Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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türkisch gelernt, wer, der nur einigermaßen unsere Jugend und unsern Volkscharakter kennt, wird daran zweifeln, daß aus unserer Mittebinnen kurzem die großen türkischen Redner, Schriftsteller, Journalisten und Dichter erstehen werden, deren die junge kulturelle Türkei jetzt so dringend bedarf? Und werden es die eingeborenen Juden aus eigener Kraft nicht zustande bringen, so wird ihnen ein Zufluß intellektueller Kräfte von außenher zugute kommen. Es ist sicher, daß sich auch das Zahlenverhältnis schnell ändern wird. Wer zweifelt noch jetzt daran, daß eine konstitutionelle Türkei mit unwiderstehlicher Gewalt russische Judenmassen anziehen wird? Die jüdische Jugend in Rußland, enttäuscht, lahmgelegt, von den Bildungsstätten zurückgedrängt, sehnsuchtsbange nach einer neuen Betätigung ihrer Energie jedoch glühend, möchte sich schon jetzt mit aller Gewalt auf das neue Gebiet stürzen. Dieser „Drang nach Osten" braust schon jetzt so stark, daß man ihn wohlweislich aus praktischen Erwägungen, um eine Überstürzung zu vermeiden, kennen muß. Aber das Bremsen wird — man muß sich dessen klar sein, — nicht viel helfen. Auf dem politischen Schauplatze in der Türkei werden bald mehr und mehr jüdische Elemente erscheinen, die sich schnell „osmanisieren" werden, Wir möchten sogar vor einem vorlauten Auftreten warnen. So sehr uns die rednerischen Leistungen, der im Grunde gerechtfertigte Begeisterungstaumel und die Gefühlsaufwallungen, die in demonstrativen Veranstaltungen ihren Ausdruck finden als wunderschöne, massenpsychologisch interessante Momente lieb und teuer sind, glauben wir doch, daß es für uns besser wäre, unsere Arbeit ruhiger und intensiver zu gestalten, so viel als möglich zu lernen, zu schaffen, still zu wirken. Es ist eine Krankheit der balkanischen-Kleinstaaten, daß sie zu viel Politik machen, zu viel leeres Gerede, zu viel Hurra-Stimmung, zu viel Straßengewühl, polterndes Parteigezänke und Wahlmachedusel, die die Meisten heranlockt, weil es viel leichter ist und den Leidenschaften mehr zusagt als gute Schulen zu leiten, gut in Städten und Dörfern zu wirtschaften, soziale und wissenschaftliche Realwerte zu schaffen. Und doch gehört der endgiltige Sieg in der Politik nicht den Schreiern, die' augenblicklich Effekt machen, um dann in Vergessenheit zu verfallen, sondern den Stillen im Lande, die auf komerziellem, industriellem und landwirtschaftlichem Gebiete das Tüchtigste leisten. Unsere Brüder möchten wir am allerliebsten unter den Letzteren sehen. Und auch nach dieser Richtung ist ja gar kein Zweifel, daß die jüdischen Energien auch von auswärts sich dem osmanischen Reiche und insbesondere Palästina zuwenden wollen. Wird die Ica, die bis an die Grenzen Patagoniens im Süden und bis Kanada im Norden ihre Fühlhörner hinausstreckt, um dort für jüdische Auswanderer Platz zu suchen, werden die „Removal- Committees", die in rühmenswerter Weise Emigrantengruppen in Texas unterbringen, oder die Anderen, einem aufstrebenden, kulturell erwachenden und wohlgeordneten Osmanenreiche mit Gleichberechtigung der Religionen und der Nationalitäten, wohin für die rumänischen , und russischen Emigranten kaum ein Katzensprung ist, gleichgültig Stand halten können? Wird nicht das jüdische Kapital die sicheren und lohnenden Anlagen suchen, .. die sich dort bieten werden? Bis jetzt wurde im antizionistischen Lager mit einem Argument am wirksamsten operiert, die Türkei ist rückständig, die Am» wanderer nach Palästina und Syrien zu bringen heifö| vom Regen unter die Traufe. Dieses Argument ist je{z| in ein Nichts zerflossen. Palästina glänzt jetzt nicraj nur im Nimbus seiner heiligen Vergangenheit, als unseil geweihte nationale Stätte, sondern auch im Lichte dlj modernen politischen