Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316330--50971-3378433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Trietsch: Ich bin dafür, die' beiden Blätter zu vereinigen. Sollte das nicht möglich sein, so wäre ich dafür, aus der „Welt" eine Vierteliahrsschrift zu machen. Auch eine solche Revue kann die Korrespondenzen enthalten, für eilige Nachrichten könnte man den Abonnenten Extrablätter übermitteln. Es ist ein großer Schaden für das Blatt, daß es nicht in Berlin erscheint, auch für den Jüdischen Verlag wäre es besser, wenn er in Berlin wäre und mit der „Welt" und der „Jüdischen Rundschau" vereinigt würde. Sokolow. Ich bedaure lebhaft, daß mau in so vorgerückter Stunde an das schwierige Problem der „Welt"-Umwandlung, oder gar des „Welt"-Unterganges herantritt, und daß man so leichtfüßig darüber hinwegtanzen zu können glaubt Aber nachdem Sie die Frage angeschnitten haben, gestatten Sie mir ein ehrliches Mahnwort an Sie zu richten. Vielleicht wird dieses Wort zur allgemeinen Orientierung beitragen. Ich möchte die geäußerten Ansichten aphoristisch* in einem Satz zusammenfassen: Alles, was jetzt ist, ist schlecht; gut ist nur was war, oder was sein wird. Man schwelgt j e t z t in Begeisterung über die „Welt", wie sie wai und wie sie als bleiche Traumgestalt der Erinnerung einem vorschwebt. Ist es schon lange her? Wie doch die Zeit vergeht! Vor 4, 5, 6 Jahren, also in der jetzt als ein goldenes Zeitalter bezeichneten Epoche, hat man genau' so räsoniert, wie über die jetzige „Welt". Wir treiben immer Ver- . gangenheitskultus, oderwir verfallen in eine ungeheuere Vertrauensseligkeit über die Zukunftsperspektiven jedes neuen Planes. In feierlichen Orakelsprüchen klingt es jetzt so grandios: Die „Welt" wird gut sein, wenn sie zweiwöchentlich mit langen, akademischen Aufsätzen, oder mit der „Rundschau" verschmolzen wird. Man labt sich schon an dem Vorgeschmäcke des Hochgenusses nach dieser. Metamorphose, deren die Menschheit harrt. All das, m. H., kommt daher, daß man nicht das richtige Maß der Dinge kennt Bald überschätzt man das eigene Können, bald will man viel und erlahmt schnell. Jedes Projekt wird mit Hedadrufen begrüßt und an allem was besteht wird gemäkelt. Was kann denn eigentlich auf publizistischem Gebiete unserseits geleistet werden? Als Journalist muß ich sagen: groß und wirklich auf die Dauer interessant kann nur ein allgemeines Blatt gemacht werden; es braucht nicht um Stoff verlegen zu sein, das vielseitige, wogende, rege Leben führt ihn in überreichlicher Quantität zu. Eine spezielle Art bilden die jüdischen Zeitschriften in verschiedenen europäischen Sprachen.. In dem beschränkten festen Programmkreis, der sie bannt können sie nur eine bestimmte Sphäre von Gedanken und Interessen einer allgemeinen Gruppe von Lesern behandeln. Die tüchtigsten Talente müssen sich-in dieser schweren Arbeit aufreiben; die meisten Blätter entgehen dem Verhängnis nicht, langweilig zu werden. Man muß sich mit Ergebenheit in das Unvermeidliche fügen: es sind eben Spezialblätter, von denen die meisten kleine Lesekreise haben und auf einem ziemlich wackeligem materiellem Postament stehen. Nun haben wir Zionistenblätter: Bei aller Macht und Frische unserer Idee als solche, wäre es doch eine drollige Großsprecherei zu behaupten, es sei möglich durch ein Spezialorgan, daß dieser Idee gewidmet ist großejournalistischeSiege