Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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aber, daß auch die Juden sich mitfreuen und ihre Häuser illuminieren sollten. Die Juden verweigerten dies natürlich mit Rücksicht auf den nationalen und religiösen Trauertag. Die „Sokolisten" rächten sich dafür und schlugen fast sämtliche Fensterscheiben der Judenhäuser in Trümmer. Die christlichen Häuser, die aus irgendeinem Grunde nicht illuminiert waren, blieben natürlich verschont. Rußland (Von unserem Korrespondenten) Enquete des „Frajnd" In den Nummern 161—165 des „Frajnd" finden wir das Resultat der von ihm durchgeführten Enquete über die Einbringueg des Projektes der jüdischen Gleichberechtigung in die Duma. Vor allem ist es auffallend, daß das größte Interesse für diese, für die Juden so wichtige, Frage die Vertreter der Volksmasse an den Tag gelegt haben, während sich die Intelligenz ganz indifferent zu ihr verhielt. Es kamen auch Antworten von Vertretern der Intelligenz, aber nur auf die an sie direkt gerichteten Fragen, während das Volk aus eigener Initiative sich ausgesprochen hat Von den 82 Lesern, die an der Enquete teilgenommen haben, haben sich nur lSgegen die Einbringung des Projektes in die Duma ausgesprochen, während die anderen dafür waren. Ein ganz anderes Verhältnis sehen wir in den Äußerungen der Vertreter" der Intelligenz. 17 waren gegen, 19 für, von den Dumadeputierten waren 1 für und 1 gegen die Eintragung. Interessant und charakteristisch ist die Tatsache, daß, mit Ausnahme von Nisse- Iowitsch und Dubnow, alleVertreter der Petersburger Juden gegen die Eintragung waren, während die Vertreter der Provinz sich in ■überwiegender Mehrheit für sie ausgesprochen haben. Nach der Charakterisierung und Kritik verschiedener Ansichten einzelner Korrespondenten kommt „Frajnd" zur Oberzeugung, daß es zwar noch einzelne Individuen gibt, welche nach dem Beispiele ihrer Großväter von „Deputationen" träumen,-daß aber die breite Volksmasse im Interesse des Judentums eine offene energische politische Aktion unternehmen will. Die Meinungsverschiedenheit besteht nur darin, daß man nicht einig ist,- ob der gegenwärtige Moment sich für die Eintragung des Projektes in die Duma eignet, aber auch hier spricht sich die Mehrheit für diese Aktion aus und erwartet einen sicheren realen Erfolg. „Ich bin fest überzeugt," — schreibt Dubnow in seiner Antwort — „daß im Falle eines Plebiszits die Mehrheit unseres Volkes sich dafür ausgesprochen hätte, daß man nicht schweigen, sondern zur Tat schreiten soll." Indem sich „Frajnd" mit dieser Meinung für solidarisch erklärt, schließt er die Kritik der Enquete mit der Anmerkung, daß es zwar unmöglich ist, ein Plebiszit in Rußland durchzuführen, d. h. die Stimme der öffentlichen Meinung in ihrer Klarheit zu vernehmen, aber das Ergebnis der Enquete habe aufs deutlichste erwiesen, daß die russische Judenheit sich für eine Aktion und gegen das Schweigen ausgesprochen hat. Antisemitismus in Finnland In der ersten Hälfte d. M. fand in St. Michel (Finnland) eine Konferenz finnländisCher Kaufleute zur Behandlung der Frage des Verhältnisses zum Projekte jüdischer Gleichberechtigung in Finnland statt. Einer der Redner wies darauf hin, daß man die Rolle der Juden in der Entwicklung des finnischen Handels nicht richtig beurteilen kann, daß aber nach genauer Prüfung dieser Frage folgendes ersichtlich ist: SALONIKER JUDEN UNTERHALTEN SICH ÜBER DIE KONSTITUTION 1) Bevor man den Juden Gleichberechtigung erteilen wird, muß man das Verhältnis der Juden als Kaufleute und Menschen zur übrigen Landesbevölkerung klarstellen, da die Erfahrung zeigt, daß Juden zum Separatismus streben und einen Staat im Staate bilden; im Handel beuten sie die' Arbeiter aus und suchen immer nur ihren eigenen Vorteil. . 