Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Herrscher abhängig und von einflußreichen Beamten regiert die häufig zum Schaden und gegen 'den Willen des Volkes ihre Geschäfte verrichteten, so wird jetzt durch die Konstitution der Wille des Volkes als erste und oberste Instanz der Leitung der Geschicke des Staates angesehen werden müssen. Es ist zu hoffen, daß dieses freie Volk Kraft genug besitzen wird, um das wieder aufzurichten, was gewissenlose Beamte durch eine lange Reihe von Jahren zugrunde gerichtet haben, und dem türkischen Staate den Einflössen der fremden Mächte gegenüber volle Souveränität zu verschaffen. Das wird aber nur dann möglich sein, wenn das junge türirische- Parlament es verstehen wird, die Türkei in einen freien,. modernen Staat umzubilden. Man meine nicht, daß dies erst einen längen Entwicklungsprozeß verlange, daß das Volk in der Türkei für solche Freiheiten noch nicht reif sei. Im Gegenteil ist die natürliche Intelligenz der orientalischen Völker, die Duldsamkeit und das Verständnis für Rechtlichkeit und individuelle Freiheit so sehr entwickelt, daß jede Angst vor mißbräuchlichem Genüsse der Freiheit unberechtigt ist. Auch ist der Orient so sehr der, Tummelplatz für die Mitglieder der verschiedensten Nationalitäten und Konfessionen, daß der Orientale sich seither an den Umgang mit Fremden gewöhnt hat. Es ist zu hoffen, daß diese guten Eigenschaften nicht bald verloren gehen und einem unduldsamen Chauvinismus Platz machen werden. In diesem Falle kann die Konstitution auf unsere Arbeit nur von fördernder Wirkung sein. Wenn dadurch nämlich nur das Resultat der „Politik der offenen Tür" erreicht wird, so ist das schon für uns ein bedeutender Erfolg. Wenn in der Türkei moderne Grundsätze des freien Verkehrs, der vollständig freien Niederlassung der Ausländer, des freien Gewerbes und durch Verwaltungsmaßregeln nicht beschränkten Bodenerwerbes durchgesetzt werden, dann haben wir zwar keinen rechtlichen Vorrang vor den andern, den wir hier wohl gerne angestrebt hätten, aber wir haben doch auch die Möglichkeit zur freien Entwicklung. Von größter Wichtigkeit ist, daß jene gesetzlichen Bestimmungen fortfallen, die den Beamten eine Handhabe zum willkürlichen Vorgehen boten, und daß die Beamten selbst von einem anderen Geiste beseelt werden. Bis jetzt waren die meisten großzügigen industriellen Unternehmungen, die das Land wirtschaftlich zu heben imstande waren und die in allen andern Staaten einer tatkräftigen Förderung seitens des Staates begegnen, durch mangelhaftes Interesse und Verständnislosigkeit der staatlichen Organe verhindert worden. Statt Unternehmer und Kapitalisten anzulocken, die industrielle Initiative der Bevölkerung anzufachen, wurde nur alles getan, um die Unternehmungslustigen abzuschrecken und zu entmutigen und das fremde Kapital vom Lande fernzuhalten. ■ Wenn nach dieser Richtung hin eine Änderung eintritt, so wird gewiß unsere Lage, die wir jetzt fast die einzigen sind, die ein lebhaftes Interesse an dem Aufschwung des Landes haben, insofern erschwert werden, als wir wahrscheinlich mit einer sehr heftigen Konkurrenz des auswärtigen, günstige Anlage suchenden Kapitals zu rechnen haben werden. Hoffentlich ist dies aber für uns nur ein Ansporn für eine um so größere Energieentfaltung. Es ist allgemein zu beobachten, daß die Juden in allen Ländern, die eine rapide ökonomische Entwicklung durchgemacht haben, wo also auch die wirtschaftliche Konkurrenz