Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-09-04 · 35 (4.9.1908) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316332--51016-3378407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 35 ■ - ' / ' " ' ' ■ — DIElS Ausführung dieser Arbeitin Gründung von Schulen, in der Sichtung,-methodischen Bearbeitung und Verarbeitung aller im altjüdischen Schrifttum niedergelegten, einer modernen Gesellschafts''- form entsprechenden sozialen, ethischen und politischen Ideen. 5. Das Zentralbureau möge die ordnungsgemäß laut § 17 des Organisationsstatutes aus Delegiertenwahlen hervorzugehende Allgemeine Misrachikonferenz innerhalb Jahresfrist, möglichst im Anschluß an den allgemeinen zionistischen Kongreß, vorbereiten. Herr Rabbiner Reines weist nochmals darauf hin, daß alle Misrachisten die Jeschiboh in Lida unterstützen sollen. 230 Schüler besuchen dieselbe, und Gedauloh Hätauroh seien bereits ..aus ihr hervorgegangen. Aber auch' die profanen Wissenschaften werden den Besuchern dieser Jeschiboh geboten, so daß anerkannte Gelehrte ihr Lob und Anerkennung ausgesprochen haben. Wahlen: Für die aus dem Zentralbureau des Misrachi ausgetretenen Jacob Posen und Sally Geis werden auf Vorschlag .der Versammlung kooptiert: Prof. Dr. Sulzbach-Frankfurt a. M., Prof. A. Weyl-Frarikfurt a. ML, Baruch Stern-Frankfurt a. M., Hermann Struck-Berlin.. Für das Zentralkomitee werden gewählt: für Österreich-Ungarn: Austerlitz-Wien, Fadenhecht-Kolomea, Leibowitsch-Budapest; für Rußland: Guriand-Wilna, .Berlin-Wilna, Rabbiner Fischmann-Ungeni und ein noch zu nominierender Herr in. Grodno. Kaufmann-Stuttgart dankt dem Präsidium für die umsichtige, unparteiische Leitung. Prof. A. Weyl: Wie gehen wir auseinander?. Hoffnungsfroh oder verzagt? Die Hoffnung muß ich aufpflanzen an dem Ende unserer Beratungen. Od lo.owdö tikvosenu! Noch haben wir die Hoffnung, daß der Misrachi ein großer Kulturfaktor in der Entwicklung der Juden sein. wird. Der misrachistische Geist ist bestimmt, einen Wall zu bilden gegen" die demoralisierenden Erscheinungen1 der Neuzeit. In der praktischen Wirklichkeit wollen wir alle wirkliche;arbeitsfrohe Zionisten sein ünd uns in diesem-Geiste an die großen Männer des Judentums anschließen;, die nicht stille wurden in ihrer Sehnsucht nach der alten jüdischen Heimat vertrauend auf den Hirten Israels. In diesem Sinne schließe ich die. Versammlung. Österreich (Von unserm Korrespondenten) Kindertaufen-in Galizien Die Entführungen minderjähriger jüdischer Mädchen, die Klöstern der alleinseligmachenden Kirche zugeführt werden, wachsen zu einem Skandal sondergleichen" heran. An der Schwelle polnischer. Klöster versagen alle österreichischen Gesetze, versagt alle staatliche Autorität. Die polnischen Klerikalen, die insbesondere kleine jüdische Mädchen in ihr Herz geschlossen, leisten Unerhörtes an Vergewaltigung der Kinder und Demütigung der unseligen Eltern. Es ist höchste Zeit, daß die polnischen autonomen Behörden in ihre Schranken gewiesen werden. Man berichtet uns über folgenden neuerlichen Fall einer Entführung: Aus einem Dorfe neben Mosciska in Galizien ist vor drei Mo- _ näten ein minderjähriges jüdisches Mädchen verschwunden., und erst nach lajiger Zeit gelang es den Eltern, festzustellen, daß" ihr . Kind sich im Kloster der Felicianerinnen in Krakau befindet, in demselben Kloster, in dem seit Jahren eine Menge jüdischer Mädchen Aufnahme fanden. Das Vormundschaftsgericht Mosciska forderte mit Bescheid vom 12. Juni 1908 sämtliche Sicherheits- und Gerichtsbehörden auf,, den Eltern in der Wiedererlangung ihres Kindes behilflich zu sein. Auf Einschreitendes Vertreters der Eltern, Drr Rafael Landau in Krakau, begab sich vor einigen Wochen ein Pplizeikommissär der Krakauer Polizeidirektion mit. Dr. .Landau und der Mutter des Mädchens in das genannte Kloster, wo eine Unterredung, zwischen Mutter-und Tochter'stattfand. Eine nähere Berührung der Mutter mit ihrem Kinde wurde nicht gestattet. Die Mutter.konnte nur durch eine Barriere getrennt mit,ihrer Tochter ^sprechen.. Da das Mädchen sich weigerte, ins elterliche Haus . zurückzukehren, verlangte Dr. Landau die zwangsweise Auslieferung des Mädchens im Sinne des rechtskräftigen Gerichtsbeschlusses, doch der Polizeikommissär verweigerte die Ausführung desselben. Das Bezirksgericht Mosciska, an das sich Dr. Landau mit dem Ersuchen wendete, es möge das Krakauer Bezirksgericht aufgefordert . werden, die zwangsweise Abnahme des Mädchens aus dem Klöster im : Sinne des Beschlusses des. Bezirksgerichts Mosciska: zu vollziehen, wies, die Eltern mit diesem Ansuchen an das hierzu komjgELT ' 15 petente Bezirksgericht