Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^ISF^^tSSSK ' .No. ,35 "; ' erwerben. , Die türkischen Gesetze machen den Erwerb der ottomariischenStaatsangehörigkeitaußerordentlich leicht, und die türkische Regierung wird sicherlich die Vermehrung ihrer Untertanen und die daraus hervorgehende materielle und moralische Stärkung des Reiches sehr gerne begrüßen. Die Annahme, der türkischen Staatsangehörigkeit ist nicht nur nötig, uni die Stimmenzahl zu vermehren, sondern auch dazu, daß die. in den letzten Jahren eingewanderten Juden, als die politisch und kulturell reiferen, den ihnen zukommenden Einfluß innerhalb der jüdischen Bevölkerung auf den Gang der Politik im Lande ausüben können. Jüdische Sprachkonferenz (Von unserm Spezialberichterstatter.) Czernowitz, am 30. August. Heute, um 10 Uhr vormittags wurde hier im großen Musikvercinssaale die Jüdische Sprächkonferenz oder, wie sie „offiziell" genannt wird: „Konferenz für die jüdische Sprache" feierlich eröffnet. Anwesend waren fast 70 Teilnehmer' und ein sehr zahlreiches Publikum,, welches mit großem Interesse die Beratungen verfolgte. Von den bekannten jüdischen Schriftstellern sind erschienen: L. J. Perez, Asch, Schitlowsky, Naumberg, Reisen u. v. a. Die Eröffnungsrede hielt Dr. Nathan Birnbaum. Die Masse liat fast immer gern — meint der Redner — alle Leute ausgelacht, welche neue Wege einschlagen. Nichtsdestoweniger besiegt nach einer langen Zeit"hartnäckigen Kampfes die Oberzeugungskraft dieser „Stürmer" die Apathie und das ironische Lächeln der Gegner; .die neue Idee triumphiert.' So «erhält es sich auch mit der Frage der jüdischen Sprache. Redner beklagte lebhaft die Gegnerschaft, die man allerseits der jüdischen Sprache entgegengebracht habe, die ihren Ausdruck in dem Schimpfnamen „Jargon" finde.- Es sei zu begreifen, daß die Assimilation die jüdische Sprache bekämpft. habe, aber auch das nationale Judentum habe sich ihr nicht freundlich erwiesen. -\ Die jüdische Sprache hat sich aber nicht viel um den Spott der Intelligenz gekümmert. Still ging sie ihren Weg weiter, welchen die neue Zeit und das alte Volk ihr vorbereitet hatten. Die neue Zeit Wollte durch'die jüdische Sprache den breiten Massen Licht und Kultur bringen. Das alte Volk ist' voneinem langen Traume erwacht und konnte die jüdische Sprache nicht aufgeben. Langsam ist auch ein neues Geschlecht herangewachsen, welches ein tieferes Verständnisfür unsere Sprache zeigte. Diese heue Intelligenz fühlte, daß das Unglück unserer Nation auch darin besteht, daß wir uns selber, unserer Sprache, unserer wahren Volksseele schämen. Wie konnten wir von anderen für uns Achtung verlangen, wenn wir selbst auf jedem Schritte unsere Sprache, in welcher wir durch lange Jahrhunderte unser Herz und Humor, unsere Freude und Trauer ausgedrückt haben, verleugneten und verachteten? Entfernen wir diese Schmach von unserem „Mameluschen" und unser Volk wird in Ehre leuchten. Warum meinen wir, daß -das jüdische Leben die Schönheit verstoßen hat? Die.Schönheit ist nur ein Abglanz unserer inneren Kraft .Daß wir aber in' anderen Sprachen schaffen wollten, hat sicherlich unsere innerliche Schönheit nicht erhöht Der Abscheu vor dem „Jargon" war der Ausdruck des Abscheues, welchen wir vor uns selbst hatten. Die beste Garantie für die Schönheit bietet aber die Liebe und Verehrung der eigenen Sprache. Warum meinen wir, daß wir nur wenig Macht in der Welt besitzen? Öffnen wir denn neue Quellen von Macht und Stärke? Und wissen wir denn nicht, was eine Sprache aus einem Volke machen kann? Daß sie seine Kultur einzäunt und behütet und daß sie erst dem DIEMKE LT - 11 Volke die nationale Gleichberechtigung aufschließt Ist das eben nfcht ein großes Stück Kraft und Macht? Der Redner verwies sodann auf den beispiellosen Aufschwung, den die jüdische Sprache neuerdings genommen habe. Das sei der beste Beweis für ihre Lebenskraft. Nach Dankesworten an die Veranstalter erklärte er sodann die Tagung für eröffnet. Stürmisch begrüßt betritt