Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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iNo. 34 er möge nicht kommen und beordeten auf alle Fälle Leute zur > angekündigten Versammlung. Herr üabai zeigte sich aber schlauer als seine Gegner; er begab sich kurz vor der Versammlung zu?Riza Tewfik, dem er erklärte, er sei der richtige Mann und seine " Einladung die legale. Unterdessen gerieten beide Parteien in der 'Synagoge hart aneinander, und mitten unter Lärmen und Schreien wurde der Vertreter des „Union et Pregres" empfangen. Es war ihm f nicht allein unmöglich zu sprechen, sondern mit höchstem Widerwillen £ verließ er sofort die Synagoge. Am nächten Tage wurde er von p einer Deputation über die innern Zwistigkeiten der Nation auf-!t geklärt. 1 Die Einigungsversammlung der aschkenasischen |- Gemeinden S Der Rausch der ersten gleich- und einigmachenden Begeisterung ist verflogen, man steht vor der nackten Wirklichkeit mit allen p ihren Schwierigkeiten, die sie dem Zusammenschlüsse aller ver- 'pg schiedenen Auffassungen zu einer gemeinsamen Aktion entgegensetzt. ^: Mehr noch als parlamentarische Üngeschultheit, die schließlich leicht fi. zu entschuldigen wäre, zeigten die aschkenasischen Juden in der &\ Einigungsversammlung ihre Zerrissenheit und Zerfahrenheit. Diejenigen ottomanischen Juden, die gestern noch unter der Maske W der unter österreichischem Schutz stehenden „Kultusgemeinde" einiger österreichischen Juden ihre Herrschaft über die andern Aschkenasim ausübten, haben plötzlich den Wert ihres Judentums einzig und allein in ihrem Ottomanentum erkannt. Während früher die österreichische Gemeinde die Verwaltung der Gabela (Fleischsteuer für national-kulturelle Bedürfnisse), zu der doch die Kertscher, die Schneidergemeinde usw. viel mehr beitrugen durch ein Abkommen mit dem Chacham-Baschi an sich riß; während sie sich das alleinige Recht zur Bestätigung des Zivilstandes fremder Untertanen zu erobern wußten — so verlangte das russische Konsulat bei einer Trauung, Geburt usw. die Bestätigung der österreichischen Gemeinde — hatte die in der Konstituierung begriffene ottomanische Gemeinde der Aschkenasim ihren Anfang damit gemacht, daß sie den ausländischen Aschkenasim jede Beteiligung an der Konstituierung . verbot. Gegen ein solches Vorgehen von Juden, die gestern noch selbst Ausländer waren oder mit aller Gewalt sich an ausländischen! Schutz klammerten, kann nicht energisch genug gewarnt werden.; Die Zusammengehörigkeit aller Juden und ihre Zusammenschließung - zu einer einzigen Gemeinde kann nicht von der Zugehörigkeit zu diesem oder jenen Konsulat abhängig gemacht werden, dies umso; weniger, als sie sämtlich zu den Steuern und Pflichten der Gemeinde l herangezogen werden. Glücklicherweise neigte auch der einsichtigere Teil der Versammlung, zu deren Sprecher sich Herr Dr. Schönmann i: machte, zu dieser Ansicht. Er erklärte, der Chacham-Baschi habe \. nur die ottomanischen Aschkenasim eingeladen, weil diese voll V und ganz seiner Verwaltung unterstehen. Die Kommission, die die \. Statuten [der neuen Aschkenasimgemeinde ausarbeiten wird, wird \ den ausländischen Juden dieselben Rechte einräumen, die ottof manische Juden in den Gemeinden im Auslande besitzen. Ein anderer wichtiger Punkt, der der Aufklärung bedurfte, war;; das Verhältnis zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden. Es war der Gedanke einer vollständigen Separation aufgetaucht, dessen Anhänger aber vereinzelt dastanden. Die große Mehrheit . war zwar für eine eigene innere Verwaltung, mit eigenem Moukhtar. Präsidenten usw., im übrigen aber sollte die Gemeinde dem Groß-;' rabbinat unterstehen, demselben die Steuern abführen und von ihm; die Gelder für ihre Zwecke erhalten. Jeder Versuch einer Separation wäre übrigens von vornherein eine Unmöglichkeit, da das Gesetz nur eine jüdische Nation kennt mit einem Oberhaupt an der Spitze, und nicht vollständig von einander losgelöste Kultus- £ELT gemeinden. Nach langen und erregten, oftmals wenig sachlichen Debatten, schritt man zu den Wahlen des provisorischen Komitees. Es wurden gewählt: H. G. Reimer Präsident, J. Freiman Moukhtar, außerdem Abramowitz. Friedman, Freud. Leibowitz, Mendelino, Schönman, Dr. Leo Schönman, Steingardt. Ludner und Stein als Mitglieder. Dieses Komitee bedeutet ein Sieg der Einigungs- und Einheitsidee. Trotz der erdrückenden Majorität der Einigungspartei (von 150 Votierenden erhielt der Präsident 150 Stimmen) können die Unzufriedenen, denen