Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316331--50989-3378452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
6 DJE2v Vorliebe in den Staatsdienst einstellt, ist jetzt mit der Ausarbeitung einer Liste derjenigen Juden beschäftigt die für den vorzunehmenden Beamtenwechsel besonders in Betracht kämen. Ein jüdisches Mitglied des Staatsrates, der im alten Regime zur Untätigkeit verurteilt war, BehorEffendiEskenazi, ist schon zum Souspräfekten von Konstantinopel ernannt worden, übrigens ein Posten, den er schon früher einmal bekleidet und infolge von Intrigen eingebüßt hat. Der Jude braucht bei der Ausübung eines Staatsamtes nicht für seine nationalen und religiösen Bedürfnisse zu befürchten, hält doch das Ministerium mit Rücksicht auf die christlichen Minister außer am Freitag auch Sonntags keine Sitzungen ab. Die Festigung des Reiches Schwere Sorgen -bereiten der Regierung die Einfälle der Kurden in Dersim. Die Expedition unter der Leitung des Generals Nechat Pascha operiert mit Erfolg gegen den Feind, der schon über den Fluß Menzour geworfen ist, und es ist wohl anzunehmen, daß die Banden bald zerstreut und Friede und Ordnung wieder hergestellt sein werden. Beunruhigender dagegen sind die Nachrichten, die aus Arabien einlaufen. Aus Mekka wird gemeldet, die Araber hielten die Straße nach Djedda besetzt und hätten die kaiserlichen Truppen angegriffen. Dieselbe bedrohliche Situation ist auf der Eisenbahnlinie nach Medina, die bekanntlich ein Teil der in Haifa ihren Anfang nehmenden Hedjasbahn ist. Um in Mazedonien das Gleichgewicht zu erhalten, hatte die frühere Regierung neben den zahlreichen Truppen und der Gendarmerie mit bedeutenden Unkosten eine besondere Immigration von nichttürkischen Musulmanen nach den drei mazedonischen Vilajets geleitet. So bestechend diese Idee für die Einheit Mazedoniens und die Festigung dieses Teiles der Türkei an das übrige ottomanische Reich auch war, sie hat die Lage auch nicht um ein Jota verändert, der einzige Erfolg bestand in der CreTerung einer neuen Bereicherungsquelle für erfinderische Beamte. Die Schaffung rechtlicher Zustände und öffentlicher Sicherheit durch die Wiedereinführung der Konstitution hat mit einem Schlage die Ruhe wieder hergestellt. Die fortschrittlichen Elemente Mazedoniens haben verstanden, daß nicht die Leben und Eigentum vernichtenden Banden Beschützer des Landes sein können, sondern eine von sämtlichen Nationalitäten anerkannte und von den Volksvertretern kontrollierbare Regierung. Die Dezentralisation des Regierungssystems gewährt zudem den Völkerschaften die ihnen gemäß ihrer lokalen Struktur zukommende Präponderanz in der Administration. So hörte die Einwanderung von nichttürkischen Muselmanen, die nicht den Vorzug der Fortschrittlichkeit besitzen, auf, eine bestechende Notwendigkeit und wen zusein, einen nichtsleistenden Einwanderungsapparat zu unterhalten. Die neue Regierung setzte auch hier den Reinigungsbesen in Tätigkeit und die Immigrationskommission wurde aufgehoben; sie harrt aber ihrer Reformierung, denn die Immigration wird jetzt ein wichtiger Faktor in der Regenerierung des ottomanischen Reiches werden. Nicht allein "die neuen geordneten Zustände werden eine größere Einwanderung bewirken, sondern vor allem auch das absolute Bedürfnis einer Industriellen Kolonisation und der Erhöhung der Landessicherheit durch