Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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;da störend ein. Natürlich die Juden. Es erscheint bei ihm eine ^Deputation des Zentralkomitees der Juden in Finnland". Schon taktlos. Was wollen sie denn von ihm? Warum stören sie ihn ■denn in den schönsten Augenblicken, die er im Hotel Societätshuset oder Hotel Kannp mit seinem Freunde, wahrscheinlich einem ^berühmten Finnländer, den Er beeinflußt, verlebt? Hat nicht schon Nietzsche gesagt: Es gibt keine Zuflucht vor den Juden? Jedoch, . der große Mann ist zu wohlerzogen, um auch einer so taktlosen C Gesellschaft einfach die Tür zu weisen. Er entschuldigt sich mit p ergebener, vielsagender Miene beim Freund, der sich gezwungen i sieht, im zweiten Zimmer zu warten, bis die ungebetenen Gäste "sich entfernen werden. Also: „Was wünschen Sie- und vor allem :'■ „Warum ist Ihre Karte. Deputation usw." deutsch gedruckt? „Er '; sagt ihnen nicht offen, daß es taktlos sei. — große Geister verstehen alles und verzeihen alles —. aber er läßt es seine Gäste merken. Die zweite Frage lautet, welche Sprache die finnischen Juden \; eigentlich da reden — und er ist chokiert — eben chokiert —;' daß sie -jüdischreden. Unerhört — mitten in Finnland, im Lande, das Runeberg besungen hat, im Lande von Juhanni Aho . . . Quelle : horreur! „Also?!- Und die unglückselige „Deputationträgt ihm da vor, die Lage der Juden in Finnland sei so prekär trotz Mechelin,;:--.trotz der achtzig Sozialisten im Landtag, trotz usw." Gut — gut. «■wissen wir schon, — aber was soll Er denn dazu tun? Er kann?ydoch nicht undankbar sein und den Finnländern etwa gar Wahrv heilen sagen. Und schließlich — hat er jetzt wirklich keine "Zeit, denn der Freund wartet. Die Deputation ist gnädig entlassen. Beide Teile sind unzufrieden. Nun kommt eine jüdisch-deutsche Zeitung, irgendwo in Deutschland, eine Zeitung, ^.von der Er nie gehört hat — und greift Ihn an. Er habe j? wenig Mitgefühl mit seinen „Glaubensgenossen" an den Tag .'gelegt. Er lächelt — müde, resigniert, verständnisvoll. -Meine .[Herren, was wollt Ihr eigentlich von mir? Bin ich denn wirklich f Euer Glaubensgenosse? ich bin weniger Jude, als alle Dänen und ' Schweden zusammen, als alie die Jensen und Petersen und Jacobsen und Grundtvig und Strindberg, — ja als Henrik, als mein guter Henrik Ibsen." Er kann einem wirklich leid tun. der große Mann. _Was quält man ihn mit dem Judentum? Was hat er vom Juden- Km. und was hat dieses von ihm? Wirklich taktlos. In allem Ernste ktlos seitens der Juden in Finnland wie in Deutschland. Die Taktlosigkeit besteht aber darin, daß sie sich in ihren Nöten und Fragen an Brandes wenden. Wir möchten ein klein wenig den Spieß umdrehen — und in aller Gemütsruhe fragen: was ist denn Brandes? Warum klammern sich die Juden so hartnäckig an ihn, pvarum brüsten sie sich mit ihm. wo sie es nur können? Wir rmöchten nicht die Urteile Weiningers und anderer temperamentvoller, wahrhaft suchender Menschen über Brandes wiederholen. _ üe sind bekannt. Mag sein, daß Brandes im kleinen Dänemark [seinerzeit eine Rolle gespielt hat. — aber worin bestand seine Rolle? [Gestehen wir uns offen,' — er hat einen neuen Artikel aus England und Frankreich importiert. War in Dänemark der altprotestantische peist vorherrschend, so hat Brandes die Ideen Mills und Taines fand Spencers nach Dänemark hinübergetragen, kolportiert. War der Däne germanisch-schwerfällig, so trug Brandes seine Note. d. h. die •Jüdische Note, in die Literatur Dänemarks hinein. Wohlgemerkt, licht die tiefe jüdische Note, die große Weltanschauung, den Durst nach einer großen kosmischen Ordnung, den Sinn des Absoluten, [Jas Pathos des Sinnierers und Predigers, sondern das Leichte, Adoptierungsfähige. Nirgendswurzelnde, Raumlose des jüdischen Wesens. Natürlich Mill, der gute, brave Mill, der grundehrliche oft so bespuckte Humanist, feuilletonisiert, sagen wir iudaiziert — var pikant. Aber war er denn mehr als das? Wir glauben, hätte irandes nicht sein Rasseerbe mit Vorteil ausnutzen können, er färe ein unbemerkter, mittelmäßiger Schriftsteller geblieben. Aber Landes hat das Glück — Jude zu sein. Und die Welt macht die Juden interessanter als sie sind, denn alle die Verfolgten sind inter- ■""santer als die Verfolger. Ein an und für sich Mittelmäßiger, ein urzelloser im Reiche;der Ideen, ist er eben dadurch ein Bedeutender worden. Er hat sich an Wurzelnaturen rankenmäßig anzuschmiegen tanden. Und nichts stand ihm im Wege, — denn er hatte so ■nig Hemmungszentren, denn — er hatte das Glück, Jude zu sein. Es war einmal . . . Aber jetzt! Was ist heute Brandes? Eine ke, die ohne Eiche geblieben ist. Früher glaubte er das Leben Großen zu leben, ein Großer zu sein, indem er das Beben der :htigen Bäume nachzitterte. Die Bäume sind gefallen — Nietzsche, und Brandes lebt in der Vergangenheit, in Erinnerungen, las will man nun noch von ihm? "Was kann man von diesem