Krakau. Mit Bescheid vom 19. August 1908 hat jedoch das Krakauer Bezirksgericht die Vollziehung des Beschlusses des Bezirksgerichts Mosciska wegen zwangsweiser Abholung des Mädchens aus dem Kloster abgelehnt und sämtliche Akten dem Bezirksgericht Mosciska zurückgeschickt. Und so wandern die Akten von einer -Behörde zur andern. Im Parlament wird man im. Wege einer Interpellation die Ansicht des Justizministers über diese Rechtsverweigerung zu erfahren suchen. Jüdische: Millionäre und die Kommune Wien Reiche Juden hatten seit jeher den Ehrgeiz, die bösen Antisemiten - durch Selbstlosigkeit und mildtätige Gaben bekehren zu wollen. Man spendete Millionen für die liebe Vaterstadt Wien, man stellte Stiftungen dem christlichsozialen Stadtrat zur Verfügung. Natürlich hieß es immer: „ohne Unterschied der Konfession". Man überließ es aber den urwüchsigen Vertretern des „christlichen Volkes von Wien", diese weitherzigen Grundsätze zu betätigen. Und die Christlichsozialen taten, was sie konnten,. damit auch kein Heller von den großartigen Spenden israelitischer Stifter einem bedürftigen Juden zufalle. So gewöhnten wir uns daran, eine posthume Zuwendung sanft entschlafener israelitischer Größen, die die Aufschrift — „ohne Unterschied der Konfession" — trug, als eine Wohltätigkeitseinrichtung zu betrachten, die nur nicht für Juden da ist. Dem verstorbenen Diktator der jüdisch-spaniolischen Gemeinde Wiens, dem Millionär Abraham Elias, blieb, es vorbehalten,, auf die nichtssagende Klausel zu verzichten. Er war offenbar *ein reicher Mann. In einem Wiener Blatte erzählt ein spaniolischer Jude,, der Verblichene hätte sich einmal anheischig .gemacht, zur Sanierung der sephardischen Gemeinde das Zehnfache der Summe beizutragen, die alle andern Mitglieder derselben —. lauter wohlhabende Leute — aufbringen werden... Abiaham Elias . war jedoch nicht der einzige, der sich so hoch einschätzte. Nun starb .er;. Das gegebene Wort konnte er nicht einlösen.' Man blickte sehnsüchtig und ehrfurchtsvoll nach dem Testament. Und siehe da: Der Gemeinde Wien wurden für verschiedene nichtjüdische Zwecke 400000 Kronen vermacht- (der Stadtrat nahm sie ohne ein Wort des Dankes entgegen), der jüdischen Gemeinde — kein Heller. . So rächte sich Abraham Elias auf dem Sterbebett an dem Judentum, er wollte keine Würzen .sein. Die reichen Juden besinnen sich gewöhnlich ihres Judentums, wenn es ans Sterben, geht. Elias wird der erste Krösus sein, dem in letzter Stunde das christliche Wien noch immer lieber war. Jawohl, die modernsten jüdischen Millionäre wollen auch angesichts des Todes stark bleiben und. die Distanz zwischen ihnen und dem Judengesindel dort unten aufrechterhalten. Abraham Elias war nicht einer der zartfühlenden Geldjuden. War er nicht aber einer der aufrichtigsten? ... ', Konsequenzen der Anerkennung der jüdischen . Nationalitat Der Aufruf des Exekutivkomitees der jüdischen Studentenschaft Wiens enthält eine bemerkenswerte Forderung. Das Exekutivkomitee weist auf die erkämpfte Anerkennung der" jüdischen Nationalität an einigen führenden Hochschulen Österreichs hin, kündigt die. Oberreichung eines Mernoran-dums an die Senate der übrigen Hochschulen an und erklärt: „Der Kampf gilt der Errichtung von Lehrkanzeln für jüdische Geschichte und Literatur an den Hochschulen". Dieser beachtenswerte Passus beweist daß die Exekutive der jüdischen Studentenschaft in Wien sich der Tragweite ihres Ringens , für das Selbstbestimmungsrecht der jüdischen. Hochschüler Österreichs bewußt ist und vor keinen Konsequenzen, mögen sie von assimilatorischer Seite wie immer verhöhnt werden, zurückschreckt. Wir wollen daher glauben, daß alle Freunde tier jüdischen Sache der Aufforderung des Komitees, es materiell zu unterstützen, willig Folge leisten werden. ■ ' . Kultuswahlen in Wien Die Wahl von 13 Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde in Wien steht im November bevor. Das innerösterreichische zionistische Distriktskomitee konstituierte sich bereits als oppositionelles-Wahlkomitee und gab dies in einem Aufruf an die Wählerschaft kund. Wie uns von wohlinformierter Seite mitgeteilt wird, wird die beim Bundestag der jüdischen Gemeinden Österreichs erzielte Verständigung zwischen Zionisten und Assimilanten auf den bevorstehenden Wahlkampf keine Wirkung üben. Die Wiener Zionisten wollen nach wie vor von keinen Kompromissen hören. Ein Pogrom-en miniature . Glogow: Der hiesige „Sokol"-Verein feierte am Vorabende des 9. Äbh, des jüdischen Trauertages, das Papstjubiläum durch Illumination und' festlichen Umzug. Die feiernden Christen wollten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.