die Tribüne J. L. Perez. Der Redner will zunächst die politischen und sozialen Momente besprechen, welche die Veranstaltung dieser. Konferenz hervorgerufen haben. Als erstes Moment hebt Perez die Demokratisierung des Volkes hervor und besprichf den Einfluß des Chassidismus auf die Ausbildung der jüdischen Sprache. Die Befreiung der jüdischen Frau — das zweite wichtige Moment für die Entwicklung der jüdischen Sprache — hatte ebenfalls ihren Widerhall in der jüdischen Literatur gefunden. Das Erwachen des jüdischen Proletariats endlich in der Jetztzeit ist eines der bedeutendsten Momente, welche die Wichtigkeit der jüdischen Sprache für das jüdische Volk akzentuierten. Alle diese Momente würden jedoch zur Veranstaltung dieser Konferenz nicht ausgereicht haben, ohne das in allen Nationen erwachte Bewußtsein und das Bedürfnis nach selbständigem Ausleben in der eigenen Sprache und Kultur. Und auch wir Juden, die unterdrückteste aller Nationen, haben unsere Sprache, unsere Kultur. Nicht zu Demonstrationszwecken ist die Konferenz einberufen worden. Wir sind zur Konferenz gekommen, um uns ein- ander kennen zu lernen, um die Grenzen, die die jüdischen Schriftsteller und Künstler getrennt haben, zu verwischen, um die Bedingungen für eine allgemeine jüdische Literatur zu schaffen. Eine weitere wichtigere Aufgabe der Konferenz ist die Vermittlung der in jüdischer Sprache geschaffenen Kulturwerke den anderen Völkern, denn unser Volk muß - von den anderen gehört werden. Zu diesem Zwecke wird ein Vorschlag gemacht werden, allein jüdischer Sprache geschriebenen, wertvollen Kulturwerke in lateinischer Tränskription herauszugeben. Stürmischer Applaus erscholl nach der glänzenden Rede Perez'. Nachdem noch der einstimmige Beschluß gefaßt wurde, an den Nestor der jüdischen Literatur, Mendele Mocher Sforirn (Abramowicz), ein Begrüßungstelegramm abzusenden, wurde zur Wahl des Präsidiums geschritten. Das Ergebnis der Wahl war folgendes: Dr. Nathan Birnbaum (Vorsitzender), J. L. Perez, Warschau, Dr. Ch. Schitlowsky, New. York, Löbl Taubes (Stellvertreter). Ins Sekretariat wurden gewählt: Ch. D. Naumberg (Warschau), Dr. Sottek (Braila), Singer (Wien), Weiß.mann (Czernowitz), Anselm Kleinmann (Lemberg), Kahn (Lodz) und FrL Esther (Wilna). -Mit-dem Verlesen der in großer Anzahl eingetroffenen Begrüßungstelegramme wurde die Sitzung geschlossen. Nachmittags fand in Grüders Garten eine große Volksversammlung statt, zu der sich eine überaus starke Zuhörerschaft eingefunden hatte. Auf der Tagesordnung stand: „Die Bedeutung der jüdischen Sprachkonferenz." Zu diesem Punkte sprachen Löbl Taubes, Dr. Schitlowsky, J. L. Perez u. v. a. Im Namen der zionistischen Jugend, welche in der jüdischen Sprache ein großes Stück jüdischer Kultur sehen und für ihre Weiterentwicklung arbeiten will, sprach Gg. Wechsler (Buczacz). Besonders hervorzuheben sind die trefflichen Ausführungen Dr. Schitlowskys, der in einer tief durchdachten Rede die Bedeutung der jüdischen Sprachkonferenz erörterte. Alle Redner betonten mit Nachdruck, daß die Tendenzen der Konferenz gar nicht gegen die hebräische Sprache gerichtet sind. Die Versammlung dauerte ungefähr drei Stunden und nahm einen würdigen Verlauf. Abends um 8Vi Uhr fand im Stadttheater ein jüdischliterarischer Abend statt. Vor einem sehr zahlreich erschienenen Publikum lasen Perez, Asch, Reisen und'Naumberg aus ihren neuesten Dichtungen vor. Großes Aufsehen erregte Aschs meisterhafte Übersetzung der biblischen Erzählung „Ruth". (Schluß folgt) -o o o o o o o ] AUS DER BEWEGUNG ( o o o o o o o Dr. Leo Kohan In Weißenburgbäd in der Schweiz, wo er. von einem schweren und lebensgefährlichen Leiden Heilung suchie, verschied am 281 v. M. unser hervorragender Gesinnungsgenosse, Mitglied des Großen A. C, Dr. Leo Kohan. Durch das Hinscheiden dieses wackeren Mannes, .den. uns so frühzeitig der Tod entrissen, ist unsere zionistische Organisation von einem schweren Verlust betroffen worden. Der Heimgegangene war mit hohen Geistesgaben,