am schärfsten ausgeprägt ist, in ganz bedeutendem Maße an diesem Aufschwung beteiligt waren; dagegen sind sie gerade in den Ländern allgemeiner wirtschaftlicher Depression auch selbst ökonomisch zurückgeblieben. Die erste Bedingung dafür, daß unsere Position im Lande erstarkt, ist der ungehinderte Landerwerb. Es muß immer von neuem betont werden, daß die Hauptbedingung für die Regeneration des jüdischen Volkes die Rückkehr zum jüdischen Boden ist. Niemals kann eine städtische Ansiedlung der Juden in Palästina uns auch nur im entferntesten jene moralischen und kulturellen Kräfte verleihen, die wir zur Wiederbelebung des Volkes in Palästina und im Goluth brauchen. Auch wirtschaftlich .muß die Hebung des Landes von der Förderung der Landwirtschaft ausgehen: Palästina ist und wird für absehbare Zeiten ein eminent agrikulturelles Land bleiben. Nur auf einem ökonomisch starken Bauernstand wird sich erst eine wohlhabende Stadtbevölkerung aufbauen können. Freilich wird die Fellachenbevölkerung, wenn ihre Unterdrückung und die wirtschaftliche Aussaugung seitens der Regierungsbeamten und Steuerpächter aufhört, weniger willig sein, das Land zu verkaufen; aber gerade dadurch, daß der Fellache größern Schutz genießen wird, wird für den Großgrundbesitzer, den reichen Effendi, den jetzigen Ausbeuter des Fellachen, der Bodenbesitz ein weniger einträgliches Geschäft sein, und so werden sich den Juden wohl genügend Kaufgelegenheiten bieten. Anderseits istdie Zukunft des Landes hauptsächlich von einer intensiveren Bewirtschaftung des Bodens abhängig, und diese rationellere Ausbeutung . der Bodenkräfte, wie sie durch die jüdischen Kolonien bereits eingeleitet worden ist, läßt noch eine große Vermehrung der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu, ohne daß die bisherige verdrängt werden müßte. Nun ist aber der Bodenerwerb in Palästina, auch wenn ernstliche rechtliche Erleichterungen eintreten, noch immer •ein außerordentlich schwieriges Geschäft, das nicht von einzelnen besorgt werden kann. Die Parole der »Privatinitiative darf hier nicht, wie dies bereits in Kreisen unserer Gesinnungsgenossen vielfach .geschehen ist, mißverständlich angewandt werden. Es bedarf nicht der Wiederholung, daß die philanthropische Kolonisation nicht wieder in Schwung kommen soll; aber unentbehrlich ist eine gut fundierte Organisation, die systematisch und zweckmäßig die Kolonisation betreibt Jeder einzelne ist für sich machtlos, nur eine Kollektivarbeit kann sich behaupten. Es kann den bisher in der Kolonisation beschäftigten chowewezionistischen Institutionen der Vorwurf nicht erspart werden, daß trotz der 26jährigen Tätigkeit im Lande so wenig Fachleute ausgebildet werden, die den Landkauf verständen. Tatsache ist es nämlich, daß die Juden, die überall den Handel sehr gut verstehen, das Geschäft des Landkaufes in Palästina recht schlecht erlernt haben. Eine systematische Kolonisation verlangt außerordentlich hohe Mittel, und dazu ist es nötig, daß nicht nur die zionistische Gesellschaft, die sich die Kolonisation zur Aufgabe gemacht hat (Palestine Land Development Company), finanziell gut ausgestattet wird, sondern auch, daß man auf die Leitung der Ica einwirkt, daß sie in größerem Maße, als es jetzt geschieht, ihre Mittel für die palästinensische Kolonisation flüssig macht Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß nirgends in der Welt gleich günstige Bedingungen vorhanden sind, einen