Ansiedlung friedlicher und seßhafter Elemente in denjenigen dünnbevölkerten Gegenden, die von den Kulturzentren weit entfernt liegen. Die reformierte Immigrationskommission wird sich ernstlich mit denjenigen Einwanderern beschäftigen müssen, die Kenntnisse, neue Professionen und Kapital ins Land bringen, um als Vollbürger unter dem Schutze der ottomanischen Regierung neue Erwerbsquellen zu erschließen, die Schätze des Reiches zu heben, nicht um sie in ihre Geburtsländer fortzuführen, sondern unter der Landesbevölkerung zirkulieren zu lassen zum Nutzen des gesamten ottomanischen Volkes. Die Einwanderung der Juden nach Palästina hat bewiesen, wie ein fleißiges, mit Kenntnissen ausgestattetes und dem Lande ergebenes Volk einem brachliegenden oder irrationell bewirtschafteten Boden seine Schätze entziehen kann. Die Immigration solcher progressiven Elemente hat nicht nur eine erhöhte Einnahme der ottomanischen Regierung an Steuern zur Folge, sondern auch eine leichtere Administrierung. Mit der Niederlassung der Juden hat die Unsicherheit im Lande abgenommen. Die Beduinen,' die stets die Regierungsorgane befehdeten, haben sich etweder fest angesiedelt oder sind weiter in die Wüste gezogen. Mit der gesteigerten Einwanderung der Juden werden sich diese Vorteile auf immer weitere Gebiete bis nach dem Innern Arabiens erstrecken, das jüdische Kulturzentrum in Palästina wird somit zu einem der wichtigsten, Faktoren für die Festigung und Einigkeit des ottomaniscuen Reiches werden. Die Jungtürken und die Juden •ln der neuen Adrianopoler Zeitung „Jevi Ederni" veröffentlicht - der jungtürkische Kapitän lng. Baschi Nevrem anläßlich des neunten KELT No.1 Ab einen Appell an die Juden, in dem ei folgendes ausführt: diesem Tage des neunten Ab, an dem Eure Vorfahren für Freiheit und ihr Vaterland gekämpft haben, werdet Ihr die nunmeli errungene Freiheit des gesamten ottomanischen Reiches besondfeL zu würdigen wissen. An diesem Tage seid Ihr in die ganze WeD hinausgesprengt worden, wo man Euch oft genug die Tore gesperfl hat, wir aber haben Euch immer unsere Türen weit geöffnet Ihr habt dies zu schätzen gewußt und seid stets unsi" besten Freunde gewesen. Auch wir schulden Euch Freundscbi. die wir nicht vergessen. Ich erinnere mich des Aktes eines Jude während des Krieges mit Griechenland, dem unsere Armee di. Leben vieler ihrer Kinder verdankt. Unsere Reiterei schickte siel an, die Brücke von Jeni Schür zu überschreiten, da kam ein Jude in Hast herangesprengt, verwundet von einer feindlichen Kugel* und überbrachte die Meldung, die Brücke sei unterminiert und3 rettete so die Kavallerie vor sicherer Vernichtung. Die Geschichte' lehrt uns aus den Beziehungen zwischen Türken und Juden™ Brüderlichkeit und Aufrichtigkeit. Wollen wir, wie bisher, als geivl einigtes Volk von Ottomanen auf dem Wege des Fortschritts ge-a meinsam vorwärts schreiten." Auch bei andern GelegenheitenJL nehmen die Jungtürken Veranlassung, ihre Sympathie für diejPg jüdische Nation zum Ausdruck zu bringen. Bei einem Bankett iißp Smyrna zu Ehren Nazim Beys, des geschicktesten Propagandisten;! der Jungtürken, ergriff Selim efiendi Misrachi das Wort im Namen«j der Juden. Ein Genosse von Nazim, Ruschim Bey, erwiderte invf einer längern Ansprache, in der er u. a. ausführte: "Es gibtLeute3| die behaupten, das höchste Ideal der Juden sei, Geld zu verdienen;^ ich