2) Die von den Juden geübten Handelszweige gehen unter. Die Ursache liegt darin, daß die Juden sich keine Mühe - geben, um den Handel, mit dem sie sich beschäftigen, zu heben, ,da sie nur zum schnellen Reichtum streben. 3) In der letzten Zeit, seitdem sich Arbeiter in Gewerkschaften organisieren, sind Kaufleute und Fabrikanten genötigt, sich zu vereinigen; doch ist es unmöglich, Juden heranzulassen, da sie nur dann in den Verein eintreten, wenn sie darin Vorteil für sich und Schaden für andere sehen. Gegen diese antisemitischen Auseinandersetzungen hat niemand protestiert. Am Ende wurde eine Resolution angenommen, daß diefinnischen Kaufleute sich mit der Bitte an den Landtag wenden sollen, daß er sich nicht eher" mit der Judenfrage befassen möge, bis eine von den Kaufleuten gewählte Kommission ihre Meinung in dieser Frage aussprachen hat. Zur Rechtslage Das kommende, Schaljahrbeginnt unter einem für die Juden ungünstigen Stern. Das im vorigen Jahre praktizierte System der Aufnahme der Juden in höhere Lehranstalten über die Prozentnorm hinaus wird in diesem; Jahre infolge der Bemühungen der Universitätsbehörden nicht mehr angewandt Der jetzige Minister für Volksaufklärung, Schwartz,. hat kategorisch beschlossen, sich an die vom Gesetze und, richtiger gesagt, vom Minister Bogolepow bestimmten Normen zu halten, da, wie wir schon bereits öfters hingewiesen haben, die Bestimmung dieser sondern lediglich auf Normen sich nicht auf Gesetzesparagraphen, Zirkulare stützt. So haben die Bemühungen des „Verbandes des russischen Volkes" einen reichen Erfolg geerntet, und alle höheren'Lehranstalten werden in diesem Jahre für Juden geschlossen. bleiben. Und so beginnt wieder der Exodus jüdischer Jugend nach den ausländischen Universitäten. Daher ist die Lage sehr ernst, um so mehr,, da die Juden für den früheren Liberalismus des Ministeriums teuer bezahlen werden. Minister Schwartz' hat nämlich nicht nur befohlen, die Prozerftnormen in diesem Jahre streng anzuwenden, sondern auch das bisherige Zahlverhältnis jüdischer - Studenten zu regulieren. Diese Regulierung wird in der Weise geschehen, daß man in den Lehranstalten, wo Juden mehr als 3% ausmachen, die Aufnahme von Juden so lange unterbricht, bis die Zahl auf vorgeschriebenen Norm gesunken ist ' - ^. Die Lage der Juden in den Mittelschulen sieht nicht besser aus. Auch hier soll in diesem Jahre die Prozentnorm aufs strengste angewandt werden; auch hier wird die Aufnahme von Juden über die Norm bis zur „Regulierung" des Zahlverhältnisses unterbrochen. Am schlimmsten ist es aber, daß diese Verordnungen auch in den Privatschulen, welche'Rechte von Regierungsschulen besitzen und bis jetzt einen Zufluchtsort für Juden bildeten, durchgeführt werden sollen. Das ist das Bild der gegenwärtigen Lage der Juden in Rußland, und die Aussichten für die Zukunft, sind keine heiteren. Das zeigt sich deutlich aus den Äußerungen der Dumadeputierten mit Ausnahme des ewigen Optimisten Nisselowitsch. Der Deputierte Zamyslowskij, der Verfasser des bekannten antisemitischen Projektes über die Nichtaufnahme von Juden ins Militär, hat während der jetzigen Sommerferien seinen Wählern dfe frohe Nachricht gebracht, daß angesichts der kleinen Zahl Juden Inder Duma alle jüdischen Pläne zerstört werden.