zufeiern. Der mühsalbeladene journalistischziönistische „Rabbi Zadok" muß an seiner „Feige" nagen nnd nagen; die vielverarbeiteten Vexierfragen müssen wiederholt neue Formeln herausgequetscht werden, — auch auf die Gefahr hin, daß es dem einen, oder dem anderen langweilig wird! Unsere Reden, m. H., sind auch manchmal langweilig, — und das ist doch der eigentliche Stoff! Es bedürfte ganz besonderer Reizmittel, um solche Organe burschikos-sensationell zumachen, aber erstens würde das nicht so ganz zu dem Ernst der Idee passen, und zweitens würden diese Mittel kaum und nur momentan helfen. Es kommen noch andere Umstände hinzu. Wir haben jetzt Parteiblätter in verschiedenen Sprachen. Schade, daß . unsere wertgeschätzten Kollegen, — leider auch Defizit-Kollegen, — nicht zugegen sind, um das zu bestätigen, was ich vorhin sagte. Wir würden uns wie die Auguren einander zublinzeln: Wer ist denn •zufrieden? Wie kann man es besser machen? Wo ist die Form vorhanden, bei der die Herren, ja wir selbst nicht nörgeln werden? Wir. haben ein schwer zu behandelndes Publikum. Man hat so pessimistisch gesprochen. Hier ist das Wort von „anonymen Lesern". gefallen. Dunkel ist des Wortes Sinn. Sollte unsere Expedition etwa anonym postlagernd das Blatt versenden? Nun gehe ich im Pessimismus noch weiter: ich denke mir schon, die „Weh" in eine Monatsschrift oder in eine Halbmonatsschrift umgewandelt schwerbeladen mit wissenschaftlichem Baiast, ohne Aktualität, blutleer und bleichsüchtig. - Bei aller schuldigen Achtung vor der Kritik, kann ich nicht finden, daß die vorgeschlagenen Experimente etwas Gutes bieten. Es .ist ein alter Hader — aus lauter Liebe — zwischen der „Welt", in all ihren verschiedenen Formen und unter all ihren Redaktionen, . und der Partei, — der "zur Regel gewordene Hader zwischen jeder Partei und jedem Parteiblatt Wie bei einem alten Ehepaar, das manchmal gegeneinander grollt und schmollt, trotzdem sich doch nie scheiden lassen wird. Ich glaube auch, daß die „Welt" das zentrale Parteiorgan bleiben wird. Es wird ersprießlicher sein, wenn Sie ihr fürsorgliches Auge mehr auf das Erhalten des schon Geschaffenen, als auf das Experimentieren richten werden. Und noch eins: Einige unserer Freunde leisteten sich hier Orakelsprüche wie z. B.: Die ^Welt" ist schlecht, die „Welt" ist überflüssig. Nun könnte ich ebensowenig beweisen, die „Welt" sei gut, wie Sie — daß die „Welt" schlecht sei. Ich will es auch gar nicht beweisen. Man pflegte mir immer zu sagen: das sind Redensarten; die nüchterne, kaufmännische Kalkulation beweist: — großes Defizit — schlecht, kleines —gut. Nun hatte das Bilanz-Geschick für die Schlechtsager diesmal ganz unberechenbare Tücken. Sie haben soeben gehört,' daß das Defizit bedeutend zurückgegangen ist. Nun, wenn Sie sich auch damit noch nicht zufriedengeben, dann — pereat mundus! Dr. Hantke zieht seinen Antrag zurück. Trietsch: Die Abteilung „Palästina" müßte in der „Well" eine größere Ausgestaltung erfahren. Die humorvolle Erwiderung des Herrn Sokolow ist nicht befriedigend. Ich stelle den Antrag: Die Jahreskonferenz möge beschließen, die „Welt" mit der Jüdischen Rundschau in geeigneter Form zu vereinigen. Sollte dieser ^Antrag abgelehnt werden, so beantrage ich: Die „Welt" in einMonatsjoumal umzuwandeln, dem in geeigneten Fällen Beiblätter den Charakter der Aktualität verleihen können. Beide