler hat sich lediglich das RecJ vorbehalten, am Sonntag selbst spielen zu dürfen. Von Londffl beabsichtigt er ein Gastspieltournee an den jüdischen Theatern^ Lemberg, Warschau, Odessa und Bukarest zu absolvieren und sie dabei eine neue Truppe zusammenzustellen. Adler spricht si§ sehr pessimistisch über die Zukunft des jüdischen Theaters aus, M unter der Zurückhaltung des Publikums, den materiellen Ansprüche der Schauspieler und dem Mangel guter Stücke gleichmäßig lei» indessen will er doch noch auch den Rest seines* Lebens dg jüdischen Theater widmen. ■ 3 Rabbinerwahl in Sunderland | Die Generalversammlung der Sunderland Hebrew Congregatic wählte an Stelle von Dr. Samuel Daiches, der bekanntlich 2tj