Fortschritts: die Bevölkerung Palästinas ist zum Vollgenuß konstitutioneller Rectitl zugelassen worden. Hätten wir die Mehrheit im Land« hätten die großen jüdischen Institutionen bis jetzt_ih?l Millionen nicht den Schiffsgesellschaften für die Übeif führung der Emigranten, sondern dem Nationalfonds fd| den Ankauf von Ländereien, oder industriellen Unterl nehmungen gewidmet, so wären wir schon jetzt unserem Ziele nahe; wir wären schon jetzt ein gleichwertige! Teil des osmanischen Reiches, und die Selbstverwaltung wäre schon jetzt gegeben. J Der Zionismus war seit seinem Bestehen noch nie so aktuell, wie er jetzt, dank der neuen Ereignisse ge| worden ist. Dem schauenden Geiste — eine Ide|j haben wir ihn zu einem Parteiprogramm gemach! Jetzt ist er noch mehr als ein Parteiprogramm; er isj eine befehlerische Forderung der Zeit, ein unwiderrufliche^ „kategorisches Imperativ", nicht nur für seine Anhänge^ sondern auch für das ganze jüdische Volk. N. 3 Das Glück, Jude zu sein i Von P. Andersen Heine hat gesagt: das Judentum sei grr keine Religion, sonderaH ein Unglück. Mag sein, für manche ist es aber auch ein GlücjjcjH ein großes Glück. Besonders aber für solche, die mit dem JudeiöB tum sonst nichts gemein haben. Es würde höchst staunensweÄ erscheinen, wenn wir erzählen würden, daß es sogar in den dunkelste™ Zeiten der Judenverfolgung Leute gegeben hat, die ins Judentum aufgenommen werden wollten, weil es vorteilhafter sei, Jude zröj sein. Allerdings — und dabei immer zu beteuern, daß man es| nicht sei. Uriel Acosta berichtet in seiner Autobiographie von zweig Spaniern, die sich zum Judentum bekehren wollten, um besser ini| Leben fortzukommen. Wie oft ist der Ruf so manches ziemj^j lieh mittelmäßigen Menschen dadurch in alle Welt verbreitet wordenä weil — nun, weil er ein Jude ist. Wir möchten nicht den Arn^f semiten in die Hand spielen. Wir sagen nicht, daß Juden es sind,^ die den Ruhm ihrer Stammesgenossen kolportieren. Aber die jüdische;- Nuance, das Spezifisch-Jüdische, Unverkennbare verleiht dem geistigen^ Schaffen mancher an und für sich unbedeutenden Menschen ein; ganz besonderes, apartes Gepräge. Und dieser jüdischen kenn-| zeichnenden Note verdanken sie ihren Ruf. obwohl sie im Grunde, über das Mittelmaß nicht hinausragen. Wir wollen uns nicht aäj Allgemeinheiten halten, sondern einen ganz speziellen Fall vorrj nehmen, der unsere These am, besten illustrieren wird. Wir meineffj Georg Brandes. ^% Viele unserer Leser kennen wahrscheinlich den Aufsatz, ded| Georg Brandes vor kurzem in der „Frankfurter Zeitung" über Finnj; land und die finnischen Juden veröffentlicht hat. In diesem sebTj gut geschriebenen Artikel ergreift Brandes das Wort zur Abschütte; lung der immer und unaufhörlich sich ihm anbiedernden jüdischen „Glaubensgenossen". Denken Sie sich einmal, kommt da Brandes nach Helsingfors, einen seiner Vorträge zu halten, über nordische; Literatur, über Ibsen oder über Rousseau. Einen seiner Vorträge, sagen wir. Denn die Art ist zu bekannt. Sind es nicht humanistisch; aufklärerische, mit feuilletonistischer Wehmut und journalistische; Weltweisheit, — die alles weiß und alles verzeiht, — unbewußte Sentenzen, so sind es Beiträge oder, wie man lieber sagen möcbtej Bausteine zur großen Brandesbiographie, oder zur Biographie des großen Brandes, ganz wie sie wollen. Spricht Brandes über IbseJ da heißt es: Ich, Georg Brandes, bin mit Henrik dort und dorT»j dieser und jener Zeit zusammengekommen, und daß ich o% Schaffen Henriks beeinflußt, ihm die Motive geliefert habe, ab ist ja — ich meine, unter uns können wir es ja sagen — e2 offenes Geheimnis. - Nun gut — Brandes kommt nach Helsingfo0 Im „Hufvudstadsbladet" und den anderen schwedischen und finnisch?1 Zeitungen werden über den berühmten dänischen Gast „nicht Q» freundliche Artikel" veröffentlicht. Auf einmal — plumps, wer M