glaube, hierin machen die Juden keine Ausnahme, aber keia^ä Volk weiß so wie die Juden sein Geld für ideale Zwecke fortzugeben^ und wenn wir heute triumphieren, so ist es nicht zum geringen^« Teil den materiellen Opfem der Juden zuzuschreiben." In Ergänzung dieser Ausführungen fügte Nazim Bey hinzu, daß die Juden aueb durch großen Opfermut und Tatkraft die Bewegung unterstützten Überalf herrscht zwischen Juden und Jungtürken mehr als gutes!! Einvernehmen. In Saloniki hat Jacob Modiano den Jungtürken eia« Bankett gegeben, an dem 30 Mitglieder des Komitees „Union i' Progres" 'teilnahmen. Der neue Chacham Baschi=StelIvertreter Das Reinigungskomitee der Opposition arbeitet mit Volldampf Kaum war das provisorische Komitee zur Leitung der Geschäften der Nation von Moise Halevi anerkannt, so folgte schon die Er-Ig gänzung des Waad ruchni. die Wahl des Mischlisch gaschmi, die"<f_ Demission MoTse Halevis und schließlich die Ernennung HaTm^i Nahums zum Chacham-Baschi-Stellvertreter. Die Bestätigung des?» neuen Kaimakams ist schon seitens des Ministeriums erfolgt, von{;"3 allen größern jüdischen Zentren des Reiches lauten Glückwunschf" telegramme ein, unter den Gratulationsbesuchen muß besonders '- derjenige des Konstantinopeler Leiters des Komitees „Union et*| Progres", Dr. Riza Tewfik Bey, eines der sympathischsten Freunde '.-j der Juden, und Selim Serri Beys, eines Klassenkameraden von Halm -i Nahum. hervorgehoben werden. Der neue Kaimakam, der bis zur definitivenWahl des Chacham-Baschis diesen voll und ganz vertritt undj^ die Nation nach außen repräsentiert, gehört zu den intelligentesten und.^ tatkräftigsten Persönlichkeiten, die die ottomanischen Juden unter H den Chachamim besitzen. In dieser Periode des Obergangs und der .; Reinigung ist ein Mann der Initiative und vom Geiste der Zeit eine "- Notwendigkeit. Während der paar Monate des provisorischen Groß-.;; Rabbinats wird HaTm Nahum die Möglichkeit haben, den Grundstein für eine ordentliche und gesunde Leitung der Nation zu -; legen. Hätte er eine längere Rabbinatskarriere hinter sich, und -'s würde nicht die Befürchtung bestehen, daß die große Masse der.^ orthodoxen Juden ihn nicht für zu modern ansehen würde, sq.": wäre er wohl bei seinen gründlichen Kenntnissen des Jüdischen,»! Türkischen und Französischen ein geeigneter Kandidat für denj Posten des Chacham-Baschi. Seine Wahl zum Kaimakam schließt,^ ihn aber von dieser Kandidatur aus: dazu ist vielmehr Rabbi Jacob^*» MeTr aus Saloniki, der sich großer Popularität und Autorität erfreut,:* ausersehen. Jedenfalls wird HaTm Nahum berufen sein, in engest; Fühlung mit dem zukünftigen Chacham-Baschi zu arbeiten. .-s Im allgemeinen kann das Oppositionskomitee einen v0^e?^ Erfolg verzeichnen, den es aber nicht ohne Kämpfe errungen b™"tL Die Lorbeeren Frescos haben Herrn Gabai, den Herausgeber des,"« „El Telegrafo", nicht ruhen lassen. Mit sklavenartiger Dankbarkeit.« kann er die Wohltaten des alten Chacham-Baschi-Stellvertreter nict«5| vergessen, und um seinen Widersprüchen die Krone aufzusetzen, hatte er in der Synagoge von Galata eine Protestversamnilun2 organisiert und im* Namen der Nation Dr. Riza Tewfik Bey vonj Komitee „Union et Progres" eingeladen, eine Rede zu halten. AJj" die wirklichen Vertreter der Nation, der neugewählte MischuSCD gaschmi, dies erfuhren, sandten sie ein Telegramm an Riza TewtiK»S