man leider persönliche Motive nicht absprechen kann, nicht zu Ruhe kommen. Sie sammeln Unterschriften, um gegen die Wahlen Protest einzulegen. Ihr Widerspruch ist aber auf schwache Füße gestellt, und die geeinigte aschkenasische Gemeinde kann als gegründet betrachtet werden. Die Absetzung des Paschas von Jerusalem Nach der Herrschaft in Jerusalem konnte die Regierung Ekrem Beys in Beirut nur von kurzer Dauer sein. Wie sollten die Beiruter das mit Wohlwollen aufnehmen, was die Jerusalemer zu den größten Widersachern ihres Gouverneurs machte? Unter den Jungtürken galt Ekrem Bey schon längst als reaktionär. Demgemäß ist denn nunmehr Ekrem Bey auch in Beirut abgesetzt'worden. Nur mit Rücksicht auf seinen berühmten Vater wurde ihm die schönere Form der Entlassung für alle Zeiten, die Demission aus Gesundheitsrücksichten, zugebilligt. Wahlkrawalle Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Salon ik gemeldet: Während ein großer Teil der ungefähr 70000 Köpfe zählenden israelitischen Bevölkerung von Salonik für die Wahl des Advokaten Emanuel Carasso ist, darunter allerdings auch die niedrigem Volksschichten, haben sich die ehemaligen Schüler der Alliance Israelite in den Kopf gesetzt, für einen Israeliten aus Smyrna, einen gewissen Masliah Nissim. der eine Zeitlang Schreiber beim Generalinspektor Hüssein Hilmi Pascha war, Stimmung zu machen. Daß man in Salonik einen Einheimischen einem Fremden vorzieht, ist selbstverständlich, und so ist denn auch anzunehmen, daß der Smyrnaer Gegenkandidat wenig Aussicht hat, gewählt zu werden. Schon vorgestern wurde deshalb eine Vollversammlung der jungen Spaniolen gesprengt, wobei es zu Schmähungen rohester Art kam. Gestern Nacht wiederholten sich die wüsten Vorgänge vor dem Hotel Olympos-Palast, als ein Trupp junger Leute in Schmährufe auf den Advokaten Carasso ausbrach, während die Mehrzahl Hochrufe ausstieß. Bald war eine regelrechte Prügelei im Gange, wobei mehrere große Spiegelscheiben eingeschlagen und Tische und Sessel zerbrochen wurden, und nur dem besonnenen Einschreiten einer Anzahl Offiziere und der Polizei ist es zu danken, wenn die Streitenden nach einer halben Stunde getrennt wurden. Bemerkenswert ist, daß weder der eine noch der andere Bewerber ein Wahlprogramm aufgestelt und veröffentlicht hat, die Massen lassen sich in geradezu lächerlicher Weise hinreißen, ohne zu verstehen, zu welchem Zwecke sie eigentlich Kundgebungen veranstalten. Überhaupt macht sich unter den Israeliten hier eine eigene Bewegung bemerkbar, die sich besonders gegen das gar zu sehr überhandnehmende Protektionswesen richtet, das in gewissen Kreisen ausgeübt wird. Zu besser bezahlten Stellungen können nur solche Leute gelangen, die in verwandschaftlichen Beziehungen zu diesen Kreisen stehen, und man hat sich sogar nicht zurückhalten lassen, den sehr geachteten Rechtsanwalt Emanuel R. Salem in recht böswilliger Weise anzugreifen und zu schmähen. Nicht besser ist es dem Direktorium hiesiger Finanz- und Industrieunternehmungen ergangen. Man scheint gewillt zu sein, Dinge ans Tageslicht zu bringen, die besser ungenannt bleiben. □ □ □ PALÄSTINA □ □ D Brief aus Jerusalem (Von unserem Berichterstatter) Eine ganz unerhörte Bewegung herrschte von Samstag bis " Montag in den Straßen Jerusalems. Len Anlaß bildete die Ver- X kündung der neuen türkischen Verfassung, welche Samstag den \ 8. d. M., mittags, auf dem großen Hofe des Serail stattfand. Schon r Tags vorher hatte man zahlreiche laubgeschmückte Wagen gesehen, h darin festlich gekleidete Beamte, Offiziere oder Effendis. Samstags £ aber bewegte sich ein ungeheurer Menschenschwann gegen das V Serail zu, von zahlreichen türkischen, resp. jungtürkischen Fahnen % geführt Vor jeder Fahne führten Türken oder Araber Schwerttänze auf, gaben Freudenschüsse ab und riefen: Churie (Freiheit) oder „Allah jinsuh il Sultan" (Gott erhalte den Sultan). Dazu hatte das Militär seine beste Parade und seine besten Weisen herausgekehrt Und mancher Wüstensohn trug in seinem Knopfloch die Kokarde der französischen Revolution. Zwischen den Fahnen wurde auch ein Thoravorhang aus einer sephardischen Synagoge getragen. Und junge Sephardim, von Arabern kaum unterscheidbar, tanzten gleichfalls davor, nackte Schwerter in der Hand und gaben trotz des Sabbats Freudenschüsse ab. Manche seltsame Gestalten des völkerreichen Jerusalem sah man in Bew.egung. Besonders mußten die vielen schönen Gestalten der armenischen Priester auffallen. Mehrere Volksgruppen begn igten