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Die Welt · 1908-08-28 · 34 (28.8.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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: DIE^ELT : NM sich mit der Aufhissung ihrer Fahnen. (Auch vom Hause des „Eezalel" flattert die blauweiße Fahne der Schule.) In ganz besonderer Wuise wurde aber das Temperament unserer Volks- und Gesinnungsgenossen hingerissen. Unter Absingung nationaler Weisen nahmen sie nicht nur an den Umzügen teil, sondern spielten dabei eine sozusagen wesentliche Rolle. Allerdings fehlte es auch da nicht an einigen Seltsamkeiten. So konnte man einen Führer der Poale- Zion im Fez durch die Straßen laufen sehen, und es ereignete sich einmal, daß ein Jude, um zur Menge zu sprechen, sein „Streimel" austat und den Tarbusch anzog. Interessant war aber auch das Zusammentreffen des alten und neuen Judentums. Wenn da ein Demonstrationszug. mit der Zionsfahne voran, durch die schmutzigsten überwölbten Gassen oder in die entlegenen Judenkolonien hinausrückte, überall unter freiem Himmel die „Hatikwah" singend und hebräische Reden haltend, so mußte das auf alle einen seltsamen Eindruck machen. Jeden Abend zog man von der lauten Straße oder dem türkischen Garten ins Bet-Am, wohin diesmal auch manche Vertreter der verschiedensten Volksschichten kamen. Und hier sprachen neben unseren Zionisten oft genug Juden in „Streimel und Kapote" oder junge Leute, die sich aus der sieschibah hinaussehnen. Eine eigenartige Szene spielte sich Montag nacht vor dem Hause des Chachachim Baschi ab. Eine mehrtausendköpfige jüdische Menge war, die Zionsfahne voran, vor das Haus des Oberhauptes der Judenheit gezogen, und dieser sprach in Amtstracht vom Balkon des Hauses herab. Diesmal aber fand er es für notwendig, an die Beobachtung des Sabbat und der Gesetze als wichtigste Folgerung der neuerworbenen Freiheit zu mahnen. Und über die Köpfe der Menge hinweg sprach von der gegenüberstehenden Mauer ein junger Zionist dagegen, der ihn an unsere Erwartungen und Wünsche erinnerte. Fast wäre es zu stärkeren Äußerungen der entgegengesetzten Stimmungen gekommen, wenn nicht rechtzeitige müßigende Worte ein würdiges Auseinandergehen zur Folge gehabt hätten. Aber es war vielleicht zum erstenmal, daß sich derart zwei Mächte in Jerusalem gegenüberstanden. Jetzt wird mit fieberndem Eifer an die Vorbereitung der Wahlen gegangen. Unter den drei Abgeordneten, die von hier aus fürs Parlament gewählt werden, soll doch einer von den Unseren sein. Als dieser ist Dr. Levy, der Manager der Filiale der Anglo Palestine- Company, ausersehen" (Eine kleine Gegenpartei tritt allerdings für Antebi, den Direktor der Allianceschule, ein.} Dr. L. empfahl sich von selbst als ehemaliger höherer türkischer Beamter, der wie wenige mit den Landes- und politischen Verhältnissen vertraut ist und ein schwungvoller und energischer Vertreter unserer Sache wäre. In diesen geräuschvollen Tagen wird auch der Paschah von Jerusalem plötzlich abberufen, um nach Beirut versetzt zu werden. Als Grund wird seine konservative Gesinnung angenommen, die sich in den letzten Tagen darin äußerte, daß er den Kaimakam von Jaffa, der den Jungtürken nahe steht, mehrere Tage hier verhaftet hielt. Die neue Verfassung garantiert auch Preßireiheit. Diese Gelegenheit benutzt Herr Ben-Jehudah, um neben der „Haschkafafr ein Organ der Jüngeren, den „Hazwi'*, erscheinen zu lassen oder vielmehr zu erneuern: denn unter dem gleichen Titel hatte Ben- Jehudsh die erste hebräische Zeitung erscheinen lassen, wegen eir_o zionistischen Artikels aber war vor Jahren die Zeitung untersagt und der Redakteur verhaftet worden. Allerdings wäre zu wünschen, daß der „Zwi" sein Schwesterorgan nicht nur an Radikalismus, sondern auch in jeder Beziehung an Wert übertreffe! Und es wäre vielleicht schon die Zeit, in Palästina nicht Zeitungsjournalismus, aber ein ernstes, allgemeines zionistisches Bfatt einzuführen. Feier der jüdischen Kolonisten zu Ehren der Verfassung Jaffa, 12. August 190S. Nachdem die gesamte arabische und jüdische Bevölkerung Jaffas wiederholt in' festlichen Umzügen und Versammlungen die Konstitution gefeiert hatten, kamen gestern auch die judischen Kolonisten aus der Umgebung Jaffas, und auf ihre Anregung auch Vertreter der umliegenden arabischen Dörfer zu einer friedlichen Kundgebung in Jaffa zusammen. Zuerst kamen gegen 3 Uhr nachmittags die Pethach Tikwaer Kolonisten in einem stattlichen Zuge auf'20 Wagen und mit 20 Berittenen heran, mit unseren blauvveißen Fahnen mit Davidswappen und Halbmondflaggen des ottomanischen Reiches. Von der entgegengesetzten Seite über Mikweh Israel zogen bald 2u Pferde und zu Wagen mit Musik und Flaggen die Rischauer, Wadichaniner, Rechowoter und Ekroner in die'Stadt