jüdischen. Bauernstand. zu erziehen wie in Palästina. Dieser Erkenntnis wirdsich jetzt die Ica, wenn die administrativen Schwierigkeiten wegfallen, hoffentlich nichtverschließenund einsehen, daß sie in 'keiner Weise besser den Willen ihres Stifters erfüllen kann. Oberhaupt, ist zu erwarten, daß die Anhänger der palästinensischen Kolonisation innerhalb des Judentums bald an Zahl zunehmen werden und daß zunächst/die Anhänger der Ito sich, besinnen werden, daß jetzt auch jeder Schatten ihrer Existenzberechtigung geschwunden ist Die Kolonisation Palästinas wird jetzt mehr als früher in erster Linie eine Frage der Mittel sein, und man soll hoffen, daß das jüdische Volk sich aufraffen wird, um die Mittel aufzubringen. Abgesehen von diesem durch die veränderte Lage wahrscheinlich gebotenen Vorteile darf man die übrigen, insbesondere den Wert des -türkischen Parlaments für die jüdischen Einwohner der Türkei, nicht überschätzen. Wenn man auch imguten Falle eine ganze Anzahl jüdischer Deputierter ins' Parlament durchsetzt, so -werden sie ebenso, wie es in anderen Parlamenten, die jüdische Mitglieder besitzen, der Fall ist nicht in der Lage sein, hier speziell jüdische Interessen wahrzunehmen. Der Wert des Parlamentes kann nur darauf beruhen, daß es, von modernen freiheitlichen Anschauungen geleitet allen Nationen und Konfessionen des türkischen Reiches in gleichem Maße Gerechtigkeit widerfahren läßt' Trotzdem ist es natürlich von Bedeutung, daß die Juden ihrer Zahl nach entsprechend im Parlament vertreten seien. Insbesondere ist es wichtig, daß die palästinensische jüdische Bevölkerung einen jüdischen Abgeordneten bekomme. Zu diesem Zwecke ist ein friedliches Zusammengehen aller Juden des Landes erforderlich. Die Aufrechterhaltung desFriedens ist selbst wichtiger als die Wahl eines zionistischen Kandidaten. Mit großer Energie jedoch müssen wir von Anfang an dem entgegentreten, daß die politische Bewegung hier im Lande assimilatorische Nuancen annimmt. Wie'überall, sind auch in vielen Teilen" der Türkei assimilierte Schichten unter den Juden zu beobachten. Jetzt wird sicherlich unter dem Einflüsse des politischen Aufschwunges, der vorherrschenden liberalen Ideen eine stärkere bewußte Assimilationsströmung entstehen. Wenn die Assimilation in jenen Großstädten der Türkei, die sich durch höhere Kultur .auszeichnen und nur eine geringe jüdische Bevölkerung besitzen, erklärlich ist, so wäre sie in Palästina, durchaus unnatürlich. Hier nämlich sind die Juden - als kulturell höher stehendes Element, zum größten Teil aus. Einwanderern bestehend, in ihrer Masse festgeschlossen und von der Landesbevölkerung scharf geschieden. Der größte Teil der letzten zwei Generationen ist auch von einem starken Nationalgefühl beseelt und wird jede assimilatorische Anwandlung mit Erfolg überwinden. Es handelt sich nun :darum, von Anfang an, der politischen Bewegung Jiier im Lahde jede in der Sache unBerechtigte assimilatorische Form zu nehmen. Man soll, sich nicht auf Parteidoktrina, wo sie nicht am Platze sind, versteifen, aber niemals den jüdisch-, nationalen .tharakter zu verleugnen suchen, um so weniger als es der nichtjüdischen Bevölkerung durchaus verständlich ist daß. die Juden unter religiösem und nationalem Banner geeinigt auftreten. Sollen die Juden für die Dauer einen tatsächlichen Einfluß auf die politische Lage "im Lande ausüben, dann müssen vor allem die zahlreichen ausländischen Juden die türkische Staatsbürgerschaft