Anträge werden abgelehnt. Fischer: Ich bin von der belgischen Zionisten-Federation beauftragt, dafür einzutreten, daß die Sabbatruhe in den Bureaus der Leitung beobachtet werde. Wolffsohn: Die eben vorgebrachte Bemerkung ist auf Dinge zurückzuführen, die etwa ein halbes Jahr zurückliegen und uns schon mehrfach beschäftigt haben. Zunächst möchte ich betonen: Es ist selbstverständlich, daß die Sabbatruhe in unseren Bureaus eingehalten wird. Die Bureaus in Köln waren auch immer am Säbbat offiziell geschlossen. Indessen ist es vorgekommen, daß einzelne Beamte auch während des Sabbats gearbeitet haben. Als wir darauf aufmerksam gemacht wurden, haben wir sofort die erforderlichen Maßregeln getroffen, die es in Zukunft auch für das nichtjüdische Personal unmöglich machen, am Sabbat in den Bureauräumen zu arbeiten. Als diese Angelegenheit zur Kenntnis einiger misrachistischer Gesinnungsgenossen in Frankfurt gelangte, wurde von diesen leider nicht die erforderliche Disziplin beobachtet. Statt sich zunächst an das A. C. zu wenden, wurden vielmehr in öffentlichen Versammlungen heftige Vorwürfe erhoben und Resolutionen gefaßt, die in nichtzionistischen oder gar gegnerischen Blättern .erschienen, und Anlaß zu einer Agitation boten, die allmählich in eine Hetze ausartete. Die Angelegenheit gelangte auch auf dem Delegiertentag der deutschen Zionisten in Breslau zur Sprache, der es, obgleich die Sache schon längst in der befriedigendsten Weise geregelt war, für nötig fand, sein Bedauern über die Vorkommnisse, im Zentralbureau auszudrücken, während er anderseits unbegreiflicherweise verabsäumte, die zutage getretene schwere Indisziplin einzelner Gesinnungsgenossen zu rügen. Zur Sache selbst kann ich noch erklären: -Es ist ohne weiteres klar, daß die religiösen Satzungen bei allen offiziellen zionistischen Institutionen durchaus berücksichtigt werden. Anderseits aber darf nicht versucht werden, die zionistische Organisation, deren Stärke darin besteht, daß sie Juden aller Schattierungen und Meinungen für einen allgemeinen national-politischen Zweck umfaßt, etwa zu einem Vereine* „Schomre Schabbes1herabzudrücken. Dr. Braude: Diese Sache steht auch im Zusammenhang mit einer Angelegenheit des galizischen Landeskomitees. Es sind schon Bedenken darüber aufgetaucht daß an Föderationen, die in Wirklichkeit noch gar nicht bestanden. Schekelblocks ausgefolgt, und so die betreffenden Föderationen schon als wirklich bestehend an- , erkannt worden sind. Die galizisehe Föderation steht auf dem Standpunkt: eine Erklärung, eine Föderation gründen zu wollen, genüge nicht, um schon daraufhin von Seiten der Zentrale eine separate Behandlung der Leute, welche dieser zu gründenden Föderation angehören, eintreten zu lassen. Eine" Föderation müsse vielmehr erst wirklich gegründet sein, um. Rechte beanspruchen zu können. Es ist gar nicht notwendig, daß die Leute gleich Schekelblocks zugesandt bekommen. Die Herren, welche eine neue Föderation gründen wollten, sollten erst die genügende Anzahl bezahlter Schekel sammeln oder vonder genügenden Anzahl Schekelzahler die schriftliche Erklärung beibringen,- daß sie eine besondere Föderation gründen wollten. Er schildert nun den Verlauf der Verhandlungen zwischen der gallischen Föderation und den Misrachisten. Die Misrachisten hätten Herrn Fadenhecht als Vertreter für die Verhandlungen bestimmt, und verlangt, daß