ein, selbst das ferne Katra und ganz entlegene Kastinia haben sich durch Delegationen an der feier beteiligt; zu den jüdischen Kolonisten gesellten sich die Scheikhs der benachbarten Fellachendörfer, manche stattlich Gestalten auf feurigen arabischen Rossen, in feierlicher Beduinentrach Alle versammelten sich zunächst auf dem großen Sandpiatä. der die beiden jüdischen Stadtteile N'weh-Zedck und N'weh-Schaloö? verbindet. Hier stellte sich der große Zug in Reih und Glied, ctfef Musik voran, die aus der Kapelie der Kolonisten und Mitglieder^ des Jaffaer Musikvereins „Kinor Zion" gebildet wurde. - Der ganze Zug begab sich sodann über N\veh-Schalom unS die Hauptstraße nach dem Serail (Regierungsgebäude), wo dec' Kaimakam begrüßt und zur Teilnahme am Festzuge eingeladen! wurde. Der Kaimakam schloß sich mit einer Reihe höherer Rei, gierungs- und Militärbeamten dem Zuge an. der nunmehr den Rück^L weg über die Hauptstraße und N'weh-Schalom nach dem FestplatzeS antrat. Hier hatte sich inzwischen um die Rednertribüne herumä eine große Menschenmenge angesammelt. Die Dächer und Balkons!! der umliegenden Häuser waren mit Menschen vollgestopft. Auf derff Tribüne traten nun der Reihe nach zahlreiche jüdische und arabisches Redner auf, die die Wichtigkeit des Augenblicks hervorhoben, fürjf ein friedliches Zusammenarbeiten beider Völker zur Hebung desa Landes eintraten und die dankbare Gesinnung aller Völker des9 türkischen Reiches für den Sultan und da? Heer zum Ausdruck« brachten. Die jüdischen Fahnen trugen die Aufschrift: Es lebe der Sultan! Es lebe das Heer! - Es lebe die Freiheit! Noch bis in den späten Abend blieb die Jugend auf dem Platze! und viele eindrucksvolle Reden wurden noch von jungen Zionisten^ gehalten. Die Auswanderungsbewegung nach Palästina vom i. Januar bis zum 3o. Juni 1908 Die heiligende Tabelle gewährt einen statistischen Überblick; über die über Odessa und mit Hilfe des lnformationsburcaus des^, Odessaer Palästinakomitees erfolgte Auswanderung nach Palästina;;' über Zahl, Alter. Beruf, Vermögensverhältnisse und Provenienz der' Reisenden, Zielpunkt und Zweck der Reise usw. in besonderen: Rubriken, je nach den verschiedenen Kategorien und nach Monaten1 geordnet. Aus dieser Tabelle geht hervor, daß die Emigratioi nach Palästina in den letzten Monaten nicht nur nicht zurückg« gangen ist. sondern sogar zugenommen hat. Namentlich ve: größerte sich die Auswanderung seit dem Monate März ab (diei geringere Zahl, die auf April fällt, ist auf das Passahfest zurückzuführen 1. Von Interesse ist das zahlenmäßige Verhältnis der verschiedenen Kategorien der Passagiere zueinander, ganz besonders die bezüglichen Verschiebungen, 'die während des hier behandelten Zeitraums im Vergleiche zum vorangegangenen Jahre (1907) ein-; getreten sind. Unter 924 Personen, die sich in den letzten sechs Monaten über Odessa nach Palästina begaben, waren Kinder unter 15 Jahren 205, also ca. 220 (1907 waren es 20 %i: junge Leute von 15—30 Jahren —2S5 30"0 (1907 — 24>">: im Alter von 30—50 Jahren standen 235 Personen 25"/» (1907 — 24" oi: älter als 50 Jahren 199 21% (1907 — 30"..). Sonach ging der Prozentsatz der ökonomisch passiven älteren Personen, die größtenteils lediglich aus religiösen Motiven ihre letzten Lebensjahre in Palästina' zu- bringen wollen, erheblich zurück, während das aktive Element sich vermehrte. Auskunft über ihren Beruf erteilten 410 Personen 44 ",'<>• aller Passagiere (1907 waren es 757 von insgesamt 17b Passagieren 43 uo). (Die übrigen waren also Personen ohne bestimmten Beruf, berufslose, 'bezw. erteilten keine Auskunft über ihren Beruf.) Darunter waren Handwerker. Arbeiter und Ackerbauer 15S 3S% (1907 — 50"oi; Handelsleute und Industrielle. ISO Personen 44"., (1907 — 40"/,,); Vertreter der liberalen Berufe 72 17",, (1907 — IO"oi; Sonach ging der Prozentsatz der Arbeiter und Handwerker zurück, während derjenige der Vertreter der freien Berufe ganz erheblich, der der Handelsleute und der Industriellen einigermaßen gestiegen ist. Auskunft über 'ihre Vermögensverhältnisse gaben 207 Personen 22"ü sämtlicher Passagiere (1907— 13°;o^» die insgesamt,; ihren Angaben gemäß, Rubel 560.100 mit sich nach Palästina hinausführten. Durchschnittlich verfügte also jede dieser Personen über ein Kapital von Rubel 2755: auf die Gesamtzahl der Passagiere . verteilt, ergibt sich der durchschnittliche Betrag von Rubel 600 pro Kopf. i Hinsichtlich des Zwecks der Reise traten erhebliche Ver-'; Schiebungen in den bezüglichen Zahlenproportionen ein. Zwecks-, Niederlassung und ökonomischer Betätigung im Lande reisten v während der sechs Monate 639 Personen, oder ca. 703,. sämtlicher^ Passagiere (1907 waren es 60"/..); zu dauerndem Verbleib-aus,-

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