ichempfinder, von diesem Mit- und Nebendenker erwarten? Er — Glaubensgenosse der Juden? Lächerlich! Ist er denn imstande. Glaubensgenosse, ja sogar ein Zweifelsgenosse zu sein? £ist keine „Brand"-Natur. Er sucht nicht nach Tiefen. Er hat vor ihnen. Und findet er eine, dann gießt er soviel Wasser hinein, als er kann, damit es ihm nicht schwindele. Er plätschert gerne im Leichten. „Mon verre est petit . . Ja, wenn es aber sein Glas wäre. Dann wäre auch diese Selbsterkenntnis von Wert, sie wäre die Offenbarung einer Persönlichkeit und die Tragik der Schranken. Aber Georg Brandes hat das Glas geliehen, ein kleines, sehr kleines Glas. Aber er hat das Glück — Jude zu sein. Und er kann aus dieser kleinen Barschaft Kapital schlagen. Und er trägt einen Ton, — den Ton der Rasse — hinein, das Sichbewußtsein, das Absolute, das auch durch seinen feuilletonistischen weltromantisch-müden Skeptizismus hindurchschimmert. Prophetentöne aber imponieren ... Laßt ihn doch in Ruhe, — den armen „großen" Mann! Er soll Tiefen verstehen, oder den Mut haben, seine inneren Zusammenhänge zu erfassen, zusammenzufassen? Wir Juden sind wahrlich zu naiv! Brandes aber hat unseres Erachtens wirklich gar keinen Anlaß, sich über sein Judentum zu beklagen. Ihm hat es nicht geschadet. (Die ganze Hinfälligkeit, um nicht zu sagen Sinnlosigkeit der Brandes'schen Äußerung über die Sprache der Deputationsmitglieder geht aus einer Notiz hervor, die Herr Jacobsen, ein Mitglied der Deputation, im „Fraind" veröffentlicht. Herr Jacobsen ist Redakteur einer in Finnland in finnischer Sprache erscheinenden Zeitung (!), alle andern Mitglieder der Deputation sprechen perfekt finnisch und gebrauchten Deutsch nur mit Rücksicht auf Herrn Brandes, der nämlich selbst kein Wort Finnisch versteht. Anm. d. R.) Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter! Das Programm des Ministeriums Das Programm des neuen Ministeriums begleitet ein günstiger Stern. Trotz seiner Unvollkommenheiten hat es die Zustimmung des ganzen Landes gefunden, denn es ist klar in der absoluten Ungiltigkeitserkläru.ig sämtlicher Irades und Gesetze des alten Regimes, die mit der Konstitution nicht in Einklang zu bringen sind. Die Einführung wichtiger Reformen auf allen Gebieten schon vor dem Zusammentritt des Parlaments ist angekündigt. Unter den vielen Neuordnungen ist besonders die Reorganisation der Steuereinziehung hervorzuheben. Die Oscherplage, unter welcher auch die jüdischen Kolonien zu leiden hatten, wird mit der Abschaffung des Pachtsystems gänzlich verschwinden. Die Sicherung des Grundeigentums, durch Anlegung eines geordneten Katasterwesens, durch Vereinheitlichung der Registraturbehörde (bisher konnten Veränderungen im Grundeigentum von den Zivil- und geistlichen Behörden separat bestätigt werden), die Möglichmachung "eines Bodenkredits, der nach den bisherigen Gesetzen fast nur auf städtischen Besitz beschränkt war, alle diese Maßregeln werden der Bevölkerung eine fruchtbringende Arbeit sichern und dem Lande neuen Kredit zuführen. Die Reformen auf dem Gebiete des Gerichts- , und Unterrichtswesens werden ebenfalls von der Bevölkerung freudig begrüßt. Mit der Ankündigung der allgemeinen W eh rpflicht ergeht jetzt schon die Aufforderung der Regierung an die jüdische und christliche Bevölkerung, Aufnahmegesuche bei den Militärschulen einzureichen. Die Juden, die. zu allen Zeiten den Schutz der Osmanen gefunden haben, werden jetzt stolz sein, das ottomanische Reich — ihr wahres Vaterland ohne historische Widersprüche — schützen und verteidigen zu können. Das Programm des Ministeriums sieht auch die Abschaffung der durch die Kapitulation entstandenen Privilegien der Ausländer im Einverständnis mit den Mächten vor. Für die Juden -entsteht hier eine neue Möglichkeit, der ottomanischen Regierung ihre Mitarbeitschaft und Loyalität zugleich zu bezeugen. Trotz der vielfachen Bemühungen und* Empfehlungen der Zionisten, insbesondere die nach Palästina eingewanderten Juden zur Annahme der ottomanischen Untertanschaft zu veranlassen, gibt es noch eine große Anzahl, die es aus Nachlässigkeit oder infolge der frühern verworrenen Verhältnisse unterlassen haben. Die ausländischen Juden werden wohl erfahren haben, welchen Wert für sie der Schutz ihrer Regierungen hat, und daß die Behandlung des schlechtesten türkischen" Beamten selbst des frühern Regimes den Juden gegenüber noch ungleich höher steht, als der Gerechtigkeitssinn ihrer eigenen Behörden. Heute werden die Juden die ersten sein, ihre unwürdigen, mit dem Gleichheitsideal unvereinbaren Ausländerprivilegien von sich zu werfen und zur Stärkung der neuen, verfassungstreuen und gerechten Regierung durch Zahlung von Guts- und Blutsteuer beizutragen. Daß dies nicht weniger in ihrem eigenen Interesse liegt, als im Interesse der Regierung, braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden. Die Regierung, die, überzeugt von der Loyalität der Juden, diese mit besonderer